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„Es freut uns, wenn unser Name dabei hilft, ein Zeichen zu setzen, Türen zu öffnen oder benachteiligten Menschen Kraft zu geben.“ (Foto: Donata Wenders)

„Für die, die sonst keiner hört“ – Interview mit Tote Hosen-Gitarrist Kuddel

Tote Hosen-Gründungsmitglied und -Gitarrist Kuddel spricht im Interview mit Noemi Pohl über das neue Album, die Auftritte der Band in Argentinien, seine Liebe zu Hunden und darüber, warum es so wichtig ist, offen auch über Sucht zu sprechen.

 

Noemi: Du hast ja einen adeligen Namen: Andreas von Holst. Aber alle nennen dich Kuddel. Wo kommt der Name her?

Kuddel: Damals bei ZK (der Vorläuferband der Toten Hosen) hat irgendwer, ich glaube Fabsi, mich Kuddel gerufen und seitdem bin ich Kuddel. Das war's. Es gab ja dann bei den Hosen halt drei Andreasse in der Band und dann musste man eben unterscheiden. Ich hieß ab da einfach so und habe es auch nie wieder hinterfragt.

 

Du bist als Gründungsmitglied der Band durch alle Phasen gegangen – vom besetzten Haus bis ins Stadion. Wenn du heute in den Spiegel schaust: Siehst du da noch den Andreas von Holst, der damals alles für die Musik riskiert hat, oder fühlt sich das Leben von früher heute wie eine Geschichte von einer ganz anderen Person an?

Ich sehe mich da schon als ein- und dieselbe Person. Wenn ich zurückblicke, sehe ich keinen Fremden oder jemanden, der gar nichts mehr mit mir zu tun hat. Die Anfänge waren für uns auch kein bewusstes Risiko, sondern es war einfach das, was wir getan haben, ohne weiter darüber nachzudenken. Dass wir ökonomisch erfolgreich wurden, verändert sicherlich was, aber ich weiß noch ganz genau, wie ich ganz am Anfang zu Hause wohnen musste, weil ich mir gar nichts leisten konnte und wir mit der Band kurz vor der Pleite standen. Das alles ging dann kontinuierlich aufwärts, über 44 Jahre, sodass es nie diesen Bruch gab, bei dem man sich heute fragen müsste: „Wo kommt das jetzt her?“ oder „Bin ich jetzt jemand anderes?“ Dass manche Leute heute sagen, wir seien nicht mehr die, die wir mal waren, ist mir egal. Die Band musste sich weiterentwickeln, alles andere wäre auch langweilig gewesen. Wir haben nie etwas aus Kalkül gemacht, um Erfolg zu haben, sondern zuerst mussten wir selbst gut finden, was wir machen. Ich sehe mich heute immer noch in meinem jungen Ich von damals.

Bei den Weihnachtskonzerten gibt es einen Moment, auf den alle warten: Wenn du das Mikrofon übernimmst. Bei „Still, still, still“ brüllst du mit aller Kraft den Text eines traditionellen Kinderweihnachtsliedes heraus, das eigentlich ganz leise gesungen wird. Wie ist diese Idee entstanden? Und wie fühlt sich dieser Rollenwechsel vom Gitarristen zum Front-Schreihals für dich an? 

Die Idee kam, als wir das Weihnachtsalbum aufgenommen haben und wir überlegt haben, welche Nummern man auf Punk ändern kann. Bei „Still, Still, Still“ ist der Text so sanft, dass es ein großartiger Kontrast ist, das rauszuschreien, als hätte man Hornissen gefrühstückt. Deshalb musste das aufs Album. Wir können die Nummer auch nicht zwei Abende hintereinander spielen, weil danach die Stimme weg ist. Das ist schon echt anstrengend, weil es grenzwertig klingen muss. Es muss wehtun. Würde Campi das singen, wäre für den weiteren Verlauf des Konzertes seine Stimme womöglich ruiniert. Ich bin in der Band oft für die hohen Schrei- und Chorparts zuständig. Ich kann ja eigentlich gar nicht singen, ich schreie immer. Ich trage das Lied im Grunde ironisch vor, das ist ein Gag, der einfach jedes Mal wieder Spaß macht.

 

Euer neues Studioalbum soll das letzte sein: „Trink aus, wir müssen gehen!" Nach so vielen Jahren und Hits: Wie viel Überwindung hat es gekostet, sich im Proberaum einig zu werden, dass dies wirklich das letzte Kapitel der Studio-Diskografie sein soll? Wie fühlt sich das an, nach über 44 Jahren zu sagen: Wir müssen gehen? Und geht ihr denn auch wirklich?

Dies ist ja das letzte Studioalbum, nicht generell das letzte Kapitel der Hosen. Das hatten wir zusammen überlegt, aber es war diesmal ganz und gar nicht einfach. Ich persönlich wollte mich nicht unbedingt darauf festlegen, dass wir uns selbst limitieren. Die Band funktioniert ja gut, wir sind erfolgreich und ich spüre daher das Ende noch gar nicht. Aber wir gehen diesen Weg jetzt gemeinsam. Deshalb haben wir uns auch für diesen Titel entschieden. Damit gibt es nun keine Missverständnisse mehr. Der Titel ist Programm.

 

Wie wirkte sich eure Festlegung darauf, dass es das letzte Studioalbum ist, für dich darauf aus, es einzuspielen?

Der Gedanke daran hat mich während der Studioarbeit erstmal eher blockiert als beflügelt. Und am Ende wurde es auch zeitlich eine Punktlandung. Also der Weg war anstrengend, aber das Ergebnis ist super geworden. Ich bin noch nie so zufrieden mit einem Album im Vorfeld gewesen wie dieses Mal und freue mich jetzt richtig darauf.

Argentinien ist für euch seit Jahrzehnten wie eine zweite Heimat, ihr werdet dort wie Familienmitglieder empfangen. Jetzt, wo im Oktober das Finale bevorsteht: Mit welchen Gefühlen blickst du auf die anstehende Reise nach Buenos Aires? Und was glaubst du, warum gerade die argentinische Seele so perfekt mit eurer Musik harmoniert?

Argentinien stand bei uns eigentlich nie auf dem Plan. Um 1990 rum schrieb uns ein Karlsruher, der in Buenos Aires bei der Deutschen Bank gearbeitet hat: „Jungs, ihr müsst kommen, die sind hier völlig Punkrock-verliebt.“ Nach der Diktatur und der gewonnenen Freiheit liebten die Argentinier alles, was wild ist. Wir haben dann gesagt: „Schick uns Flugtickets, dann kommen wir.“ Und das hat er gemacht. Beim ersten Auftritt dachten wir nachts um zwölf noch: „Schade, kein Mensch da.“ Aber um drei Uhr morgens war plötzlich die Hölle los. Das war so ein wilder Abend, damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Seitdem sind wir immer wieder gekommen. Als die Ökonomie dort den Bach runterging, haben alle internationalen Bands ihre Konzerte abgesagt – nur wir nicht. Das haben die uns nie vergessen. Seitdem ist da eine Beziehung entstanden, die wahnsinnig intensiv ist. Wir haben auch mal probiert, auf Englisch zu singen, das fanden die überhaupt nicht gut. Die Argentinier können auch alles auswendig. Ich kenne kein Volk, das so singfreudig ist; die singen Schlagzeuglinien und Basslinien mit, wirklich toll. Also wir freuen uns jedes Mal sehr auf diese Reise. Das ist ein bisschen wie nach Hause kommen, wir haben dort mittlerweile auch viele Freundschaften. Dennoch: Wir haben beschlossen, die Konzerte im Oktober werden definitiv die letzten in Argentinien sein.

 

Für fiftyfifty sind Armut und Obdachlosigkeit tägliche Themen. Ihr habt uns als Band von Anfang an bis heute unterstützt. Gerade mit deinen Wurzeln im Punkrock, der ja immer die Stimme derer war, die am Rand stehen: Wie blickst du auf Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen? Und wie wichtig ist es dir, dass man das Thema Sucht – das ja auch in der Punkrock-Szene eine Rolle spielt – nicht totschweigt, gerade in Bezug auf deinen eigenen Umgang damit?

Es ist immer schlimm zu sehen, wenn Leute alles verloren haben, keine Familie mehr haben und auf der Straße landen. Wie das passieren kann, frage ich mich oft. Am Ende ist es meistens die Sucht, die einen in diesen Strudel zieht. Das hat nichts mit Intelligenz oder Bildung zu tun, ich habe das ja selbst erlebt. Das eigentliche Problem ist das Totschweigen. Das führt dazu, dass man abdriftet und ganz unten landet. Ich bin mit meinen Süchten, ob Alkohol, Drogen oder Nikotin, erst klargekommen, als ich offen darüber reden konnte. In dem Moment, als ich es nicht mehr versteckt habe, konnte ich damit umgehen und schließlich aufhören. Alkohol war mein Riesenproblem, und mir ist heute klar: Unsere Gesellschaft verharmlost diese Droge nach wie vor massiv.

