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Warum muss sie auch ausgerechnet Palästinenserin sein: Basma al-Sharif. Foto: Christopher Kurz/Internationale Kunstfilmtage Winterthur

Nähe trifft Freiheit

Von olaf cless

„Netanjahu hat sich schändlich verhalten, und zwar in einem Maße, dass die Abneigung, die er wie kein anderer hervorzurufen weiß, sich nun auf Israel selbst ausgeweitet hat. Er weigerte sich, Verantwortung für die Politik zu übernehmen, die die Hamas zu ihren Verbrechen veranlasste (…) Er führte einen Krieg, der die unverhältnismäßige Zahl palästinensischer Todesopfer, die internationale öffentliche Meinung und die Verzweiflung der Familien israelischer Geiseln ignorierte (…) Während ein Waffenstillstand im Gange ist, wird es viel mehr als einen Waffenstillstand brauchen, um Israel wieder besser aussehen zu lassen als einen Schurkenstaat.“ Schwer vorstellbar, dass eine Person, die mit solchen öffentlichen Äußerungen aufgefallen ist, in einer Stadt wie Düsseldorf einen Vortrag halten könnte, ohne dass schon im Vorfeld erregter Protest laut würde. Protest wahrscheinlich von der Jüdischen Gemeinde, von der deutsch-israelischen Gesellschaft, vom Antisemitismus-Beauftragten. Der Fall ist fiktiv: Es gab keinen Proteststurm gegen die renommierte, in Paris und Jerusalem lehrende jüdische Sozialwissenschaftlerin Eva Illouz, von der das obige Zitat stammt. Es gab auch keinen Vortrag (aber einen Gesprächsabend Anfang 2025 im Schauspielhaus).

Es gab indessen einen anderen Fall, im Januar an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die „umstrittene Künstlerin“, wie es in solchen Fällen sofort heißt, war die palästinensisch-US-amerikanische Filmemacherin Basma al-Sharif. Gerade hatte sie beim Kurzfilmfestival Winterthur den Hauptpreis gewonnen für Morgenkreis, „einen leisen, poesievollen Spielfilm über eine Fluchterfahrung“, wie ein Kritiker schrieb. Studierende der Kunstakademie luden al-Sharif im Rahmen einer von ihnen selbst kuratierten Veranstaltungsreihe zu einer Werkpräsentation ein. Hiergegen machten, unter Berufung auf „antisemitische Narrative“ in drei Instagram-Posts der Künstlerin (ein paar bei Eva Illouz geklaute Zitate hätten wohl den nämlichen Effekt gehabt), die erwähnten Kreise und Funktionsträger mobil, verstärkt noch durch den Oberbürgermeister, die stellvertretende Ministerpräsidentin, das Jüdische Forum der CDU in NRW u. a. m., und forderten von der Akademie-Leiterin Donatella Fioretti, die Veranstaltung zu canceln. Als Fioretti sie nach rechtlicher Prüfung dennoch stattfinden ließ, wenn auch nur noch akademie-intern, war’s auch wieder nicht recht: Jetzt könne man sich von der Künstlerin ja gar kein Bild machen … Die Rektorin wurde vor einen Landtagsausschuss zitiert, schwor aber auch dort nicht der Hochschulautonomie und der Kunstfreiheit ab. In einem ausführlichen Offenen Brief* stärken ihr inzwischen weit über 1.500 namhafte Künstlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt den Rücken.