Was ist mit uns los?
Was machen wir, wenn die Faschisten wieder gewählt werden, wenn sie das demokratische Systeme nutzen, um es zu zerstören?
Die Aussicht auf die umliegenden Berge ist wirklich schön. Unten im Tal liegt das kleine Dorf Gandino. Hier im nördlichen Italien ist 1932 mein Vater geboren. 1944 hat die Waffen-SS seine Grundschule besetzt. 20 junge Männer und Frauen sind damals hier in die Berge gegangen, sie haben sich den italienischen Partisanen angeschlossen. Sie waren die 53ste Brigade Garibaldi. Am 17.11.1944 wurden sie alle erschossen. Das kleine Museum hinter mir erinnert an diese jungen Menschen.
Der Mann vor mir ist vermummt. Er hat mich bereits mehrfach geschubst. Vorher hat er mich zusammen mit einem anderen Vermummten am Kopf gepackt und von der Straße gezerrt. Die beiden Männer haben Uniformen an, die schützen den Staat, unsere Gesellschaft, sagen sie. Das sehe ich anders. Gerade schützen sie ein paar Hand voll AfD-Mitglieder, die durch den Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk ziehen wollen. Die Kameraden wollen in der Bergischen Kaserne Asylsuchende und suchtkranke Obdachlose verp ichtend zentral unterbringen, schreibt das Magazin Focus. „Obdachlose und suchtkranke Menschen sowie Asylsuchende sollen in der Bergischen Kaserne an den Rand der Stadt verbannt werden, um dort auf einem abgeschotteten und abgezäunten Gelände untergebracht zu werden - teilweise zwangsweise, teilweise unter dem Vorwand ,gemeinnütziger Arbeit’, heißt es. Was als ‚Sozialprojekt‘ inszeniert werde, erinnere in der Sprache an historische Konzepte von Zwangsarbeit. Sie rufen erschreckende Bilder aus der deutschen Vergangenheit in Erinnerung.“ schreibt die Liga der Düsseldorfer Wohlfahrtsverbände in einem offenen Brief dazu. Jetzt sind sie also nach Oberbilk gekommen, die neuen Neonazis, um sie anzuglotzen, Migrant*innen, Suchtkranke, Obdachlose, die in ihren Augen Minderwertigen.
Eine Anwaltskanzlei in Oberbilk. Gudrun sitzt neben mir. Ihre rechte Hand ist in einen Verband gehüllt, ein Handgelenkbruch. Sie möchte eine Anzeige erstatten wegen Körperverletzung. Der Anwalt erklärt ausführlich ihre Rechte und wie das juristische Verfahren läuft. Was ist passiert? Aus ungefähr fünfzig Metern sind mehrere Polizeibeamte schreiend auf sie zugelaufen und haben sie schließlich überrannt. Beim Sturz ist ihre Hand gebrochen. Gudrun ist 70 Jahre alt. Sie stand direkt neben mir auf der Straße. Auch sie protestierte gegen die AfD.
Auf dem Worringer Platz steht ein Freiluftgehege. An den Eisenzaun sind Bananen gehängt. Im provisorischen Gehege stehen ehemalige Obdachlose und Drogenabhängige. Ich kenne sie alle seit Jahren. Heute haben sie eine Wohnung und ihre Sucht haben sie auch in den Griff bekommen. Sie erzählen von der schlimmen Stigmatisierung in Jahren auf der Straße, von dem „Nicht-dazu-gehören“-Gefühl, von dem „Nichts-Wert-sein“-Gefühl, von dem Alleinsein unter vielen Menschen. Wie es ist, wenn die Mutter mit einem kleinen Kind beim Anblick einer obdachlosen Person die Straßenseite wechselt, vermeintlich aus Angst; wie fühlt sich das an? Ich ¢ nde unserefiftyfifty-Verkäufer*innen in dem Käfig super mutig an diesem Tag, hier vor so vielen Leuten zu sprechen. Das Gehege ist eine Anspielung auf einen Besuch in einem „Armutszoo“, eine Protestaktion von unserem Verein gegen den „Stadtspaziergang“ der AfD.
