Kreativ nach der Begegnung mit Obdachlosen
Der Schüler Roman baute zwei unterschiedliche Bänke und stellte sich die Frage, welcher Mensch auf ihnen sitzen darf. Der Hintergrund ist das Thema „Defensive Architektur“, ein Euphemismus, der beschreibt, dass der öffentliche Raum so verändert wird, dass Obdachlosen der Aufenthalt erschwert wird, etwa durch Eisenspitzen auf Blumenkästen, um das Sitzen zu verhindern, Armlehnen auf Bänken, auch in der Mitte, um das Liegen zu verhindern, spitze Steine unter Brücken, um das Campern zu unterbinden.
Schüler*innen des Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Gymnasiums in Ratingen verarbeiten ihre Erlebnisse bei einer Alternativen Stadtführung in berührenden Kunstwerken.
Wer aus erster Hand versuchen will, zu erahnen - und mehr als erahnen geht ja gar nicht, wenn wir nicht betroffen sind - was es bedeutet, obdachlos zu sein, nimmt an einer Alternativen Stadtführung mit fiftyfifty-Verkäufer*innen teil.
Auch Breiti, Gitarrist der Toten Hosen und einer der treuesten Unterstützer von fiftyfifty, hat schon eine Alternative Stadtführung, von Obdachlosen durchgeführt, mit Interesse besucht. (Foto: Hubert Ostendorf)
Diese zeigen, wo Obdachlose unter Brücken schlafen, wo illegalisierte Substanzen vertickt werden, wo Prostitution stattfindet, wo sich das Camp von wohnungslosen Roma aus Rumänien befindet, wo Notschlafstellen sind, die Armenküche, die Anlaufstelle für Geflüchtete … Die etwa zweistündigen Touren durch Düsseldorf hinterlassen Betroffenheit, weil sie authentisch sind, anders, als etwa Besuche von Armutshotspots durch AfD-Mitglieder, bei denen die Betroffenen wie Tiere im Zoo begafft werden und - statt über Hilfsangebote - darüber nachgedacht wird, wie sie weggesperrt werden können, zwangskaserniert, zu Zwangsarbeit herangezogen werden.
Schülerin Anni kreierte das Objekt „Ich packe meinen Koffer“. Der Koffer ist in zwei Hälfen aufgeteilt, links zeigt er das, was viele Menschen haben z. B. ein warmes Bett und was sie sich wünschen, etwa Luxusgüter und Markenartikel. Auf der rechten Seite ist zu sehen, was Obdachlose haben, etwa eine dünne Pappe als Schlafstelle und was sie sich wünschen: ein Zuhause, Verpflegung, Zuneigung.
Wer mit fiftyfifty-Leuten unterwegs ist, erfährt anschaulich, warum Menschen durch das soziale Sicherungsnetz, das immer grobmaschiger wird, hindurchfallen, warum ein Mensch abhängig werden kann, wie es sich anfühlt, ignoriert zu werden oder sogar diskriminiert und beleidigt; wie es ist, wenn nur noch der Hund als treuer Begleiter da ist, vor tätlichen Angriffen schützt, wie es ist, wenn nur noch ein paar Zeitungen helfen können, bei Wind und Wetter, bei Hitze und klirrender Kälte Geld für ein Brötchen zu verdienen oder auch für ein Bier; wie gut es tut, wenn wohlmeinende Mitmenschen ein gutes Wort übrig haben, einen heißen Kaffee, etwas Kleingeld.
Björn erzählte sehr anschaulich, dass er sich nach dem Verkauf der fiftyfifty-Zeitungen am Abend Essen gekauft habe, das er sich in der Notunterkunft machen wollte. Aus Erfahrung stelle er aber kein Essen in den Kühlschrank, da es dann geklaut würde. Beim Kochen müsse man neben dem Herd stehen bleiben, weil die Gefahr bestehe, beklaut zu werden. Die Schülerin Eman formte daher aus Draht einen Käfig, den sie auf einen Topf mit Spaghetti stellte. Nun ist das Essen „sicher“. Die Spaghetti bestehen übrigens aus Wolle, die mit Teebeuteln und etwas roter Farbe gefärbt sind.
Viele Interessierte aus Hochschulen, Schulen, Firmen, Sport und Politik, viele prominente Persönlichkeiten wie etwa Breiti, der Gitarrist der Toten Hosen, hören zu, wenn es wieder auf Tour geht, wenn die reiche Stadt von unten betrachtet wird, wenn auf einmal sichtbar wird, was im Alltag unsichtbar ist. Die im Dunkeln sieht man nicht, heißt es schon bei Bertolt Brecht. Wer sich einlässt, erfährt, dass nicht Parolen und Stammtischreden helfen, eines der schlimmsten gesellschaftlichen Probleme zu überwinden, sondern nur innovative Hilfsangebote, wie nicht zuletzt fiftyfifty sie entwickelt hat. Etwa das Projekt Underdog für die Hunde der Ärmsten auf der Straße, bei dem die Vierbeiner der Obdachlosen von ehrenamtlichen Tierärzt*innen versorgt werden und was zugleich ein Streetworkangebot für Herrchen und Frauchen ist oder Housing First, womit fiftyfifty bereits etwa 150 Menschen von der Straße geholt hat - mit Wohnungen, die der Verein oder Privatleute in ganz normalen Häusern in einem ganz normalen Wohnumfeld erworben haben - in dieser Art ein Novum in der Versorgung von Obdachlosen, auf das ganz Deutschland schaut.
Der Schüler Nuno baute mit viel Liebe aus Schaschlikspießen einen Einkaufswagen nach. Unten im Wagen liegen Pfandflaschen, oben Pfanddosen. Er will zeigen, wie wichtig das Pfandgeld im Leben von vielen Obdachlosen ist.
Für all das interessierten sich neulich Schüler*innen eines Oberstufenkurses des Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Gymnasiums in Ratingen. Lehrerin Vera Lainck (von der die Beschreibungen der Kunstwerke auf diesen Seiten stammen) schreibt, ihre Jugendlichen habe die Führung von Pino und Björn „sehr bewegt und nachhaltig beeindruckt“. So sehr, dass sie im Anschluss daran ihre Eindrücke, Fragen und Emotionen in Kunstwerken verarbeitet haben: Zeichnungen, Modelle, Objekte, Filme. Ziel der Arbeiten ist es, auch andere Menschen in der Schule oder anderswo zu informieren, zu sensibilisieren, wachzurütteln und zum Handeln aufzurufen. Streetworker Niels Lenninghausen, der das Straßenführungs-Projekt bei fiftyfifty leitet, freut sich über das einzigartige Feedback: „Es zeigt doch, dass Obdachlose mit ihren Touren tatsächlich die Köpfe und Herzen derer, die ihnen zuhören erreichen. Und es widerlegt die häufig geäußerte Behauptung, junge Menschen dächten nur an sich und seien nicht sensibel für soziale Belange.“ Insbesondere wenn Jugendliche für eine bessere Welt eintreten, dann gibt es noch Hoffnung.
Auch eine alternative Stadführung mit Obdachlosen erleben? Hier: strassenleben.org
Hubert Ostendorf