Daniela und ihre Tauben
Über künstlerische Fotografien einer ehemals obdachlosen Frau sowie zur Kulturgeschichte der Friedensboten, heiligen Tiere und angeblichen Ratten der Lüfte
Ein Schnellrestaurant. Tische im Freien. Ein Tablett mit Essensresten. Pommes und Hähnchenknochen. Junkfood. Fünf hungrige Tauben picken gierig, was vom schnellen Verzehr übrig blieb. Die Durchsetzungsstärkste mit einem langen Frittenstäbchen, das sie zwischen oberer und unterer Schnabelhälfte hält. Sie schüttelt hektisch den Kopf, wohl um die Fritte zu verkleinern. Zwei andere Tauben wollen ihr die Beute streitig machen. Doch vergebens. Die unterlegenen Tauben suchen zwischen den Verpackungsresten und werden auch fündig.
Etwas abseits, vor einem Supermarkt, lagern Obdachlose. Einige trinken Bier, andere rauchen Crack. Einer, er torkelt, sucht in einem Mülleimer wohl nach Pfandflaschen. Er findet eine angeknabberte halbe Pizza, die er in seiner Umhängetasche verstaut. Manche schnorren die ein- und ausströmenden Kunden an. Security-Leute greifen ein und vertreiben mit lauten, bösen Worten die Verelendeten.
Etwas abseits der Szene steht Daniela Overmann mit ihrer Kamera. Unter der Kapuze ihres gelben Hoodies ein Käppi. Aus einer warmen Nische am Hals schauen die schwarzen Knopfaugen ihrer Ratte Hänschen neugierig hervor. Hänschen ist Danielas treuer Begleiter, so unscheinbar, so scheu und doch so zugegen. Was wäre Daniela ohne ihn? Und was wäre sie ohne ihre Kunst? Fotografien von Tauben sind ihr Œuvre. Aber sie zeichnet auch. Neuerdings studiert Daniela in der „Akademie der Straße“ unter der Leitung von Kunstprofessorin Katharina Mayer, die dieses Angebot für Obdachlose und Mieter*innen im Housing-First-Projekt unter dem Dach von fiftyfifty gegründet hat. Dass Daniela immer wieder Tauben fotografiert, hat einen Grund. Die ehemals Obdachlose sieht sich und all die anderen mit Lebensmittelpunkt Straße wohl selbst in diesen gefiederten Parias.
Tatsächlich werden Tauben und Obdachlosigkeit oft miteinander verknüpft, weil beide dieselben urbanen Zwischenräume besetzen: Bahnhöfe, Plätze, Unterführungen, Parkbänke. In vielen Städten gelten sowohl Stadttauben als auch obdachlose Menschen als Störfaktoren eines gewünschten sauberen und kontrollierten Stadtbildes - die berüchtigte, menschenverachtende Rede von Kanzler Friedrich Merz lässt grüßen. Ja, Sprache ist verräterisch: Tauben wie Obdachlose seien eine „Plage“, man spricht von „Problemzonen“, in denen, je nachdem, das Füttern oder Betteln verboten ist. In der Genese ist das kein Zufall. Die moderne Großstadt produziert immer mehr Zonen sozialer Unsichtbarkeit – und genau dort sammeln sich jene, die keinen privaten Raum besitzen: Menschen ohne Wohnung und Tiere ohne natürlichen Lebensraum. Stadttauben sind letztlich ausgesetzte Haustiere der menschlichen Zivilisation; Obdachlose sind Menschen, die aus ihren sozialen Sicherheiten gefallen sind. Beide werden bestenfalls geduldet, aber selten willkommen geheißen. Zugleich entsteht zwischen obdachlosen Menschen und Tauben mitunter eine eigentümliche Nähe. Wer Tauben füttert, verstößt vielerorts gegen Regeln; dennoch geschieht es häufig gerade durch Menschen, die selbst am Rand der Gesellschaft leben. Die Taube wird dann zu einer Art Mitbewohnerin der Straße: verachtet, abhängig und zugleich bemerkenswert widerstandsfähig - so, wie Daniela, die über sechs Monate in einem Wald lebte, nachdem sie ihre Wohnung verloren hatte.
