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Paul konsumiert wieder Kokain. Er ballert es, das heißt: er spritzt es sich in die Venen. (Foto: Hubert Ostendorf mit KI)

Gespensterjäger

Der Mann vor mir weint. Die Tränen laufen ihm über das aufgequollene Gesicht. Seine Augen sind gerötet. Er sieht ziemlich fertig aus und ist sehr traurig. Er sitzt auf einem Sofa in seiner Wohnung. Überall steht schmutziges Geschirr herum. Neben der Couch ein Turm von leeren Pizzaschachteln. Auf dem Couchtisch steht eine Ansammlung von Wodkaflaschen zwischen leeren Tabakpäckchen und zwei überquillenden Aschenbechern. Ich erinnere ihn an den Tag vor neun Jahren. Es war Winter, bitter kalt und er saß auf einer Decke am Rathausplatz. Die Lippen waren blau angelaufen und er zitterte am ganzen Körper. Der Schnodder lief ihm aus der Nase. Damals waren zwei große Flaschen Wodka die normale tägliche Dosis. An diesem Wintertag hat er auch geweint, als wir ihm gesagt haben, dass wir eine Wohnung für ihn hätten. Er konnte es nicht glauben und weinte vor Glück. Es gibt eine einzige Bedingung, habe ich damals zu ihm gesagt: Wenn du in deiner Wohnung Probleme hast, musst du zu mir kommen, dann werden wir alles hinbekommen. Er hat mir sein Wort gegeben. Der Mann heißt Rüdiger und war fast 20 Jahre lang auf der Straße. Vor neun Jahren hat er im Projekt Housing First eine eigene Wohnung bekommen. Seit ein paar Wochen ist das Gespenst wieder da. Das Gespenst heißt Wodka. Es hat ihn komplett im Griff. Ich habe ihn von der Beratungsstelle unseres Straßenmagazins fiftyfifty nach Hause gefahren. Da sitzen wir nun auf seiner Couch. Ich möchte ihn in die Entgiftung fahren, doch das Gespenst ist sehr hartnäckig. Eine fiese Fratze, die einem aber die Angst nimmt, die Verletztheit wegspült, aber die Wirklichkeit verschleiert. Auf der Couch gibt er mir erneut ein Versprechen. Zwei Tage später fährt ihn meine Kollegin Charlotte in eine Klinik zur Entgiftung. Nach vier Wochen treffe ich ihn wieder. Er steht hinter der Theke in der Kantine des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales und gibt Essen aus. Er macht dort ein Praktikum. Er strahlt mich an. Das Gespenst ist weg.

Ein anderer Klient, Oliver, ruft mich an, er müsse dringend mit mir sprechen. Wir kennen uns schon ein halbe Ewigkeit. Als er über die Straße kommt, sehe ich es schon aus 50 Meter Entfernung. Der hektische Gang, mehrfach hebt er etwas vom Boden auf. Dann schaue ich in seine Augen, die Pupillen wie Stecknadeln. Dieses Gespenst heißt Kokain. Seit Monaten konsumiert Oliver wieder harte Drogen. Er will aufhören, er weiß, dass er es schon geschafft hatte, jahrelang. Wir sprechen über eine Entgiftung, ich gebe ihm die Nummer der Klinik. Dort muss er sich jeden Tag um eine bestimmte Uhrzeit melden, um einen Platz zu bekommen. „Es ist nur der Kopf, Kopfkino, der Film im Kopf“, sagt er zu mir. Er will kämpfen. Er entscheidet sich, es alleine zu machen, er gegen das Gespenst. Diesmal müsse er es alleine schaffen, sagt er zu mir, für ihn, für sein Selbstvertrauen. Seit Wochen kämpft er nun schon, jeder Tag ohne Kokain, ein Gewinn. Das Gespenst wird blasser…

Vier Jahre und 178 Tage hatte Sebastian die halbvolle Schnapsflasche im Küchenregal stehen. Seitdem er vom Entzug aus der Klinik gekommen ist. Jeden Morgen lächele er sie an, die Flasche in seinem Regal. Sie könne ihm nichts mehr anhaben, hat er mir mal erzählt, als ich seiner Wohnung war. Nach vier Jahren und dem 179sten Tag hat er sie ausgetrunken, in fast einem Zug. Eine Woche lang haben wir ihn auf der Straße gesucht. Als wir in fanden, mit zerrissenem T-Shirt, völlig breit, die Haare strohig am Kopf festgeklebt, in Badelatschen, dachte ich, ich sehe ein Gespenst. Auf dem Weg zum Auto, mit dem wir ihn zur Klinik fahren wollen, lallert er mich voll. Dann fängt er an auf polnisch zu schimpfen. Ich schnauze ihn an, er solle in das verdammte Auto steigen und die Klappe halten. Nach der Entgiftung dauert es über drei Jahre bis zur erneuten Geisterstunde. Gespenster kann man leider nicht erschießen… Sie sterben nicht, sie sind einfach nur weg und dann wieder da.

Paul habe ich einige Jahre nicht gesehen. Er ist nach Jahren auf der Straßen und der Drogenabhängigkeit mit seiner Freundin zusammen gezogen. Sie haben ein Kind. Er hatte Arbeit, hat den Kleinen zur Kita gebracht. Familienleben. In dem Polizeibericht, den ich lese, steht etwas von einer eingeschlagenen Haustür, von Nachbarn, die die Polizei geholt haben, von Widerstand gegen Polizeibeamte, von seiner Freundin, die möchte, dass er die Wohnung verlässt, weil sie richtig Angst vor ihm hat. Es ist Gespensterstunde, ein kleines bisschen Horrorshow. Paul konsumiert wieder Kokain. Er ballert es, das heißt: er spritzt es sich in die Venen. An dem Morgen, als er den Termin zur Entgiftung in der Klinik hat, kommt er nicht. Wir wollten ihn hinfahren. Wir suchen ihn am Worringer Platz, im Drogenhilfezentrum verpassen wir ihn um ein paar Minuten. Er geht an dem Tag nicht in die Klinik. Beim nächsten Versuch bleibt Paul nur eine Nacht in der Klinik, dann haut er ab. Am nächsten Tag steht er vor der Tür der Sozialberatung von fiftyfifty. Wir sprechen mit ihm. Akzeptieren die Situation, reden ihm gut, es noch mal zu probieren. Er zeigt uns stolz sein Handy, das er noch nicht verkauft hat, um sich von dem Geld wieder Stoff, heißt Kokain, zu kaufen. Gespensterjäger.

Oliver Ongaro