Zwischenruf: Rüstige Reserve
von Olaf Cless
Sehr geehrter Bastian Ernst, gestatten Sie mir, Ihnen noch nachträglich zu gratulieren zur Wahl als neuer Präsident des Reservistenverbands. Mit Ihren 39 Jahren sind Sie damit der bislang Jüngste in diesem Amt, und das ist gut so. Gut ist auch, dass Sie sich öffentlich für eine Erhöhung der Altersgrenze für Reservisten ausgesprochen haben, die bislang immer noch bei 65 Jahren liegt. Aber enttäuscht war ich dann doch, dass Sie sich mit einer Anhebung auf 70 Jahre begnügen. Kamerad Bastian, ist das Ihr Ernst? Siebzig? Sie wissen doch so gut wie ich: Siebzig ist das neue Fünfzig. Unsere Seniorinnen und Senioren sind fit wie ein Turn-, Lauf-, Schlitt- oder Bergschuh. Sie bevölkern die Muckibuden, laufen Marathon, keine Kreuzfahrt ist ihnen zu strapaziös und keine TV-Serie zu lang. Warum sollten sie nicht auch an der Heimatfront durchs Unterholz robben, nach feindlichen Drohnen Ausschau halten (Drohnenshows wie demnächst in Düsseldorf besuchen sie doch auch), und im Objektschutz Wache stehen, überall wo es kritische Infrastruktur gibt. Und seien wir ehrlich, alle Infrastruktur ist kritisch, oder haben sie schon mal von unkritischer Infrastruktur gehört? Na also. Herr Ernst, Ihr gut gemeinter Respekt vor dem Alter über 70 in Ehren, aber hier darf es kein Einknicken geben, hier heißt es Flagge zeigen und die Reihen und Fähigkeitslücken schließen, Kriegstüchtigkeit gedeiht nicht auf Kaffeefahrten und Landesgartenschauen – fordern Sie die Heraufsetzung der Altersgrenze bei Reservisten auf wenigstens 90 Jahre!
Dies legt im Übrigen auch ein Blick auf die geplante Pflegereform nahe, von der zu lesen ist: „Es könnte wieder schwieriger werden, einen Pflegegrad zu bekommen.“ Dann doch besser in frischer Luft Rundgänge durch die kritische Infrastruktur machen und üben, wie man Friedensdemos zügig auflöst. Auch die Militärgeschichte, verehrter Kamerad Ernst, lehrt uns, dass sogenanntes altes Eisen nicht rostet. Generalfeldmarschall Blücher war 72, als er Napoleons Truppen bei Waterloo besiegte. Graf von Radetzky (unsterblich geworden durch die Marschmelodie Dideldum dideldum dideldumdumdumm) war 81, als er die Italiener niederrang. Und Enrico Dandolo, der als Befehlshaber der Venezianer im Vierten Kreuzzug Konstantinopel und dessen kritische Infrastruktur stürmen und plündern ließ, zählte 97 Jahre. Geht doch!