Kultur
Essen
Rebellion und Realismus
(oc). Ich, Gustave Courbet – der Titel der großen Ausstellung im Folkwang Museum deutet auf das Selbstbewusstsein des französischen Malers (1819-1877) hin. Das brauchte er auch auf seinem mitunter steinigen Weg zum wichtigsten Vertreter der realistischen Malerei seines Landes. Vor der Revolution von 1848 hatten die wenigsten seiner Werke eine Chance, gezeigt zu werden. Das sollte sich bald ändern, und doch machte Courbet noch zur Weltausstellung 1855 einen eigenen „Pavillon du Réalisme“ auf, um unabhängig zu sein. Er scheute keine Skandale, etwa mit seinem gewagten Bild Der Ursprung der Welt, oder auch schon, indem er ein paar betrunkene Geistliche auf der Landstraße malte. 1870 ließ er sich zum Stadtrat der Pariser Commune wählen, was er nach deren Niederschlagung mit einer Haft- und Geldstrafe zu büßen hatte. 1873 konfrontiert mit einer kolossalen Schadenersatzforderung des Staates, blieb ihm nur die Flucht. Er starb arm und krank in der Schweiz.
Bis 8. 11., Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen
Nora Gomringer auf dem Blauen Sofa der Leipziger Buchmesse 2017. Foto: Heike Huslage/wikipedia.org
Leverkusen, Mönchengladbach u. a.
Die Sache mit dem Meerschweinchen
(oc). Der Tod ihrer Mutter, der sie ebenso wie ihrem berühmten Vater viel verdankt, verschlug der gefeierten Lyrikerin Nora Gomringer erst einmal gründlich die lyrische Sprache. Dafür war bei ihr plötzlich die Prosa da. Und so schrieb sie unter dem Titel Am Meerschwein übt das Kind den Tod (2025) ein Erinnerungsbuch und zugleich Prosadebüt, von dem die Kritik einhellig beeindruckt und begeistert war – „ein sprachlich herausragendes, ambivalentes, seelenvolles Zeugnis dessen, was es bedeutet, eine Familie zu sein und seine Eltern zu verlieren“, wie es in einer Besprechung heißt. Nora Gomringer, Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, ist neben vielen anderen deutschsprachigen und niederländischen Autorinnen und Autoren zu Gast beim 27. Literarischen Sommer, der im Juli begonnen hat und bis Mitte September noch zahlreiche spannende Lesungen in Aachen, Düsseldorf, Neuss, Krefeld, Venlo und anderswo beschert.
18. 8. Leverkusen / Gartenlesung, 19. 8. Mönchengladbach; literarischer-sommer.eu
Armin Müller-Stahl 2018 auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: smokeonthewater / wikipedia.org
Bedburg-Hau
Tag und Nacht auf der Erde
(oc). Nach dem Krieg wollte der junge Armin Müller-Stahl professioneller Geiger werden. Doch dann landete er, von der großen Helene Weigel unterstützt, beim Theater. Und später beim Film und Fernsehen. Fünf Mal wurde er zum beliebtesten Schauspieler der DDR gekürt. Bis er das Land Richtung Westen verließ und in Filmen wie Lola, Night on Earth und Die Manns brillierte. Auch Romane und Erzählungen schrieb er. Und obendrein widmete er sich zunehmend der bildenden Kunst. „Das ist eine Gefühlssache, das genieße ich sehr“, sagt er. Es steht in wohltuendem Kontrast zur Textarbeit als Schauspieler. Im Dezember ist Müller-Stahl 95 Jahre alt geworden – Anlass für eine große Ausstellung mit Gemälden, Zeichnungen, Lithografien und Radierungen, aber auch Filmausschnitten, Zeitschriften, Fotos und Plakaten. Zu sehen im Museum Schloss Moyland und allemal einen Besuch wert. Der multitalentierte Mann und wache Zeitgenosse malt übrigens weiterhin, Tag für Tag.
„Tag und Nacht auf der Erde“, bis 20. 9. im Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau
Sand, Springer, Stiefel: Szene aus Hiddensee © IT WORKS/Peter Brune
Kino
Kein ungestörtes Paradies
(oc). Für den kilometerlangen Weststrand könne man jede Karibikinsel sausen lassen, sagen viele über Hiddensee. Ähnlich dachten schon vor hundert Jahren manche Prominente und erwählten die nur 17 Kilometer lange Ostseeinsel zum Sommerdomizil – Gerhart Hauptmann, die Tänzerin Gret Palucca, die Stummfilmdiva Asta Nielsen und andere. Wenn jetzt unter dem Titel Hiddensee ein in aparten Schwarzweiß-Bildern gedrehter Dokumentarfilm in die Kinos kommt, sollte man sich vor der Erwartung hüten, einfach ein Vollbad in Naturschönheit und Nostalgie zu bekommen. Derart Kurzschlüssiges war noch nie die Art der Filmemacherin Annekatrin Henkel. Sie hat sich mit ungewöhnlichen Dokfilmen wie Vaterlandsverräter (2011), Familie Brasch (2018) oder Schönheit & Vergänglichkeit (2019) einen Namen gemacht und Preise erhalten. Und so bedient auch Hiddensee keine Klischees, sondern erzählt von den sich zuspitzenden politischen Verwerfungen auf der Insel wie im ganzen Land.
