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Vokale Alleskönner: Das Calmus Ensemble aus Leipzig © Anne Hornemann

Kultur

Düsseldorf

Robert Schumanns „Scenes from Childhood“

(oc). Zur „Liedstadt“ soll Düsseldorf beim diesjährigen Schumannfest erblühen, und um das optisch zu unterstreichen, verzieren die Gestalterinnen der entsprechenden Homepage die abgebildeten Künstler per KI reichlich mit aus dem Nichts sprießenden Blumen (nur manche entgehen dem floralen Furor). Ja, es wird viel gesungen in den Konzerten – von Vater & Sohn Prégardien im Eröffnungskonzert (6. 6. Tonhalle), vom Leipziger Calmus Ensemble, das sich der berühmten Dreiecksgeschichte von „Clara, Robert, Johannes“ widmet (18. 6. Neanderkirche), oder wenn „Lieder von starken Frauen“ erklingen (21. 6. KAI 10). Doch mindestens so üppig blüht die Instrumentalmusik. Das Kebyart Saxofon Quartett aus Barcelona zum Beispiel intoniert Stücke von Bach und Mozart bis Jörg Widmann und Dani López (9. 6. Palais Wittgenstein), und die Jazzkollegen vom Jörg Kaufmann Trio verleihen Robert Schumanns altvertrauten „Kinderszenen“ neue Farben und Rhythmen (13. 6. Jazz-Schmiede).

6.-26. 6., schumannfest.de

 

 

Göttinnen, was nun? Foto: Anja Ensmann

Duisburg

Weiß der Himmel

(oc). Gott ist drei Frauen, anders gesagt GI3F. Warum auch nicht, anderslautende Annahmen sind schließlich nicht weniger gewagt. Die drei Frauen jedenfalls schauen auf die Welt, sie wissen nicht recht, ob schon deren Ende gekommen ist. Die Erde selbst erzählt, dass ihre Bewohner neuerdings in kleinen Kapseln von ihr abfallen, nachdem sie den Planeten weitgehend zerstört haben. Erst meint die Erde, sie hätte noch 3,5 Milliarden Jahre, dann schwant ihr: Nein, es sind nur noch 40 Minuten. Ob sich vielleicht noch jemand etwas wünscht, fragt sie. Da tritt der bzw. „das“ letzte Mensch auf und hält einen finalen Monolog über die („ich mach es kurz“) gesamte Menschheitsgeschichte ... Die drei Göttinnen kommen zum Schluss, dass sie die Menschen und die Welt neu erfinden müssen. – Das temporeiche, kluge und humorvolle Stück über die ganz großen Fragen stammt von der Künstlerin, Dramatikerin und Nestroy-Preisträgerin Kiki Miru Miroslava Svolikova.

Im Theater Duisburg am 3., 17., 26. und 30. 6., jeweils 19.30 Uhr, Foyer III

 

 

1976: In der Taverna Kosmos ist was los. Foto: Jürgen Spiler & Thomas Strenge

Dortmund

Die Griechen aus der Nordstadt

(oc). Vor 50 Jahren tauchten die jungen Fotografen Jürgen Spiler und Thomas Strenge monatelang ins Alltagsleben der griechischen „Gastarbeiter“-Community in Dortmund ein und fingen in Wohnzimmern, auf Spielplätzen, in der orthodoxen Kirche und anderswo unverfälschte Bilder ein. Sie sollten bei den Auslandskulturtagen 1976 gezeigt werden, doch der Oberbürgermeister vermisste das Positive, worauf die Schau in ein Treppenhaus abgeschoben wurde. Nun zeigt sie das Hoesch-Museum doch noch in würdigem Rahmen und erweiterter Form, unter dem der Operette „Land des Lächelns“ entlehnten Titel „Wie’s drinnen aussieht, geht niemand was an …“ – Dortmunder Griechen 1976. In Zusammenarbeit mit dem Migrationsforscher Manuel Gogos ist auch ein informatives Begleitheft entstanden. „Wir waren viele Griechen“, erinnert sich Stavros Chalaris, einer der damaligen Jungs, heute kurz vor der Rente, „wir trafen uns am Hafen, am Borsigplatz oder vor der Eisdiele.“

Bis 28. 6. im Hoesch-Museum, Eberhardstr. 12, 44145 Dortmund, dortmund.de

 

 

„Wir müssen wahre Sätze finden“: Ingeborg Bachmann. Foto: Renate von Mangoldt, 1969

Kino

Eine kämpferische Frau

(oc/weltkino). Am 25. Juni 2026 kommt der Dokumentarfilm Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war in die Kinos, pünktlich zum 100. Geburtstag der großen Schriftstellerin aus Klagenfurt. Die Regie des Films, der in einem kunstvollen Geflecht aus improvisierten Szenen, Archivschätzen, Interviews und Bachmanns eigenen Texten die wichtigsten Lebensphasen der Autorin durchmisst – von der Kriegskindheit in Kärnten über den Aufstieg zum Star der Gruppe 47 bis zu den letzten Tagen 1973 in Rom –, hatte Regina Schilling, die sich durch Highlights wie Igor Levit. No Fear (2021) oder Kulenkampffs Schuhe (2018) längst Anerkennung und Preise verschafft hat. Ein weiteres Plus stellt natürlich die Mitwirkung von Sandra Hüller dar, die Bachmanns Worten eine eindringliche Präsenz verleiht. Seine Weltpremiere hatte der Streifen bereits kürzlich beim DOK.fest München, wo er in der Reihe „HerStory – Sieben Filme über furchtlose Frauen“ lief.

