„Einfach mega“ – Globaler Schachboom bei Kindern und Jugendlichen
Immer mehr Menschen erliegen der Faszination des Schachspiels. Der Deutsche Schachbund meldet seit Jahren einen Rekordzulauf. Turniere sind gut besucht, neue Spielerinnen und Spieler, darunter immer mehr Kinder und Jugendliche, entdecken ihre Leidenschaft für Strategie und Taktik.
Von Hans Peter Heinrich
„Schach ist ein Denken, das zu nichts führt, eine Mathematik, die nichts errechnet, eine Kunst ohne Werke, eine Architektur ohne Substanz und nichts desto minder erwiesenermaßen dauerhafter in seinem Sein und Dasein als alle Bücher und Werke, das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht hat, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen“, so das Urteil des Schriftstellers und Schachliebhabers Stefan Zweig. Ein neunjähriger Schüler, Teilnehmer einer Schach-AG, weiß sich kürzer, aber nicht weniger treffend zu fassen: „Das Spiel ist einfach mega“, lautete seine bündige Antwort auf die Frage, warum ihn Schach so begeistert. Millionen von Kindern und Jugendlichen, die in den letzten Jahren weltweit das Schachspiel für sich entdeckt haben, dürften dem wohl ohne Abstriche zustimmen. Neue Fans an das Brett mit den 32 Figuren hat nicht zuletzt die bislang erfolgreichste Netflix-Serie Das Damengambit gebracht, in der das Mädchen Beth Harmon im Waisenhaus Schach lernt und sich später an die Weltspitze spielt.
Schach ist in der Tat in vieler Hinsicht „mega“. Die Zahl der aktiven Spieler*innen wird weltweit aktuell auf über 100 Millionen geschätzt. Allein hierzulande zählen die derzeit rund 2.400 Schachvereine ca. 90.000 Mitglieder. Wegen der großen Nachfrage vor allem junger Menschen musste so mancher Verein wegen mangelnder Kapazitäten bereits einen Aufnahmestopp verhängen. Viele nutzen auch deshalb die online-Möglichkeiten. Im Jahr 2024 zählte allein die beliebteste Schach-Internetplattform chess.com 167 Millionen registrierte Nutzer. Wahrscheinlich in Indien entwickelt und zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ins abendländische Europa gelangt, ist das königliche Spiel (von persisch „shah“ = König) auch „mega“ komplex. Zwar sind seine Regeln überschaubar, zugleich bietet es nahezu unendliche Möglichkeiten an Strategien und Kombinationen. Die Zahl der möglichen Spielverläufe für die ersten ist 40 Züge wird auf etwa 10120 geschätzt – eine Zehn mit 120 Nullen. Zum Vergleich: Die Menge der Atome im bekannten Universum beläuft sich etwa auf eine Zahl im Bereich von 1085.
„Mit Schach haben wir die ultimative Form des Duells“, stellt Paul Meyer-Dunker fest, Präsident des Berliner Schachverbandes. „Das gibt es in keinem Sport der Welt, dass sich ein solcher Kampf über fünf, sechs Stunden zieht und jeder Moment entscheidend sein kann. Denn der erste Fehler ist häufig der letzte.“ Beim Schach spielen Alt und Jung auf Augenhöhe gegeneinander. Bemerkenswert, zu welchen Höchstleistungen dabei schon die Jüngsten fähig sind. Genannt seien hier beispielsweise der US-Amerikaner Abhimanyu Mishra, mit nur zwölf Jahren der jüngste Großmeister der Schachgeschichte. Am Schach liebt er eigenen Angaben zufolge, „dass man seinen Gegner zerstören kann, ohne ihm etwas anzutun.“ Noch als Teenager, im Alter von nur 18 Jahren, krönte sich der Inder Dommaraju Gukesh zum jüngsten Weltmeister der Schachgeschichte. Die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun gewann schon im Alter von 13 Jahren die Asiatischen Frauenmeisterschaften.
Egal ob jung oder alt – eine Partie Schach kann nicht nur unterhalten, sondern auch helfen, das Denken zu trainieren. Ein Spiel, das den Geist in jedem Alter stärkt. Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass Schach dabei helfen kann, das Gehirn aktiv zu halten und die kognitive Entwicklung zu unterstützen, weshalb viele Schulen Schach inzwischen in den Unterricht integrieren. Ex-Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker, Schachliebhaber und selbst von beachtlicher Spielstärke, hat die Vorteile auf den Punkt gebracht: „Auch bei Lehrern wächst das Interesse am Schachsport ständig. Immer mehr von ihnen stellen sich zur Verfügung, um in ihrer Freizeit mit sehr viel Engagement Schulschacharbeitsgemeinschaften einzurichten und anzuleiten. Fördert der Schachsport doch Fähigkeiten wie Konzentration, eine gute Beobachtungs- und Auffassungsgabe, Kombinationsvermögen und Ausdauer. Fähigkeiten also, die auch bei der Bewältigung von anderen Anforderungen im Leben von Nutzen sind.“