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(Bildunterschrift unten)

Salman Rushdie: „Wir sind alle unvollendete Geschichten“

 Salman Rushdie erlangte nicht nur aufgrund seiner Bücher weltweite Berühmtheit – im Jahr 2022 wurde er während einer Veranstaltung auf der Bühne mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Diesem Anschlag auf sein Leben begegnet der Autor mit seinem mächtigsten Werkzeug: der Sprache. (Foto: Monika Pink)

Im Laufe seines Lebens hätte es genügend Gründe gegeben, zu verstummen. Doch der Weltliterat Salman Rushdie ließ sich weder von der über ihn verhängten Fatwa noch durch ein Messerattentat, das ihn fast das Leben gekostet hätte, vom Schreiben abbringen. Im Gegenteil. Beim Waldviertler Festival „Literatur im Nebel“ beweist der 78-Jährige eindrucksvoll, wie eng Leben und Schreiben miteinander verwoben sind.

Seit 20 Jahren gibt sich im 3800-Seelen-Ort Heidenreichstein in Niederösterreich die internationale schriftstellerische Elite die Klinke in die Hand. An zwei Tagen steht das Werk eines literarischen Ehrengastes im Mittelpunkt – gelesen, vorgetragen und diskutiert von deutschsprachigen Schriftsteller-Kolleg:innen und Schauspieler:innen, inklusive des Gastes selbst. Den Reigen eröffnete 2006 Salman Rushdie. Die Liste der bisherigen Gäste liest sich wie das Who's who der Weltliteratur: Amos Oz, Jorge Semprún, Margaret Atwood, Ian McEwan oder Herta Müller, um nur einige zu nennen. Anlässlich des 20-jährigen Festival-Jubiläums ist Rushdie im März 2026 zurückgekehrt – und schließt damit einen Kreis.

„Ich bin berühmter für die Missgeschicke meines Lebens als für meine Bücher“, sagt Salman Rushdie ironisch. 1989 verhängte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini die Fatwa über ihn und all jene, die an der Veröffentlichung seines Romans „Die satanischen Verse“ mitgewirkt hatten. Mit dem Tode bedroht, begann für den damals 41-Jährigen eine lange Zeit im Untergrund. Über ein Jahrzehnt war er gezwungen, an wechselnden Wohnorten in England unter Polizeischutz zu leben. Während dieser Zeit kämpfte er darum, die Fatwa gegen ihn aufzuheben und sein Recht auf Meinungsfreiheit durchzusetzen. „Ich fühle mich nicht wie ein Symbol für Meinungsfreiheit. Ich bin nicht die Freiheitsstatue mit der Fackel in der Hand“, sagt er trocken.

Als sich die politische Lage entspannte, zog Salman Rushdie Anfang der 2000er-Jahre nach New York. Im August 2022 wurde er bei einer Veranstaltung in Chautauqua im Bundesstaat New York auf offener Bühne mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. „15 Messerstiche in 27 Sekunden“, erzählt er. Sichtbares Zeichen des Attentats ist seitdem sein rechtes, abgedunkeltes Brillenglas, da sein Sehnerv durchtrennt wurde.

Zu verstummen war dennoch nie eine Option. Er begegnet diesen Angriffen auf sein Leben mit seinem mächtigsten Werkzeug: der Sprache. Seine jahrzehntelange Odyssee im Kampf um Freiheit schildert er im 700-Seiten-Memoir „Joseph Anton“, seinem Decknamen während der Zeit im Untergrund – zusammengesetzt aus den Namen seiner Lieblingsautoren Joseph Conrad und Anton Tschechow. Es ist die Perspektive seines erzwungenen Ichs, aus der heraus er diese Jahre aufarbeitet. „Wir können ohne Waffen gefährlich sein. Politische Führer wollen das Narrativ kontrollieren. Schriftsteller stellen das jedoch infrage“, sagt er auf der Bühne.