Vor dem Bürgerhaus Bilk treffe ich Stefan. Drinnen tagt die AfD unter Polizeischutz, draußen gibt es einen Hip-hop-Live-Act „für eine Welt der Vielen“. Stefan sitzt seit vielen Jahren im Landtag von NRW. In Sachsen-Anhalt könnte die AfD bei der nächsten Landtagswahl die absolute Mehrheit bekommen. „Was machen wir, wenn die AfD die Sicherheitsorgane übernimmt?“ fragt er mich. Was machen wir, wenn die Faschisten wieder gewählt werden, wenn sie das demokratische Systeme nutzen, um es zu zerstören? „Was ist bloß los, dass wir wegschmeißen, wonach die halbe Welt sich sehnt?“ fragen die Toten Hosen auf ihrem neuen Album. Die Frage will mir nicht aus dem Kopf. Kann man in einem Land unter AfD-Regierung (über)leben? Was ist mit den Armen, den Obdachlosen, den Suchtkranken, den Ge üchteten? Können sie es auch?
Bevor ich ins Tal zurück wandere, erinnere ich mich an den Kirchenkreis meiner Tante. Mehr als ein Dutzend Frauen saßen damals da. Extra für mich haben sie ein Lied angestimmt. Es heißt „Malga Lunga“ und ist den jungen Menschen gewidmet, die damals in die Berge gingen.
Die Toten Hosen:
Was ist mit uns los?
Du sagst, du willst dein Land zurück, hast du vergessen, wie es war?
Mit all den Militärkonvois auf jeder Autobahn
Du sagst, du willst dein Land zurück, ich versteh' nicht, was du meinst
Das Dritte Reich von Hitler oder Deutschland in zwei Teil'n?
Du schreist, du willst dein Land zurück, doch hat es dir je gehört?
Dieses Land, von dem du dauernd sprichst, ist nur ein Traum, der dich verwirrt
Wie kann es sein, dass wir nicht begreifen, wie groß unsre Freiheit ist?
Was ist bloß los, dass wir wegschmeißen, wonach die halbe Welt sich sehnt?
Was hat uns dazu gebracht, dass jeder hier zynisch ist
Und sein Leben nur danach bilanziert, was er vom eigenen Teller frisst?
Was ist mit uns los?
Was hat uns hier so krank gemacht? Woher nehmen wir das Gift?
Das jeder sofort bereithält, wenn er auf 'ne andre Meinung tri t
Woher kommt die Härte in unserm Blick, mit der wir kalt vorübergeh'n?
Wenn irgendwo ein armer Schlucker vor uns auf dem Boden liegt
Was ist los, dass wir so unzufrieden durch die Straßen geh'n?
Was ist bloß los, dass wir so grundverschieden auf all die Dinge seh'n?
Stoppt den Krieg gegen die Wahrheit, kommt aus den Echokammern raus
Ja, wenn die Welt wirklich 'ne Scheibe ist, sind schon zu viele Kratzer drauf
Was ist mit uns los?
Was ist mit uns los?
Unsre Würde unantastbar
Ist das für uns nur noch ein Witz?
Bis hierhin oder weiter?
Aus welchem Holz sind wir geschnitzt?
All ihr Müden und ihr Schwachen, ihr Außenseiter und ihr Freaks
Ihr seid nicht alleine in diesem Hass, der euch umgibt
Sind zusammen auf derselben Reise, die so schmerzhaft ist und schön
So grausam und so liebevoll, und die wir alle Leben nenn'n
Was ist los?
Was ist mit uns los?
aus dem neuen Album TRINK AUS! WIR MÜSSEN GEHEN
Text: Andreas Frege (Campino) / Musik / Komposition: Andreas Frege
(Campino), Andreas Meurer (Andi) und Andreas von Holst (Kuddel)
Oliver Ongaro