Tauben und Obdachlosigkeit werden oft miteinander verknüpft, weil beide dieselben urbanen Zwischenräume besetzen: Bahnhöfe, Plätze, Unterführungen, Parkbänke.
Zu dem Taubenthema kam die 52-Jährige, die viel jünger aussieht, schon vor etwa zehn Jahren. Nachdem es sie aus Köln nach Duisburg verschlagen hatte, gründete sie den Blog reviervogel.de, auf dem sie ihre Stadttauben veröffentlichte. Was Armut aus einem Menschen macht, zeigen die für viele womöglich banal anmutenden Lebensumstände, die Daniela zwischenzeitlich daran hinderten, neue Contents in den Blog einzustellen. Einmal hatte sie keinen Strom mehr (der wurde ausgerechnet an ihrem Geburtstag abgestellt). So nahm sie ihren PC mit in eine Bücherei. Dann, in Corona-Zeiten, wurde die Bücherei geschlossen und im Sommer 2025 verloren sie und Ratte Hänschen die Wohnung, suchten Zuflucht in einem Unterschlupf im Wald. Einmal, als Daniela und Hänschen in die Stadt liefen, saß neben einer Baustelle eine Taube depressiv im Schutt, sich selbst vor der Kälte schützend, das Gefieder aufgeplustert. Daniela hielt diese Situation wie so oft mit der Kamera fest. Symbolisierte das Tier nicht, was sie selbst empfand?
Doch die Taube sei keineswegs nur ein Sinnbild für jene, die die Gesellschaft nicht haben wolle. Kaum ein Tier bewege sich so selbstverständlich zwischen Himmel und Asphalt, zwischen Sakralraum und Bahnhofsunterführung, weiß Daniela zu erzählen. Im Englischen wird diese Spaltung sogar in den Bezeichnungen deutlich: dove ist die Taube des Friedens, des Heiligen Geistes, der Poesie. Pigeon dagegen ist die Stadttaube, der graue Vogel am Imbiss, die „Ratte der Lüfte“. Es ist dieselbe Spezies und doch sind es kulturell beinahe zwei verschiedene Wesen. Vermutlich erzählt gerade diese Doppelrolle mehr über den Menschen als über den Vogel. Die Taube gehört zu den ältesten Begleitern der Zivilisation. Lange bevor Katzenvideos das Internet bevölkerten, beherrschten Tauben die Kommunikation der Imperien. Brieftauben transportierten Nachrichten über Kriegsfronten, Wüsten und Meere. Sie waren Navigationsmaschinen aus Fleisch und Federn. Dass sie stets zurückfinden, machte sie zu biologischen Wunderwerken. Der Mensch verehrte sie dafür und nutzte sie ausgiebig. Umso schlimmer, dass man ihnen heute meist mit Verachtung begegnet. Die Stadttaube gilt als Schmutztier, als urbaner Parasitenvogel. Die moralische Wertung darin ist entlarvend. Dieselbe Gesellschaft, die Pferde romantisiert und Hunde vermenschlicht, behandelt Tauben oft wie lebenden Müll.
Dabei war die Taube über Jahrtausende ein Prestigeobjekt. Im Mittelalter besaßen Adelshäuser monumentale Taubenschläge; das Recht auf Taubenhaltung war vielerorts ein feudales Privileg. Tauben lieferten Fleisch, Eier und vor allem Dünger. Ihr Kot war ökonomisch wertvoll - eine Tatsache, die hierzulande längst vergessen ist. Besonders spektakulär zeigt sich das jedoch heute noch in den Taubentürmen des Iran. Die gewaltigen Lehmarchitekturen rund um Isfahan waren keine skurrilen Ornamente, sondern hochfunktionale Infrastruktur. Manche Türme boten Platz für Tausende Vögel; ihr Kot wurde als Dünger, für die Lederherstellung und sogar für Schwarzpulver genutzt. Die Türme wirken heute wie surrealistische Monumente einer untergegangenen Agrarökonomie: Kathedralen für Vögel.
