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Viele Firmen, wie etwa die IG Farben, waren maßgeblich für das Funktionieren des NS-Staates verantwortlich, indem sie Rüstungsgüter produzierten und Zwangsarbeit einsetzten. Unser Foto: Der Prozess gegen die Konzernmanager vor dem US-amerikanis

Die Deutschland AG – Netzwerk aus Banken, Industrie und Politik

Die Deutschland AG prägte bis in die 1990er Jahre maßgeblich die Unternehmenskultur als auch die Politik der Bundesrepublik. Sie war besonders durch folgende Merkmale geprägt: enge Verflechtungen zwischen Banken und Industrieunternehmen, gegenseitige Beteiligungen zur Sicherung von Kapital und Einfluss, langjährige Vorstandskarrieren und die Förderung von Unternehmensinteressen durch ein dichtes Geflecht von Beziehungen. Dieses Netzwerk beruhte auf gegenseitigen Kapitalbeteiligungen und einer Konzentration von Aufsichtsratsmandaten führender deutscher Manager, Gewerkschafter und Politiker. Die führenden Vertreter kannten einander persönlich, trafen in Aufsichtsräten und anderen Gremien aufeinander, stimmten sich gegen unliebsame Konkurrenz ab und sahen ihre vornehmliche Aufgabe darin, einen stabilisierenden Einfluss auf die Wirtschaft auszuüben. 

Die Deutschland AG trug lange Zeit wesentlich zur wirtschaftlichen Stabilität bei. Das Netzwerk zwischen Banken und Industrie sicherte Kapitalflüsse, erleichterte strategische Planung, sicherte Know-how-Transfer sowie Innovationsförderung. Was gut sei für die Deutsche Bank, sei auch gut für Deutschland, so soll der einflussreiche deutsche Bankmanager Herrmann Josef Abs das Credo der Deutschland AG zusammengefasst haben. Dass die enge Verflechtung zwischen Banken und Industrieunternehmen geringe Markttransparenz zur Folge hatte, die Mitsprache der Aktionäre einschränkte, zu potenziellen Interessenkonflikten und eingeschränktem Wettbewerb führte, war für die Deutschland AG unwesentlich. Überhaupt blieben für das Ziel der Gewinnmaximierung alle moralischen Bedenken außen vor. Hier nur zwei Beispiele von vielen möglichen: Deutsche Unternehmen profitierten vom Kolonialismus und der Sklaverei, so finanzierte Alfred Krupp eine Expedition der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, und auch die heutige Commerzbank verdiente mit den Kolonien gutes Geld. 

Die Anfänge der deutschen Unternehmenskultur lassen sich bis in die Kaiserzeit zurückverfolgen. In den sog. „Gründerjahren“ der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden Unternehmer wie Alfred Krupp in Essen und Werner von Siemens in Berlin zu Pionieren. Ihre Handwerksbetriebe wachsen zu gewaltigen Unternehmen heran, beschäftigen zunächst hunderte, dann tausende Mitarbeiter. Andere folgen. Die Farbenfabriken Bayer in Leverkusen, BASF in Ludwigshafen und Hoechst bei Frankfurt. Dann Dresdner Bank, Commerzbank und Deutsche Bank. Später kommen Daimler, Allianz und Mannesmann hinzu. „Das Erstaunliche ist“, so Konstantin Richter: „Die Konzerne, die sich damals entwickeln, bauen derart solide Strukturen auf, dass sie nicht bloß den Ersten Weltkrieg überstehen, sondern auch die Inflation, die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg.“ Für diese bemerkenswerte Stabilität dürfte nicht zuletzt auch ihre schon früh einsetzende Vernetzung im Sinne der späteren Deutschland AG ein maßgeblicher Grund gewesen sein.

Mit der Hitler-Zeit öffnet sich das dunkelste Kapitel der Deutschland AG. Die meisten Unternehmer akzeptierten, dass eine neue Zeit angebrochen war, und machten ihren Frieden mit Hitler – manche innerlich widerstrebend, andere bereitwillig oder sogar begeistert. Zwar verloren die Industriellen ihren Einfluss auf die Politik, doch gewährten ihnen die Nationalsozialisten Autonomie innerhalb der Betriebe und zerschlugen die Gewerkschaften. Viele Großbetriebe fuhren kontinuierlich steigende Gewinne ein und profitierten dabei insbesondere von einer gigantisch aufgeblähten Rüstungsindustrie. Kein bedeutender Großindustrieller, der in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft in den aktiven Widerstand gegangen wäre, keiner auch, der einer großen Anzahl von Juden und anderen Verfolgten zu Hilfe gekommen wäre. Vielmehr stand auch hier der Profit im Vordergrund. So ließ sich beispielsweise BMW KZ-Häftlinge von der SS zur Verfügung stellen, Siemens produzierte in Auschwitz und Lublin mit von der SS angemieteten KZ-Häftlingen.

