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Nico, Papa Beule, Tomtom. Wo immer ihr jetzt seid: Wir vermissen euch. Möget ihr an einem Ort sein, an dem Schmerzen und Verachtung überwunden sind. (Foto: ff)

Was Menschen wert sind

Trauerrede von Hubert Ostendorf beim Gottesdienst für Nico, Papa Beule und Tomtom

Wir sind zusammengekommen, um Abschied zu nehmen. Drei Menschen sind gestorben. Drei Menschen mit einer Geschichte, einem Gesicht, einer Stimme, mit Hoffnungen, Enttäuschungen, Erinnerungen und Beziehungen. Drei Menschen, deren Leben geprägt war von Armut, Ausgrenzung, Sucht und den körperlichen und seelischen Folgen eines Lebens auf der Straße. Wer lange auf der Straße lebt, trägt oft Wunden in sich, die andere nicht sehen. Schmerzen, die nicht verschwinden. Erfahrungen von Ablehnung, von Verachtung, von Einsamkeit. Und doch wäre es falsch, diese Männer auf ihr Leid zu reduzieren. Denn ihr Leben bestand nicht nur aus Not. Es bestand auch aus Freundschaft. Aus Solidarität. Aus dem Zusammenhalt derjenigen, die selbst wenig haben und dennoch füreinander da sind. Es bestand aus den Begegnungen auf der Straße, aus gemeinsamen Tagen und Nächten, aus gegenseitiger Hilfe, aus Loyalität.

Vielleicht führt uns ihr Tod zu einer Frage, die weit über diese drei Leben hinausweist: Was ist ein Mensch wert? In einer Gesellschaft, die Erfolg, Leistung, Besitz und Selbstoptimierung hoch schätzt, geraten Menschen leicht aus dem Blick, die all das nicht vorweisen können. Menschen ohne Wohnung, ohne Einkommen, ohne gesellschaftliches Ansehen werden oft behandelt, als hätten sie ihren Platz verloren. Als seien sie gescheitert. Als seien sie weniger wert. Aber die Antwort auf die Frage nach dem Wert eines Menschen darf niemals von solchen Maßstäben abhängen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist nicht an Besitz gebunden. Nicht an Gesundheit. Nicht an gesellschaftliche Anerkennung. Nicht an Produktivität. Sie gilt für jeden Menschen.

Gerade die Begegnung mit obdachlosen Menschen erinnert viele von uns daran. Wer einem Zeitungsverkäufer oder einer Zeitungsverkäuferin gegenübersteht, wer ins Gespräch kommt, wer zuhört, begegnet oft einer Persönlichkeit von großer Tiefe. Einer Lebenserfahrung, die von Schmerz geprägt ist, aber auch von Mut, Überlebenswillen und Menschlichkeit. Viele Bürgerinnen und Bürger gehen nach solchen Begegnungen nachdenklich weiter. Manchmal betroffen. Manchmal beschämt. Weil sie spüren, wie schmal die Grenze sein kann zwischen Sicherheit und Absturz. Weil sie erkennen, dass hinter dem Etikett „obdachlos“ ein Mensch steht, der gesehen werden will.

Der Tod von Menschen auf der Straße ist nicht nur ein persönliches Schicksal. Er ist ein gesellschaftlicher Skandal. Wenn Menschen Jahre ihres Lebens unter Bedingungen verbringen müssen, die krank machen und die Lebenserwartung verkürzen, dann dürfen wir das nicht als Normalität hinnehmen. Wenn Menschen an den Folgen eines harten Lebens auf der Straße sterben, dann ist das nicht nur ihr individuelles Schicksal. Es ist auch Ausdruck eines Versagens unserer Gesellschaft.

Deshalb sind wir zu Recht hier. Wir trauern. Aber wir klagen auch an. Wir klagen die Gleichgültigkeit an. Die Verdrängung. Die politischen Versäumnisse. Die Zustände, die Menschen in die Obdachlosigkeit treiben und sie dort festhalten. Und gerade deshalb dürfen wir nicht bei der Trauer stehen bleiben. Als Organisation fiftyfifty arbeiten wir daran, Obdachlosigkeit zu überwinden. Mit konkreten Maßnahmen. Mit politischem Engagement. Mit Projekten wie Housing First, die zeigen, dass ein anderes Handeln möglich ist. Dass Wohnen ein Menschenrecht ist. Dass Menschen Stabilität brauchen, bevor sie ihre Probleme lösen können – nicht erst danach. Auch deshalb erinnern wir an Nico, Papa Beule und Tomtom. Damit ihre Namen nicht vergessen werden. Damit ihr Leben nicht auf die Umstände ihres Todes reduziert wird. Und damit wir uns daran erinnern, dass jeder Mensch Anerkennung verdient.

Immer wieder erleben wir, dass Angehörige von verstorbenen obdachlosen Menschen überrascht sind, wenn sie erfahren, welche Wertschätzung ihren Verwandten entgegengebracht wurde. Neben aller Verachtung und Diskriminierung, die sie erfahren mussten, gab es auch Freundschaft. Respekt. Zuneigung. Menschen, die sie vermissen. Menschen, die um sie trauern. Das zeigt uns etwas Wesentliches: Kein Mensch ist bedeutungslos. Kein Mensch lebt vergeblich. Jeder Mensch hinterlässt Spuren in den Herzen anderer. Nun nehmen wir Abschied. Von Nico. Von Papa Beule. Von Tomtom. Wo immer ihr jetzt seid: Wir vermissen euch. Möget ihr an einem Ort sein, an dem Schmerzen und Verachtung überwunden sind. An einem Ort, an dem niemand friert, niemand ausgeschlossen wird und niemand um seine Würde kämpfen muss. Wir werden euch nicht vergessen. Ruhet in Frieden.