Kinostart 25. 6., 95 Minuten

 

 

Roman

Tristram Shandy oder die Lust am Erzählen

Was führt einen Reisenden aus Deutschland in ein Dorf namens Coxwold im englischen Yorkshire? Es ist eine tiefsitzende literarische Leidenschaft, ausgelöst durch die Lektüre des Romans Tristram Shandy von Laurence Sterne, dem eigenwilligen Erzähler, den schon Goethe, Lessing und Nietzsche verehrten. In Coxwold liegt Sterne ärmlich begraben, hier trifft sich Vince Bär, der Protagonist, alljährlich mit zwei ihrerseits Shandy-verrückten Freunden, und nun ist auch noch Sternes 250. Todestag. Zu vorgerückter Stunde erhalten die drei simultan ein und dieselbe mysteriöse SMS: Ein gewisser Minelli lässt wissen, er habe das verschollene zehnte Buch des Tristram Shandy endlich gefunden, und bittet sie um fachkundige Prüfung der Echtheit des Textes. Ein Ansinnen, das die Freunde nicht kalt lässt, vertraten sie doch längst, auch öffentlich, die sogenannte Zehn-Bücher-Theorie. Zwar bekommen sie dann von Minelli nur ausgedruckte Textauszüge zu hören, aber die haben es dermaßen in sich – Sterne übertrifft sich noch einmal selbst! –, dass es kein Halten mehr gibt, vor allem bei Vince, der zu hitzköpfigen Aktionen neigt. Dass Minelli das Buch dann noch für eine sechsstellige Summe anbietet, kühlt ihn nicht ab. Stattdessen besorgt er sich eine Pistole.

Das ist der eine irrwitzige Erzählstrang in Markus Orths‘ ebenso wildem wie anrührenden und klugen Roman Die Enthusiasten. Der andere handelt vom Elternhaus, in dem der Ich-Erzähler mit zwei Geschwistern aufwächst – einem märchenhaften „Hexenhaus“ voller Bücher, die immer mehr werden, von einer liebenswert unkonventionellen Mutter und einem ebenbürtigen Vater, Setzer von Beruf, der seine Arbeit endgültig verliert, als er in einer Politikerbiografie, in der von ausuferndem Sozialstaat und spätrömischer Dekadenz die Rede ist, kurz vor Drucklegung eigenmächtige Korrekturen vornimmt. Als Rentner vertieft er dann seine Literaturstudien, indem er etwa eine Rangliste der 400 abgedroschensten Wendungen erstellt. (Orths gönnt sich den Spaß, eine Romanszene selbst damit zu spicken.) Seine Enthusiasten brechen eine Lanze für erzählerischen Wagemut, indem sie ihn praktizieren. In Zeiten der „KI“ notwendiger denn je.

Markus Orths: Die Enthusiasten, Roman. Galiani Berlin, 365 Seiten, gebunden, 24 Euro

 olaf cless

 

 

Politischer Essay

Die Kraft zivilen Widerstands

Als der Eiserne Vorhang aufging, war Michal Hvorecký 13 Jahre alt. Mit vielen anderen Menschen wanderte er in seiner Heimatstadt Bratislava zur Donau, bis dahin eine unüberwindliche Grenze. Am Ufer bejubelten sie die freie Welt, zu der nun auch sie gehörten. Es kam dem Jungen vor wie ein Traum. 36 Jahre später wurde Hvorecký angeklagt wegen „Berufsschädigung“ der slowakischen Kulturministerin. Es kam ihm vor wie ein Albtraum. Martina Šimkovičová hat seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2023 die Leiter der wichtigsten nationalen Kulturinstitute ausgetauscht, bekämpft queeres Denken und fordert die Rückkehr zu einer slowakischen Kultur. Der Journalist nannte sie eine Neofaschistin, verurteilt wurde er zum Glück nicht.

In seinem Buch Dissident beschreibt Hvorecký, wie die Freiheit im EU-Staat Slowakei von den ultrarechten Autokraten bedroht wird. Präsident Robert Fico, mittlerweile in der vierten Amtsperiode, lässt seine Wohltaten willfährigen Oligarchen zukommen, verbietet die Homoehe ebenso wie das Recht auf Abtreibung, schaltet die Medien gleich, beschimpft den Westen und treibt viele junge Leute genau dorthin. Dennoch gibt es in der Slowakei, vor allem in der Hauptstadt Bratislava, noch eine lebendige Kulturszene und eine breite, fantasievolle Protestbewegung, in der auch Michal Hvorecký, trotz Hass-Postings und Drohungen, aktiv ist. Sein Buch ist eine Inspirationsquelle für die Abwehr eines reaktionären Kulturkampfs, wie er leider nun auch in Deutschland Fahrt aufnimmt.

Michal Hvorecký: Dissident. Tropen Verlag, Stuttgart 2026, 160 Seiten, Hardcover, 18 Euro

eva pfister

 

 

Wörtlich

„So etwas wie eine ‚Gnade der späten Geburt‘ gibt es nicht, es gibt nur die Pflicht der späten Erkenntnis.“

Hape Kerkeling, 61, Komiker, Schauspieler, Autor und Enkel eines Lagerhäftlings, in seiner Rede zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald