Kultur
Düsseldorf
Die Größe der Dinge
(oc). Mit dem Juli kommt verlässlich auch DIE GROSSE, die Große Kunstausstellung NRW. Auch in ihrem 124. Jahr bleibt sie die einzige von Künstler*innen für ebensolche organisierte Schau, bei der auch die Besucher selbst Werke erwerben können – besonders beliebt sind die erschwinglichen kleinen Formate. Bei den Bewerbungen zur Teilnahme hat es dieses Jahr mit fast 1.500 einen neuen Rekord gegeben. Die Jury siebte am Ende 166 Glückliche aus und zeigt sich überzeugt, mit ihrer Auswahl „Entwicklungen der Gegenwartskunst sichtbar“ zu machen. Der Kunstpreis der Künstler 2026 geht an den niederländischen Maler Bart Koning (Jg. 1957), der in Utrecht und Amsterdam studiert und die Künstlerinitiative Aorta gegründet hat, bevor er 1992 nach Krefeld zog, wo er eine Zeitlang als Anstreicher zum Lebensunterhalt seiner Familie beitrug. Koning malt hochpräzise Stillleben, gern in der Größe der Originalobjekte. „Warum verkleinern wir die Dinge in Bildern überhaupt?“ fragt er.
Eröffnung 4. 7., 18 Uhr; Laufzeit bis 9. 8., Kunstpalast, NRW-Forum und Ehrenhof, Düsseldorf
„Ja, wie?! Tacheles und Wurstsalat“: Kai Magnus Sting gastiert am 11. 7. in Ruhrort. Foto: Harald Hoffmann
Duisburg-Ruhrort
Wildes Holz und Achtsam Morden
(oc). Auf dem Hanielcampus in Duisburg-Ruhrort wird es erstmals ein Open-air-Kulturfestival geben. Die Campusabende mit Künstlern aus der Region finden fast den ganzen Juli über meist von Donnerstag bis Sonntag statt – Konzerte, Kabarett, Comedy, Kindertheater und mehr. Das Sinfonieorchester Ruhr bietet einen Abend voller italienischer Oper (3. 7.), der Kabarettist Aydin Isik trifft sich zu einem Dinner mit Gott (5. 7.), im Livehörspiel Achtsam Morden zeigt Björn Diemel, wie perfekt er alles Gelernte aus einem Achtsamkeits-Seminar in einem schwierigen Fall als Anwalt anwenden kann (10. 7. und 19. 7.), die witzigen Blockflötisten von Wildes Holz machen Party-Mucke durch vier Jahrhunderte (23. 7.) und in Nick Hornbys Solo-Stück Nipplejesus erzählt Ihnen ein Museumswächter, in welche Verwicklungen ihn ein eigenartiges Kunstwerk gestürzt hat (26. 7.). Aber schauen Sie selbst, was das Programm so alles bietet.
2. bis 26. 7., Haniel Campus, Franz-Haniel-Platz 1, 47119 Duisburg, rheinruhrticket.de
Fanta Quraishi und Mabinti, zwei Krankenschwestern aus Sierra Leone. Foto: Mirco Keilberth
Düsseldorf
Jenseits der Tourismuswerbung
(oc). Hinter dem Mittelmeer ist ja keine wirkliche Ortsangabe. Der Ausstellungstitel spielt auf das europäische Desinteresse an der Lage in Ländern wie Marokko, Tunesien, Libyen und Libanon und den damit verbundenen, unverändert massiven Fluchtursachen an. Der Fotojournalist und Filmemacher Mirco Keilberth kennt die Region gut, und ihm verdankt sich die Ausstellung, die im Gerhart-Hauptmann-Haus gezeigt wird. Sie führt u. a. vor Augen, wie heftig Nordafrika vom Klimawandel betroffen ist. Im libyschen Derna löste ein Tropensturm nie gekannter Stärke einen Dammbruch aus, in dessen Flutwelle über 10.000 Menschen starben. Wie viel Zeilen war es europäischen Medien wert? Der Strand im beliebten tunesischen Hammamet war mal 80 Meter breit, nun sind es noch wenige Meter. Die Schau porträtiert auch einzelne Menschen: Etwa eine tapfere, bettelarme Familie in Beirut; oder eine Menschenrechtlerin, die nicht an ihr Sparguthaben rankommt.
Bis 31. 7. im Gerhart-Hauptmann-Haus, Bismarckstr. 90, 40210 Düsseldorf; Eintritt frei; Begleitprogramm unter g-h-h.de
„Man braucht Humor, um dieses Leben zu leben“, sagt Philippe Rebbot, hier rechts im Bild neben Mathias Mlekuz © MES Production, F Comme Film, Foto: Emmanuel Guimier
Kino
Die Zerbrechlichkeit des Lebens
(oc). Zwei Freunde, Mathias und Philippe, radeln quer durch Europa, von der französischen Atlantikküste bis zum Schwarzen Meer. Es ist die gleiche Route, auf der Mathias‘ Sohn Youri einige Jahre zuvor gereist ist, bevor er starb. Philippe lässt sich auf den Freundschaftsdienst am trauernden Mathias ein; das gemeinsame Reiseabenteuer wird ihr Verhältnis durchaus auf die Probe stellen. So weit die Konstellation in der Tragikomödie Auf zwei Rädern (Frankreich 2024), aber sie ist nicht ausgedacht, sondern real: Mathias Mlekuz und Philippe Rebbot kennen sich seit über 20 Jahren, und Mlekuz versucht wirklich, über den furchtbaren Verlust seines Sohnes hinwegzukommen. Es gab erst nur den Reisewunsch, dann wurde daraus zugleich ein Filmprojekt – mit den beiden als Hauptdarstellern (ihrer selbst), einem 5-köpfigen Drehteam und dem Hund Lucky. Man verzichtete auf ein Drehbuch und ließ sich von Improvisation und Zufall leiten.