Nach dem Attentat 2022 war er besorgt, wie es mit seinem Schreiben weiterginge. „Würde ich meine Kunst verlieren?“ Und er begriff: „Um es zu überwinden, musste ich es durchleben.“ Geschrieben in der ersten Person mit schlichten, manchmal fast nüchternen Sätzen, beschreibt er in „Knife. Gedanken nach einem Mordversuch“, wie es ihm mithilfe seiner fünften Ehefrau Rachel Eliza Griffiths gelungen ist, sich wieder ins Leben zurückzukämpfen. Neben dem großen Leid auch eine große Liebesgeschichte. Dass er das Buch aus der Ich-Perspektive erzählt, begründet er lapidar: „Wenn jemand ein Messer in dich sticht, ist klar: Das ist ein Erste-Person-Buch.“

„Meine Art zu schreiben ändert sich von Geschichte zu Geschichte. Ich sehe mir an, was die Geschichte braucht, um erzählt werden zu können – und wähle dann die literarische Technik“, erzählt Salman Rushdie. Auch wenn es nötig war, die beiden autobiografischen Bücher zu schreiben: „Ich bin nicht Schriftsteller geworden, um über mich selbst zu schreiben.“ Immer wieder klingt in den beiden Tagen sein Bedauern durch, nicht als Geschichtenerzähler im Mittelpunkt zu stehen: „Jetzt ist Salman auf der Titelseite verschwunden“, zitiert er einen Freund. „Dabei möchte ich lieber auf den Buchseiten und im Feuilleton besprochen werden.“

In Heidenreichstein ist Salman Rushdie auf vielen Ebenen präsent: als humorvoller, ironischer Mensch auf der Bühne, als Mann, der sich die Autorschaft über sein Leben zurückerobert hat, und als Verfasser zahlreicher phantastischer Romane und vielseitiger Essays. An diesen letzten März-Tagen lesen Literaten wie Dimitré Dinev, Raphaela Edelbauer, Robert Menasse, Natascha Gangl oder Franz Schuh aus Rushdies umfangreichem Werk ebenso wie die Schauspieler:innen Katja Riemann, Erika Pluhar oder Michael Maertens.

Rushdies Fabulierlust ist packend. Die Sätze in seinen Romanen sind voller Bilder und temporeich. Es ist wie Fangen spielen: Ein Bild schwappt wie eine Welle zum nächsten Bild – kaum taucht man darin ein, entführt der Sog schon in eine neue Richtung. Als Schauspieler Roland Koch auf die Bühne kommt, um aus Rushdies Roman „Quichotte“ zu lesen, spielt er auf dessen opulenten und assoziativen Erzählstil an: „Der Albtraum eines jeden Schauspielers ist es, wenn bei einem Vortrag die Zettel herunterfallen und durcheinandergeraten. Wobei, bei Rushdies Werk würde es wohl gar nicht auffallen – und vielleicht würde ihm diese neue Montage sogar gefallen.“ Großes Gelächter in der Margithalle. Vielleicht auch ein Schmunzeln beim Autor selbst.

Rushdies Welt ist die Welt der Imagination. „Auch wenn eine Geschichte das Werk der Phantasie und daher unwahr ist, liegt zugleich eine tiefe Wahrheit darin verborgen. Genau das ist der Zweck von Romanen: die Wahrheit über das Wesen des Menschseins zu erzählen.“ Schreiben hat für ihn vor allem mit Zuhören zu tun. „Sobald du bemerkst, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln und beginnen, sich dem Willen des Autors zu widersetzen, weißt du, dass das Buch funktionieren wird. Will die Romanfigur trinken, sich verlieben, jemanden umbringen – geh dem nach!“ Im Endeffekt, sagt Rushdie, sind wir Menschen alle unvollendete Geschichten. Worte bleiben – selbst dort, wo es so viele Gründe gäbe, zu verstummen. Denn es sind die Geschichten, die überleben.

Von Michaela Gründler / Straßenzeitung Apropos

Nachdruck mit freundlicher Erlaubnis der Salzburger Straßenzeitung Apropos / insp.ngo