Kultur
Essen
Reise durch die Eiszeit
(oc). Nach der alarmierend heftigen Hitzewelle dieses Sommers ist ein Besuch der Essener Ausstellung überLeben in der Eiszeit sicher eine gute Abwechslung. 2,6 Millionen Jahre Erdgeschichte werden hier in spektakulären Originalfunden wie dem Mammutschädel von Haltern, in lebensgroßen Tier-Rekonstruktionen, seltenen Zeugnissen eiszeitlicher Pflanzenwelt und eindrucksvollen Animationen wie einem Flug durch die Ruhrtal-Landschaft der Eiszeit erlebbar gemacht – wobei es damals wohlgemerkt sowohl warme wie kalte Perioden gab. Die in Bottrop gefundene Fährten-Platte mit Hunderten von Tierspuren wird in einer animierten Nachbildung zum Leben erweckt. Auch Homo sapiens taucht auf und dessen Vorfahr, der Homo heidelbergensis, so benannt nach einem Fund am Neckar. Am Ende der Schau stellt die Soundinstallation eines heutigen schmelzenden Gletschers uns die Frage, ob wir die von uns ausgelöste Klimakatastrophe noch abwenden wollen und können.
Ruhr Museum UNESCO-Welterbe Zollverein, 12-Meter-Ebene, Gelsenkirchener Str. 181, 45309 Essen, bis 10. 1. 2027
„Vom Himmel hoch …“: Dada-Ausstellungseröffnung mit Kuratorin Dr. Katharina Günther. Foto: Daniela Tobias
Solingen
Durchlüftung der Köpfe
(oc). „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!“ bellte ein Plakat auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin 1920 das Publikum an. Der Wahnsinn des Weltkriegs war eben erst verraucht. Damit sollte nun endgültig Schluss sein, das war die einhellige Überzeugung von Künstlerinnen und Künstlern wie George Grosz, Hannah Höch und John Heartfield. Die Gruppe, schon 1916 gegründet, hielt zwar nur einige Jahre, aber ihr Impuls, vor allem in politischer Hinsicht, wirkte weiter. Nicht umsonst schmähten die erstarkenden Nationalsozialisten Dada als „entartet“. Das Zentrum für verfolgte Künste, Solingen, zeigt noch bis 13. 9. eine sehenswerte Ausstellung über Dada als politische Kunst zwischen den Weltkriegen. Sie macht auch deutlich, dass sich die Dadaist:innen unterschiedlichster Stile und Genres bedienten. Hier hängt ein schweinsköpfiger Hauptmann als „preußischer Erzengel“ von der Decke, dort zaubert Sophie Taeuber-Arp zarte Figurenszenen.
Bis 13. 9. im Zentrum für verfolgte Künste, Wuppertaler Str. 160, 42653 Solingen, verfolgte-kuenste.com; Finissage am 13. 9., 15 Uhr: Dialogführung mit Rosa Räderscheidt, Enkelin eines rheinischen Dada-Künstlerpaares
Lara mit der Lesebrille, das zweitklügste Schaf im Stall. Foto: Patrick Wally/ZDF
Miniserie, ZDF-Mediathek
„Die essen uns!“
(oc). Unter den Schafen ist man überzeugt, in der besten aller Welten zu leben. Seit Jahrtausenden hat man die Menschen domestiziert, sie dienen ausschließlich dem Wohl der Schafe, die sich so ganz der Esoterik und anderen Regressionen hingeben können. Aber Schaf Oliver aus der Herde, von der die schräge deutsch-österreichische Miniserie Sheep erzählt, durchschaut den Trug, nachdem er auf dem Bauernhof eine grausige Entdeckung gemacht hat. Auch sein Herdenkollege Hans hat ein mulmiges Gefühl und ruft dauernd „Luftpumpe!“, bis sich die Pumpe des Bauern als Bolzenschussgerät erweist. Allmählich erwachen die Vierbeiner aus ihrer Lethargie und hecken unter Anleitung von Schaf Lara – Markenzeichen: hochgeschobene Lesebrille, Stimme von Birgit Minichmayer – einen militanten Befreiungsplan aus. Unmöglich, das komplexe Geschehen hier zu erzählen und zu verraten. Sheep bietet jedenfalls viel schrägen Witz, auch was die Szenen aus der Welt des sogenannten Homo Sapiens betrifft. Mäh!
Sheep, fünf Folgen, Gesamtdauer ca. 92 Minuten + 16 Min. Making-of
„Begreift es, daß Euer erlogenes Glück Euch zu lächelnden Sclavinnen gemacht hat“: Mathilde Franziska Anneke
Düsseldorf
„Das Weib im Conflict“
Mathilda Franziska Anneke? Ja, diese Frau aus dem 19. Jahrhundert, eine Vorkämpferin für Demokratie und Frauenrechte, bleibt ein Geheimtipp. Die Tochter eines Gutsbesitzers wuchs an der Ruhr auf, heiratete leider einen trunksüchtigen und gewalttätigen Weinhändler, gegen den sie Scheidung und Unterhaltsklage einreichte – nicht gerade das, was sich damals für eine Frau ziemte. Aus der Not heraus begann die alleinerziehende, mickrig abgefundene Mutter zu schreiben – Artikel, Gedichte, Reiseberichte, ein Theaterstück. Sie verkehrte in Debattierclubs, wo sie die neuen Ideen der Zeit aufsog und auch ihren künftigen Mann, den von der preußischen Armee geschassten Offizier Fritz Anneke, kennenlernte. Mit ihm ging sie nach Köln, kam in Kontakt mit Marx, Engels und anderen, verfasste das flammende Manifest Das Weib in Conflict mit den socialen Verhältnissen. Im amerikanischen Exil ging ihr Kampf weiter: für das Frauenwahlrecht und gegen die Sklaverei. – Mehr in einer Sonntagsmatinee des Heinrich Heine Salons.
20. 9., 11 Uhr, zakk, Fichtenstr. 40, 40233 Düsseldorf. Mit Enno Stahl, Irina Scholz und – am Cello – Donja Djember
Essay
Aufklärung im 21. Jahrhundert
Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom hat sich unter anderem mit brillanten Büchern zur Aufklärung des 18. Jahrhunderts einen Namen gemacht. Sein Fokus richtet sich aber zunehmend auf die Probleme, um nicht zu sagen: das Drama unserer Gegenwart. Blom, der in Wien lebt, äußert sich tagespolitisch kaum, vielmehr entwickelt er grundsätzliche Diagnosen zur Situation der Menschheit und denkt über Wege in eine lebenswerte Zukunft nach. Er tut es nicht akademisch abgehoben und womöglich verschwurbelt, sondern mit klarem Blick auf den Stand der Wissenschaften. Patentrezepte hat er nicht zu bieten, starre Lehrgebäude sind ihm ebenso suspekt wie revolutionäre Rhetorik, sein Denken ist ein offenes. All dies zeichnet auch Bloms Essay Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung aus. Es ist kein Buch zum Weg- und Runterlesen, keines der Zerstreuung, sondern der Konzentration, man & frau sollte bei jedem Satz mitdenken, er steht nicht zufällig da. Auch wird ein häufigeres Hin- und Herblättern kaum zu vermeiden sein, schon weil Blom für seinen Text eine Struktur gewählt hat, die sich bereits in Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique von 1697 findet: Der jeweilige Haupttext ist kurz und knapp, er führt aber eine Fülle von Anmerkungen im Schlepptau, worin die Dinge vertieft und hinterfragt werden. Der Autor nennt es „einen sich selbst kommentierenden Text, der so mit seinen Leser:innen, aber auch seinen eigenen Zweifeln im Dialog sein will.“
Die Verdunkelung, von der im Titel die Rede ist, stellt sich für Blom heute grellbunt dar. Es sind all die flimmernden Videowände, es sind unsere Bildschirme mit ihrer „von cleveren Algorithmen simulierten Welt“. Es ist die KI, die zunehmend bestimmt, „was Menschen online sehen und wie sie die Welt um sich herum interpretieren (…) Maschinen trainieren Menschen zu maschinenkonformem Verhalten und nutzen dafür die Lust- und Belohnungsmechanismen des Eidechsenhirns, direkt am Großhirn vorbei.“
Weckt dieses Buch Zuversicht?! Am wichtigsten ist wohl: Es färbt die Lage nicht schön. Im Übrigen halte man sich an den 2000 Jahre alten Horaz: „Wer begonnen hat, hat die Hälfte schon geschafft: Wage es, weise zu sein, beginne!“
olaf cless
Philipp Blom: Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung, Brandstätter Verlag, 224 Seiten, 22 Euro
Roman
Verzwickte Familienbande
Am Meerschwein übt das Kind den Tod: Mit ihrem ungewöhnlichen Titel zitiert die Autorin einen beiläufig geäußerten Satz ihrer Mutter. Damit ist der Ton des Buches vorgegeben: traurig und komisch, leise und brutal. Brillant beschriebene Szenen empören die Leserin und lassen sie zugleich schmunzelnd den Kopf schütteln. Wird mit diesem „Nachrough“ auch auf die Unmöglichkeit hingewiesen, über eine geliebte Person linear zu erzählen, und darauf, dass das Buch einfach nicht einem literarischen Genre zuzuordnen ist, weil die erinnerte Wirklichkeit zu grotesk und bestenfalls episodisch und mit Symbolen erzählbar ist?
Die Mutter erscheint in diesen Episoden gleichermaßen (über-)fordernd, kühl, schrecklich klug und tieftraurig, hoch depressiv und fröhlich zupackend. Sie hängt an ihrem Mann und am Kind Nora – das mit sechs schon Heines Buch der Lieder zitiert, die Literatur der Eltern aufsaugt und mit ihnen die Welt bereist – und überlässt es seinen Phantasien und seiner Einsamkeit. Nora wiederum ist glücklich, wenn sie sich der schönen eleganten Mutter nahe fühlen darf.
Vater Gomringer, unnahbar, egoman, genial, chronisch eifersüchtig und untreu, dominiert im Hintergrund und bestimmt wesentlich die bizarre Konstellation der Familie, die für die Tochter, die zum Beispiel ihre Halbbrüder kaum kennt, auf „Halbwahrheiten“ beruht. Das wird im Zustand der Trauer nach dem Tod der Mutter – von der Autorin großartig und höchst eindringlich erzählt – besonders deutlich. Tod und Trauer sind in den meisten Episoden des Buches gegenwärtig, verlieren aber ihre Düsternis nicht zuletzt durch die Bewältigungsstrategien der genauen Beschreibung und Analyse.
margarete pohlmann
Nora Gomringer: Am Meerschwein übt das Kind den Tod. Ein Nachrough. Voland & Quist, Roman, 208 Seiten, 5. Aufl., gebunden 24 Euro
Wörtlich
„Die Orte, wo man noch Gemeinsamkeit erleben kann, ohne sich gleich die Köppe einzuhauen, haben heute mit Kunst und Kultur zu tun. Oder mit Sport. Empathie ist erfahrbar und erlernbar.“
Wilfried Schulz, 74, der seit 2016 das Düsseldorfer Schauspielhaus geleitet und nun seinen Abschied genommen hat