Underdog: Erste Hilfe für arme Hunde
Interview mit Projektleiterin Jana Rosnowski
Frau Rosnowski, Sie haben es sich zum Beruf gemacht, wohnungslosen Menschen und ihren Tieren beizustehen. Was motiviert Sie zu dieser nicht-alltäglichen Aufgabe?
Als Kind wollte ich Tierärztin werden. Heute bin ich Sozialarbeiterin. Bei meiner Arbeit für Underdog kann ich jetzt beides verknüpfen: Sozialberatung in der Wohnungslosenhilfe und Hilfe für deren Tiere. Ich mache das jetzt seit drei Jahren, mein Traumjob. Morgens bin ich in der Sozialberatung, dann kommen die Klient:innen auch teilweise mit ihren Tieren direkt. Kontakt zu ihnen bekomme ich dann auch an unserem Bus, unserer rollenden Tierarzt- und Sozialberatungspraxis. Hier komme ich quasi an das andere Ende der Leine. Über das Tier finde ich den Anschluss und das Vertrauen zu den Menschen. Dann kann man sich langsam vortapsen und fragen „Okay, deinem Hund geht es jetzt gut, was können wir denn für dich tun? Bist du im Leistungsbezug? Bist du krankenversichert, etc?“ Das Projekt ist ziemlich komplex. Jeden Tag können neue Situationen entstehen.
Nehmen die Hilfsnachfragen zu?
Ja, enorm! Man merkt, dass die Gesellschaft ärmer wird, definitiv. Das lässt sich hier z.B. an dem stetig wachsenden Zulauf zur Altstadt-Armenküche ablesen. Das merken wir täglich auch beim Streetworken, bei allem, was die soziale Arbeit anbetrifft. Die Schere wird größer und damit auch unsere Arbeit gefragter. Und was die Tiere betrifft: Die Kosten für eine ärztliche Versorgung sind ja selbst für Normalverdiener häufig nur noch schwer aufzubringen.
Wohnungslose Menschen haben ja kaum selbst genug, um über die Runden zu kommen. Was sind ihre Beweggründe, sich dann noch einen Hund anzuschaffen, den sie von ihrer wenigen Habe mitversorgen müssen?
Da gibt es mehrere Gründe. Es gibt ja Menschen, die wohnungslos werden, die vorher schon ein Tier hatten, die dann mit auf der Straße landen. Meine Erfahrung sagt, dass für viele Menschen, halt auch für die, die auf der Straße leben, ihre Tiere die beste Freunde und auch der Familienersatz sind. Ein Kind würde man ja auch nicht einfach so abgeben. Teilweise ist der Hund auch Schutzperson, vor allem für wohnungslose Frauen auf der Straße. Auch, wenn der Hund nie etwas machen würde, wirkt er natürlich beeindruckend und teilweise abschreckend. Und im Winter, wenn man sich ankuscheln kann, gibt der Hund Wärme und wärmt auch das Herz der Menschen mit.
Kümmert sich Underdog ausschließlich um Hunde, wie der Name nahe legt, oder werden auch andere Tiere versorgt? Und dürfen Tiere mit an die Schlafstellen der Wohnungslosen?
Größtenteils Hunde, 75 Prozent schätze ich. Daneben vor allem Katzen, hin und wieder Kaninchen. Eine unserer Klientinnen hat eine Ratte. Auch ein Leguan war schon dabei. Nicht in allen Notschlafstellen dürfen auch die Tiere Wohnungsloser übernachten. In Düsseldorf gibt es wenige Ausnahmen, in anderen Städten überhaupt nicht. Dann schläft man mit seinem Tier heute mal hier, morgen mal da, vielleicht bei Freunden, Bekannten oder bei der Familie. Die meisten sind dann gezwungen, „Platte“ zu machen, werden vom Wohnungslosen zum Obdachlosen und nächtigen mit ihrem Hund gemeinsam draußen in einem Zelt oder Schlafsack. Der Hund ist der Freund und man lässt seinen Freund nicht alleine.
Wer engagiert sich im Team von Underdog ?
