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(Foto: Guido Schröder

Erkenntnisse

Von Abdelkarim*

Machst du Sport? Ich bin seit 20 Jahren angemeldet. Ich weiß, viele knicken ein - ich zieh das durch. Wenn ich heute trainieren wollen würde: ich könnte. Ich habe in den letzten zwölf Monaten 17 Kilo abgenommen. Ich freu mich wirklich. Es ist nicht einfach. Ich muss dazu sagen, es war 17 Mal das selbe Kilo. So’n Pendelverkehr, hin und her. Der Hauptgrund für mein Gewicht ist ja meine großen Füße. Ich habe Schuhgröße neunundvierzigkommafünf. Mir hat ein Schuhverkäufer gesagt: Da darf nicht mehr viel passieren. Neunundvierzigkommafünf kriegen wir noch hin. Ab fünfzig wäre Zoobedarf. Ich hab mir letzte Woche Socken von Puma gekauft, hab die angezogen - der Puma sah aus wie ein Dackel. Wo wir schon bei Hunden sind. Ich hab vor ein paar Tagen ein Gespräch mitbekommen. Wenn ihr mir das Gespräch erzählen würdet, ich würde es euch nicht glauben. Es ist wirklich genauso passiert. Ich saß im Bus ganz hinten mit den anderen Coolen. Da waren drei Jungs, maximal 15 Jahre alt, Südländer, und die haben sich unterhalten. Einer der drei war einen Tag vorher beim Klassenkameraden Thomas, und die anderen beiden wollten wissen: Ist Thomas wirklich so reich, wie die ganze Schule vermutet?

„Erzähl mal, wie ist das Haus von denen?“

„Richtig krass, jeder hat ein eigenes Zimmer. Die haben auch im Keller so’n Kinosaal. Und die haben diese teuren Hunde, diese seltenen, wie heißen die nochmal?“

„Schäferhund!“

„Nein, Mann, ich meine wirklich so’n seltener Hund, diese weißen mit den schwarzen Punkten, so punktmäßig.“

Ruft einer rein: „Dalmatiner“

„Ja genau, die mein ich.“

„Sind die selten, oder was?“

„Ja, davon gibt’s weltweit nur hunderteins.“

Das find ich richtig super. Da hab ich was dazugelernt. Es ist eine Erkenntnis. Die nimm ich mit nach Hause: Auch bei jungen Leuten zuhören. Seitdem weiß ich: Es gibt weltweit hunderteins Dalmatiner. Wenn ein neuer auf die Welt kommt, wird ein anderer vom Balkon geschmissen. Ganz einfach.

Ich muss mich ja mehr bewegen. Züge in Duisburg fahren nicht. Ich fliege so gut wie nie. Weil ich mir immer einrede: Die Planung dauert zu lange. Wenn ich mal fliegen muss, merke ich, es ist easy. Es ist wie Zugfahren, nur mit Ankommen. Wenn man selten fliegt, so wie ich, ist es immer eine Abenteuerreise. Ich bin mal von München nach Berlin geflogen. Ich hatte zwei Wochen Jetlag. Und ich bin der Einzige, der wirklich zuhört, wenn die Stewardess erklärt: Was machen wir, wenn Irgendwas passiert? Absturz zum Beispiel. Ich höre zu. Ich schreib mit. Ich lern auswendig. Alle anderen schauen mich an. Weil die wissen: Wenn wir abstürzen, dann wegen ihm. Und ich gebe zu, ich dachte ganz lange, das Klischee ist tot: Oh, der böse Moslem im Flugzeug! Das kann jetzt böse enden. Aber wenn ich fliegen muss, merke ich, es ist wirklich sehr aktuell. Kaum bin ich am Flughafen, sehen die Menschen in mir einen Nachrichtenrückblick. Aber ich schaffe es am Flughafen, Paare, die Streit haben, wieder zusammen zu bringen. Ich bin nur eine Sekunde am Flughafen - Männer rufen ihre Frauen an oder umgekehrt: „Schatz, ich liebe dich. Alles wird gut, wir kriegen das hin.“ Das ist meine Kraft. Ich bin letztes Jahr nach Spanien geflogen. Ich bin richtig happy im Flugzeug, setz mich zu nem älteren Mann und frag ihn, ohne mir Irgendetwas dabei zu denken: „Und, Sie freuen sich auch aufs Paradies?“ Das war nicht gut. Als Moslem. Besser: Hinsetzen. Froh sein, dass man mitdarf. Alles gut. Wenn das Flugzeug landet, kann man immer noch reden. So etwas wie: „Mist, zündet nicht.“ Oder irgendwie sowas. Um das Aussteigen zu beschleunigen.

 

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5.11. Duisburg in der Rheinhausen-Halle
zum Teilnehmen eine Mail an: m.risch@fiftyfifty-galerie.de

 

Abdelkarim

… wurde am 6. Oktober 1981 als Sohn marokkanischer Einwanderer in Bielefeld geboren. Er ist Komiker, Kabarettist sowie Fernsehmoderator und lebt in Duisburg. Nach dem Abitur studierte er Germanistik und Islamwissenschaft und wechselte später zu Jura. Er brach das Studium ab, um sich auf seine Comedykarriere zu konzentrieren. Abdelkarims Programme umfassen u. a. seine Erfahrung mit der Jugendkultur, der Hauptschule und dem Leben als Kind marokkanischer Migranten. Mit seinem Programm „Plan Z“ ist er derzeit auf Tour, zudem in zahlreichen Stand-Up-Comedy-Veranstaltungen und Fernsehshows. Er bekam viele Auszeichnungen, u.a. den deutschen Fernsehpreis.

*Transkript (gekürzt) aus: youtube.com