Kinostart 20. 8., 119 Minuten
Sachbuch
Jenseits der einfachen Wahrheiten
In den frühen 1990er Jahren kam es zu einer Büchervernichtung kolossalen Ausmaßes. Rund 80 Millionen Exemplare aus DDR-Produktion landeten auf Müllkippen, Äckern und in stillgelegten Tagebauen. Es folgte das große Aussortieren in den öffentlichen Bibliotheken, dann auch häufig deren Verschwinden selbst. Fast alle Verlage wurden abgewickelt, die Folgen wirken bis heute nach.
In Carsten Gansels überfälligem Buch Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand – der Autor, 1955 in Güstrow geboren, lehrt an der Universität Gießen, er war über Jahrzehnte der einzige Ostdeutsche auf einer Professur für Deutsche Literatur an einer westdeutschen Uni – in seinem Buch also nimmt die erschreckende Entsorgung in der Wendezeit wohlgemerkt nur geringen Raum ein. Viel entscheidender ist für ihn der kulturell-ideologische Vorgang der Delegitimierung der DDR-Literatur, der jede Qualität abgesprochen, die pauschal zum Propagandainstrument und Werk notorischer Mitläufer und Opportunisten gestempelt wird, schon seit den Zeiten des Kalten Krieges und nochmals ab 1990 – man nehme nur den „Fall“ Christa Wolf.
Indem Gansel, gestützt auf großes Insiderwissen und gute Kontakte in die ostdeutsche Schriftstellerszene, eine lebendige Schilderung der DDR-Literaturgeschichte liefert – von den optimistischen Aufbruchsjahren über Krisen wie 1953, 1956 oder 1968 bis in die Erstarrung der 1980er, die Autoren wie Christoph Hein, Volker Braun oder Monika Maron energisch thematisierten – führt er die gängigen Klischees vom Staatsdichtertum und einer grauen Leselandschaft ad absurdum.
Ein Schönfärber ist er ebenso wenig. Bitter, nochmals nachzulesen, wie gegen Harich, Janka und andere Intellektuelle vorgegangen wurde; wie die SED mal eben eine ganze Jahresproduktion von DEFA-Filmen verbot; wie Werner Bräunig zerbrach, Erich Loest ging, Gert Neumann drangsaliert wurde. Letzterer bekam dann übrigens 1999 den Uwe-Johnson-Preis verliehen. Dessen maßgeblicher Begründer: Carsten Gansel. Auch so hilft der umtriebige Professor, dass die DDR-Literatur und ihr Erbe eben doch nicht verschwinden.
Carsten Gansel: Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand. Reclam, 383 Seiten, Hardcover, 28 Euro
olaf cless
Wanderführer
Ab nach draußen
Einfach mal raus aus dem Alltagseinerlei und rein ins Grüne – kühlen Wind auf der Haut spüren, würzige Pflanzen riechen, rauschende Bäume hören. Zu Fuß durch die Natur, das lässt uns die Welt mit allen Sinnen erfahren. Es gibt kaum etwas, das eine solch positive Wirkung auf Geist und Körper hat. Man muss dazu nicht in ferne Länder reisen. Kleine und große Abenteuer warten vor der Haustür.
Jessica Niedergesäß, selbst inmitten des Ruhrpotts aufgewachsen, hat „52 kleine und große Eskapaden“ für Wanderer und Radfahrer zusammengestellt. Lohnenswerte Ausflüge in die Natur und zu Sehenswürdigkeiten im Großraum Düsseldorf und im Ruhrgebiet. Einige Beispiele: Im idyllischen Aaper Wald in Düsseldorf-Gerresheim einfach mal den Kopf abschalten. An der Stadtgrenze von Erkrath ein farbenprächtiges Schauspiel bestaunen: das gelbe Wunder der kilometerbreiten Rapsfelder. In der Urdenbacher Kämpe die ursprüngliche Landschaft auf sich wirken lassen, mit ihren mystischen, von Obstbäumen gesäumten Auen. Ein meditativer Spaziergang am Rhein entlang, vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem Rheinturm auf der einen und Wiesen mit Herden weidender Schafe auf der anderen Seite. Oder an den glitzernden Wassern des Unterbacher Sees, des Elb- und Mendelsees den Großstadttrubel vergessen. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ Dieses Bonmot stammt wahrscheinlich nicht von Goethe, obwohl es ihm immer wieder untergeschoben wird. Gleichwohl trifft es den Kern der Sache. Also: Ab nach draußen!
Jessica Niedergesäß: 52 kleine & große Eskapaden in und um Düsseldorf. Dumont Verlag, 230 Seiten, 18,95 Euro
hans peter heinrich
Wörtlich
„Ein Symphonieorchester kostet heute weniger als ein Fußballspieler. Was für ein Erbe hoffen wir unseren Kindern zu hinterlassen?“
Riccardo Muti, italienischer Dirigent, 85