Gerade im Punkrock gehörte Saufen und Partymachen früher zum guten Ton.

Aber dass das extrem problematisch wird, haben wir in der Band am eigenen Leib erfahren, bis wir wussten: Jetzt ist Schluss. Dass heute ein Glas Bier oder Wein überall dazugehört, halte ich für falsch. Heute erlebe ich, wie anstrengend es ist, wenn man sich ständig rechtfertigen muss, nur weil man abstinent ist. Aber genau da liegt der Fehler. Diese Ignoranz gegenüber der Sucht und dieses Wegsehen, wenn es brenzlig wird. Deshalb ist es so wichtig, dass es Leute wie euch gibt, die nicht wegschauen, sondern anpacken. Und deshalb unterstützen wir als Band eure Arbeit auch so gerne.

 

Eure Unterstützung hat für die Obdachlosen übrigens einen riesigen emotionalen Wert. Wenn die hören, dass die Toten Hosen hinter ihnen stehen, gibt ihnen das oft mehr Kraft über die rein finanzielle Hilfe hinaus. War euch das in dieser Form bewusst?

Nein, das war uns so nicht bewusst, aber es ist wirklich schön zu hören. Das war ja auch immer ein großer Teil unserer Musik: denen Gehör zu verschaffen, die sonst keiner hört. Es freut uns, wenn unser Name dabei hilft, ein Zeichen zu setzen, Türen zu öffnen oder benachteiligten Menschen Kraft zu geben. Wirklich schön.

Du bist als großer Hundeliebhaber bekannt. Bei fiftyfifty gibt es ja das Projekt Underdog, das sich um die medizinische Versorgung der Hunde von Obdachlosen kümmert. Was bedeutet die Beziehung zwischen Mensch und Tier, besonders wenn du dir vorstellst, dass das Tier vielleicht der einzige treue Begleiter in einer harten Lebensphase ist?

Das kann ich mir absolut vorstellen. Ich hatte ja selbst mal drei Hunde gleichzeitig und aktuell habe ich eine Zwergdackeldame, die Rosine. Ohne Quatsch: Diese Tiere sind einfach großartig, da gibt es kein Wenn und Aber. Meine Frau und ich freuen uns jeden Tag über die Gesellschaft unserer Hündin. Man darf das nicht unterschätzen, die Liebe von so einem Tier ist enorm. Einer meiner früheren Hunde kam übrigens auch von einem Obdachlosen, der Welpen abzugeben hatte. Gerade wenn es hart läuft, ist der Hund oft der Einzige, der noch zu einem hält. Dem Hund ist es völlig egal, ob du Geld hast oder wo du pennst. Der ist einfach da. Ein Hund stellt keine Fragen und er urteilt nicht über dich. Wenn man das Glück hat, so einen treuen Begleiter zu haben, gibt einem das extrem viel Kraft. Oft ist der Hund auch der letzte Grund, warum die Leute überhaupt noch aufstehen oder auf sich aufpassen. Deshalb ist es so wichtig, dass es Projekte wie Underdog gibt. Das ist für die Leute oft genau die Stütze, die sie brauchen. Ob ich einen Hund habe oder nicht, darf nicht davon abhängen, ob man sich den Tierarzt leisten kann.

Vielen Dank, lieber Kuddel, für das interessante Gespräch. Unterstützung wie die der Toten Hosen lässt sich nicht nur in Spendensummen messen. Natürlich hilft das Geld: ganz konkret, bei medizinischer Versorgung, warmen Mahlzeiten oder einem Schlafplatz für die Nacht oder bei Housing First. Mindestens genauso wichtig ist aber der ideelle Wert: Wenn Musiker wie die Toten Hosen ihren Namen und ihre Haltung mit Menschen auf der Straße verbinden, bekommt ein Thema Aufmerksamkeit, das sonst allzu oft verdrängt wird. Für viele Betroffene ist genau das mehr als ein Symbol. Es ist das Gefühl, gesehen zu werden, eine Form von Würde. Vielen Dank an die Band für die langjährige Unterstützung.

 (Fotos: Donata Wenders, außer das letzte: Hubert Ostendorf)