Ich selbst bin als Projektleitung über fiftfyfifty angestellt. Zudem gibt es eine tiermedizinische Fachangestellte als Minijobberin. Alle anderen von unserem Underdog-Team arbeiten rein ehrenamtlich. Am Bus sind es aktuell 5 Tierärzti*nnen, welche sich abwechseln. Ein weiterer Tierarzt, sowie eine Tierärztin unterstützen uns in einer Praxis bei Operationen und Kastrationen. Nebenbei unterstützt uns mein Vater noch als Fahrer des Mobils, Spendenabholung oder handwerklichen Dingen.
Trotz großem ehrenamtlichen Engagement fallen ja auch nicht unerhebliche Kosten an – für den Unterhalt des Busses, für Medikamente etc. Wie finanziert sich das Projekt und wie sieht es mit öffentlichen Zuschüssen durch das Land / die Kommune aus?
Pro Sprechstunde an unserem Bus fallen allein nur für Medikamente rund 2.000 Euro an Kosten an. Manchmal müssen auch z. B. für ein Herzultraschall externe Tierärzte oder eine Tierklinik konsultieret werden. Auch wenn die uns mit ihren Honorarforderungen entgegen kommen, bleibt beides extrem teuer. Kostenlos dürfen sie ja nicht behandeln.
Anfänglich wurde Underdog noch im Rahmen der Notfallhilfe für Wohnungslose vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein finanziell unterstützt. Diese Förderung ist jedoch im Jahr 2010 entfallen. Seitdem müssen wir alle Mittel selbst aus Spenden aufbringen. Einige Unternehmen stehen uns mit Spenden zur Seite, manche geben sogar mehrmals. Dann gibt es Leute, die sagen „ich finde es cool, was ihr macht“ und privat spenden, die einen 10 Euro, andere mehr. Auch zu Anlässen wie Geburtstagen wird mittlerweile Geld für eine Underdog-Spende gesammelt. Da heißt es dann, „ich möchte kein Geschenk, lieber Geld für einen guten Zweck.“ Da freue ich mich immer tierisch drüber.
Kann man neben Geldspenden Underdog auch mit anderen Formen der Unterstützung helfen?
Auf jeden Fall. Sachspenden natürlich, Hundefutter etc. kann man gerne bei mir in der Sozialberatung abgeben und womit man auch super helfen kann, ist, unser Straßenmagazin fiftyfifty und unseren Straßenhundekalender zu kaufen - so einen schönen Kalender kriegt man nirgends, würde ich jetzt mal behaupten. Und womit man auch immer helfen kann, ist, unseren Verkäufer:innen auf Augenhöhe zu begegnen. Respekt, Respekt. Und Menschlichkeit kostet ja nichts.
Gibt es auch Kritik an Ihrem Projekt?
Ja, natürlich. Wenn man irgendwas Gutes tut, gibt es ja immer auch Kritik. Die üblichen Stereotype: „Penner“ nehmen alle Drogen und alle trinken. Oh Gott, dann hat der auch noch einen Hund! Den ganzen Tag auf der Straße kann es dem ja nur schlecht gehen etc. etc. Ich weiß aus unmittelbarer Erfahrung, dass das keineswegs so ist. Die Hunde der Wohnungslosen sind in der Regel super gut erzogen, ihnen geht es echt gut, und sie erhalten mehr Fürsorge als die Wohnungslosen für sich selbst aufbringen.
Abschließende Frage: Was wünschen Sie sich für die zukünftige Entwicklung von Underdog? Gibt es dafür konkrete Pläne?
Vor allem wünsche mir, dass wir auch weiterhin mit Spenden unterstützt werden, damit wir unsere Arbeit fortführen können. Dass dieses klasse Team von Ehrenamtler:innen, das ich da um mich habe, bleiben kann. Dass wir alle fit und gesund bleiben. Ja, und generell, dass die Menschen für die soziale Arbeit von fiftyfifty und Underdog noch offener werden und es auch mit dem Verkauf unseres Straßenmagazins wieder aufwärts geht, dem Herzstück unserer Arbeit, von dem alles andere abhängt.
Underdog-Kalender 2027
Unser Top-Seller. Portraits von Hunden obdachloser Menschen und Texte dazu, alles von Obdachlosen selbst gemacht. In Farbe 40 x 30 cm, 13 Blatt, demnächst erhältlich bei unseren Straßenverkäufer*innen und zum Vorbestellen in unserem Onlineshop.
Spenden für Straßenhunde
fiftyfifty-galerie.de
Stichwort: Underdog
Das Interview führte Hans Peter Heinrich ff