Andere wiederum, wie die IG Farben, waren maßgeblich für das Funktionieren des NS-Staates verantwortlich, indem sie Rüstungsgüter produzierten und Zwangsarbeit einsetzten. Der Historiker David de Jong hat jüngst noch in seinem Buch Nazi Billionaires: The Dark History of Germany's Wealthiest Dynasties nachgewiesen, dass Familien wie Quandt, Porsche-Piëch und Flick, die bis heute zu den reichsten Deutschlands zählen, ihren Reichtum der Enteignung jüdischer Unternehmer und Zwangsarbeit in KZ-Außenlagern verdanken. Viele der Industriellen und Banker, die mit Hitler kooperierten, finden sich später in der Bundesrepublik auf ihren Vorstandposten wieder. Hermann Josef Abs zum Beispiel, während der Zeit des Nationalsozialismus Vorstandmitglied der Deutschen Bank sowie ab 1940 Mitglied des Aufsichtsrats der I.G. Farben. Nach kurzer Haft stieg er wieder ins Bankgeschäft ein und wurde von 1957 bis 1967 Vorstandssprecher, danach, bis 1976, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank. 

Als Hochphase der Deutschland AG gelten die 1950er und 1960er Jahre. Zu ihrem Zentrum wurden die großen deutschen Finanzinstitute, insbesondere die Deutsche Bank und die Allianz mit ihren großen Industriebeteiligungen. Die Thyssen AG gehörte dazu, die Krupp AG, Klöckner, Ruhrkohle, Daimler Benz, Volkswagen, BASF, Mannesmann, Preussag, Hoesch, Ruhrgas AG, um nur einige zu nennen. Das unerwartet schnelle und nachhaltige Wirtschaftswachstum ab Anfang der 1950er Jahre kam den Menschen wie ein Wunder vor. Motor dieses „Wirtschaftswunders“ war die Deutschland AG. Ökonomisch kaum messbar, aber dennoch überall zu spüren: der unbedingte Wille, das zerstörte Land wieder aufzubauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Die kollektive Verdrängung wirkte leistungssteigernd und identitätsstiftend. Der Arbeitskräftebedarf der aufstrebenden Wirtschaft war enorm. Das Realeinkommen der durchschnittlichen Arbeiterfamilie überschritt bereits 1950 das Vorkriegsniveau. Die Zahl der Arbeitslosen lag Anfang der 1950er Jahre noch bei über zwei Millionen, wurde aber ab 1952 zunehmend kleiner. Im Februar 1952 rollt in Wolfsburg der dreihunderttausendste Volkswagen vom Band, und bereits im August 1955 der millionste. Im Jahr 1960 verzeichnet die Bundesrepublik ein Wirtschaftswachstum von 8,6 Prozent; es herrscht Vollbeschäftigung. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und dem Elend der unmittelbaren Nachkriegszeit verlieh dieses „Wirtschaftswunder“ den Westdeutschen ein neues Selbstbewusstsein. 

Ab den 1970er Jahren kam das System der Deutschland AG zunehmend unter Druck, ihre klassischen Strukturen sind heute weitgehend aufgelöst. Die Globalisierung, die Liberalisierung der Finanzmärkte und die EU-Forderungen nach mehr Transparenz führten dazu, dass viele dieser engen Verflechtungen aufgelöst wurden. Der Bankeneinfluss auf Vorstände nahm ab, und die Eigentümerstruktur deutscher Unternehmen wurde vielfältiger. Aktuell steht die deutsche Wirtschaft vor einer höchst ungewissen Zukunft. Sie muss sich einer Vielzahl von mittel- und langfristigen Herausforderungen stellen. Die demografische Entwicklung und der Fachkräftemangel, die Knappheit von Ressourcen und die Energiewende, der technologische Wandel und die großen Unternehmen aus China, der Aufstieg der Populisten und die Rückkehr der Freihandelsgegner. Auf die alten Strukturen aber, die den großen Unternehmen in früheren Krisen Sicherheit geboten haben, können sie nun nicht mehr zurückgreifen. 

Viele Deutsche blicken nostalgisch auf die 1950er und 1960er Jahre zurück, auf eine Zeit, wie es verklärend heißt, in der wir die Ärmel hochkrempelten, arbeiteten bis zum Umfallen, dabei eine leistungsstarke Industrie wiederaufbauten und die Dominanz auf den Weltmärkten zurückerlangten. Soll man dem Niedergang der Deutschland AG nachtrauern? Das Fazit von Konstantin Richter dazu: „Man muss den Verlust der Ordnung nicht bedauern, muss die Atmosphäre, die in den Konzernen herrschte, nicht vermissen. Streng hierarchisch waren sie, wenig offen für Außenseiter oder Andersdenkende, geprägt von den persönlichen Beziehungen einiger mächtiger Bankiers und Unternehmer. Der Niedergang dieser Netzwerke erscheint aus heutiger Sicht fast unumgänglich, die dreihundert Männer passten nicht länger in die Zeit, auf die drängenden Probleme der globalisierten Gegenwart hätten sie womöglich keine Antworten.“
 

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Der Autor und Journalist Konstantin Richter zeichnet in seinem Buch den Aufstieg und Niedergang der deutschen Wirtschaftselite nach und zeigt, wie eng Wirtschaft, Politik und gesellschaftlicher Wandel miteinander verflochten waren; ein Epos, das rund 150 Jahre umspannt: vom Aufstieg der Deutschland AG bis zu ihrem Niedergang. Seine fesselnde, faktenreiche Darstellung, in der er Unternehmensgeschichte mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen verknüpft, wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2026 ausgezeichnet. 

Konstantin Richter: Dreihundert Männer – Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Suhrkamp 2025 (7. Auflage 2026). 543 Seiten, 30 Euro