Daniela hielt diese Situation wie so oft mit der Kamera fest. Symbolisieren die Tauben nicht, was sie selbst empfindet?
Dass ausgerechnet die Taube zur Ikone des Friedens wurde, ist ebenfalls kein Zufall. Die berühmteste Ursprungserzählung stammt aus der Genesis, dem ersten Buch des Alten Testamentes. Noah schickt nach der Sintflut eine Taube aus; sie kehrt mit einem Olivenzweig zurück – ein Zeichen dafür, dass das Wasser sinkt und die Welt wieder bewohnbar wird. Die Taube ist es, die zuerst die Botschaft bringt: Es gibt wieder Land. Leben ist wieder möglich. In der christlichen Ikonographie kommt eine zweite Bedeutung hinzu: die Taube als Heiliger Geist. Bei der Taufe Jesu erscheint Gottes Geist in Gestalt einer Taube. Die biologisch aggressive Wesensart des Vogels – Tauben können ausgesprochen territorial und kämpferisch sein – verschwindet dabei hinter einem Bild absoluter Reinheit. Kunst und Religion haben aus dem Tier daher eine Metapher gemacht, die in jüngerer Zeit kaum jemand mehr prägte als Pablo Picasso. Seine Friedenstaube von 1949 wurde zum globalen Emblem des Pazifismus. Ursprünglich war sie ein Plakatmotiv für den Weltfriedenskongress in Paris; später zirkulierte sie auf Fahnen, Buttons und Demonstrationen rund um den Globus. Interessant ist dabei, dass Picasso selbst Taubenliebhaber und -halter war. Er kannte den Vogel nicht nur als Symbol, sondern als reales Tier. Die Friedenstaube ist ein eigentümlich modernes Zeichen: zugleich religiöses Erbe, kommunistische Kongressgrafik, Popsymbol und Konsumartikel. In der DDR schmückte sie Staatspropaganda, im Westen Anti-Atomkraft-Demonstrationen. Heute taucht sie auf Friedensfahnen ebenso auf wie in Street Art. Das Symbol hat sich von seinem Ursprung gelöst und funktioniert fast universell.
Parallel dazu existiert eine andere Taubenkultur, die mit Frieden wenig zu tun hat: die Welt der Züchter. Dort werden Tauben zu Hochleistungstieren, Statussymbolen und Spekulationsobjekten. Brieftauben erzielen bei Auktionen teils astronomische Preise. Belgische Renntauben wurden bereits für Millionenbeträge verkauft. Die Tiere werden genealogisch katalogisiert wie Rennpferde. Hier erscheint die Taube nicht als Schädling, sondern als aristokratische Maschine - schnell, schön, zuchtfähig.
Handsigniertes Fotos von Daniela Overmann erwerben: D-Print auf Fotokarton ca. 26 x 20 cm, Auflage 10 plus e/a, rückseitig von Hand datiert, nummeriert und signiert, nur 80 Euro. Hier: fiftyfifty-galerie.de
Und vielleicht liegt genau darin die kulturgeschichtliche Besonderheit der Taube: Kein anderer Vogel hat so viele soziale Rollen gleichzeitig gespielt. Opfertier, Nachrichtenträger, Nahrungslieferant, Kriegshilfe, Friedenssymbol, Sport-Objekt, Straßenschädling, Heiliger Geist. Die Taube lebt in den Widersprüchen menschlicher Zivilisation. Die ehemals obdachlose Daniela formuliert daraus ein ethisches Postulat: „Ich möchte mit meiner fotografischen Arbeit dazu beitragen, dass Menschen Stadttauben respektieren und mit ihnen umgehen, wie wir mit allen Lebewesen umgehen sollten“, erklärt die Künstlerin im Abseits. Die Taube sei ein Tier der Nähe. „Tauben leben dort, wo Menschen leben. Sie sitzen auf Kirchen, Fabriken, Hochhäusern und Ruinen“, sagt Daniela. Ja: Tauben begleiten ganze Imperien, Epochen, Einkaufszentren und Obdachlose gleichermaßen.
Infos zur Akademie der Straße: fiftyfifty-galerie.de
(Alle Fotografien: Daniela Overmann)