Filmstart 9. 7., 89 min.
Roman
Dystopie an Rhein & Ruhr
Die Rhein-Ruhr-Region ist endgültig zu einer einzigen hochverdichteten Megacity mit 20 Millionen Bewohnern gewuchert. In ihren Hotspots sind neue Wolkenkratzer internationaler Konzerne in den Himmel gewachsen. In Köln z. B. überragen sie längst den Dom, der inzwischen Huawei-Dom heißt und nachts aus Millionen Dioden leuchtet. Der Verkehr hat sich weiter potenziert und in Gestalt von Drohnenshuttles u. ä. nun auch vom Luftraum Besitz ergriffen. Die Umwelt, wenn dieser Begriff überhaupt noch Sinn ergibt, ist in katastrophalem Zustand, Smog raubt den Atem und der Baldeneysee ist ausgetrocknet. Überflüssig zu betonen, dass die Lebensbedingungen der großen Mehrheit härter, die sozialen Gegensätze krasser und die allgemeine Überwachung dank Hightech lückenloser geworden ist. Es gibt hier und da auch schon chinesische Regionalverantwortliche …
So jedenfalls stellen sich die Verhältnisse anno 2053 dar, in die der neue Roman Menschmaschinen des Neusser Autors Enno Stahl seine Leserinnen und Leser (sowie „LesX“, wie es eine künftige Correctness anscheinend will) unsanft versetzt. Im Zentrum des dramatischen Geschehens stehen drei Personen: der junge Marcos, der sich eines Tages seines Gedächtnisses und seiner Identität beraubt mitten in Köln wiederfindet und auf die gefährliche Suche nach seiner eigenen Lebensspur geht; ein gewisser Berlinguer, der sich mit windigen Jobs als freischaffender Beschatter und Auskundschafter durchschlägt: und Tonya, die sich den totalitären Zwängen entzieht, so gut es geht, und zur Helferin von Marcos wird – der ihr allerdings bald genauso misstraut wie allen anderen.
In den Fokus rückt die TransGen Inc., ein mächtiges Unternehmen, das mit dem Klonen bedarfsgerechter Menschen seine dunklen Geschäfte macht. Dass die Akteure gegen den gefährlichen Gegner überhaupt eine Chance haben, dafür sorgt die erzählerische Fantasie – unterfüttert von den markanten Schwarzweiß-Illustrationen, die das Buch durchziehen.
olaf cless
Enno Stahl: Menschmaschinen. Roman. Mit Illustrationen von Roland Bergère. parasitenpresse, 220 Seiten, 18 Euro
Erzählungen
Abenteuer in der Idylle
Der Gelegenheitsdichter Ante Antić hat sich Ende des 19. Jh. von seinen letzten Ersparnissen einen Garten im ländlichen Istrien gekauft: „Ein Grundstück mit moosbewachsener Steinhütte, zwei Olivenbäumen, einem Feigenbaum, Büschen und Kräutern, Unkraut und einem schiefen Gartentor.“ Klingt wenig spektakulär, erweist sich jedoch als klassischer locus amoenus, als Idyll inmitten einer Region „wie von Gottes Lippen geküsst“. Eine Landschaft auch voller Geschichten, die sich dort zugetragen haben und von denen ihm seine Nachbarn und auch die Natur selbst berichten. Ein Bauer erzählt ihm etwa die Legende vom untoten Wiedergänger, der jede Nacht sein Grab verlässt, um von seiner Ehefrau die Erfüllung der ehelichen Pflichten einzufordern. Vom Rosmarin-Busch in seinem Garten hört er die Geschichte eines Schäferjungen, der zum Entsetzen seiner tiefgläubigen Familie eines Tages rundweg erklärt: „Es gibt keinen Gott.“ Der Rosmarin erzählt dann, wie ein an einem Spinnennetz schwebender Rosmarinzweig den Jungen wieder gottesfürchtig und später sogar zum Priester werden lässt. – Der deutsch-kroatische Autor Ben Rakidžija überzeugte 2025 mit seiner Novelle Verteidigung des Mittagsschlafs Kritik und Leserschaft gleichermaßen. Nun hat er nach dem Vorbild der Briefe aus meiner Mühle (1869) von Alphonse Daudet ein Bouquet von zwanzig Erzählungen vorgelegt, illustriert mit Gartenbildern von Gustav Klimt und Viktor Zaretzsky. Ein sehr unterhaltsamer, leichter, teils auch witziger Lesestoff, geschrieben wie zur Lektüre an einem ausklingenden Sommertag.
hans peter heinrich
Ben Rakidžija: Briefe aus meinem Garten, Königshausen & Neumann 2026, 192 Seiten, Softcover, 16 Euro
Wörtlich
„Was haben wir alles abgebrannt, jetzt geht der Spritpreis wieder hoch.“
Der Moderator der deutschen Übertragung des ESC im Mai, nach dem Auftritt von Sarah Engels, die mit ihrem Song „Fire“ Platz 23 von insgesamt 25 belegte