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Das Gastro-Team mit Projektleiter Dennis Nikolay (erste Reihe vierter von li.) und Sterneköchin Agata Reul (dritte von li.).

Das Selbstwert-Gefühl

Wie Obdachlose durch Housing First nicht nur von der Straße, sondern auch wieder in Arbeit kommen. fiftyfifty-Verkäufer*innen haben unter Anleitung der Spitzenköchin Agata Reul die Kantine des NRW-Ministeriums für Arbeit übernommen - ein einzigartiges Projekt.

Der Mann grinst und hält einen Teller in die Kamera. Auf dem Teller sind Pasta, wahlweise mit Lachs oder Garnelen und Puttanecsa-Sauce. Mit ihm grinsen auch noch viele der über hundert anderen Besucher*innen der Kantine im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW an diesem Tag. Der Mann heißt Karl-Josef Laumann und ist Sozialminister. Er ist extra zu einer ungewöhnlichen Pressekonferenz in seine zuvor verwaiste Kantine gekommen. Denn längere Zeit gab es für die Angestellten im Haus kein Mittagsangebot mehr. Der ehemalige Pächter hatte den Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

 NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann freut sich darüber, dass ehemals Obdachlose seine verwaiste Kantine im Ministerium übernommen haben und lässt sich einen Teller mit Pasta und Lachs schmecken. (Foto: Hubert Ostendorf)

Die neuen „Pächter“ sind eher ungewöhnlich, genau wie ihre Geschichten. Es sind ehemalige Obdachlose, die nach Jahren auf der Straße an zwei Tagen in der Woche für das leibliche Wohl sorgen. Die meisten von ihnen waren drogenabhängig oder alkoholkrank und auch schon im Gefängnis. Mit dem ersten Kamerateam komme ich bei Otto vorbei, der sehr konzentriert Gemüse schneidet. Otto war fast 30 Jahre auf der Straße, ein Überlebenskünstler. Heute kann er nicht mehr so lange im Freien verbringen, durch die vielen Winter auf der Straße läuft seine Haut blau an. Er lächelt mir zu. Rüdiger haben wir vor einigen Jahren vom Rathausplatz aufgesammelt. Es saß da, mitten im Winter auf einer Decke, zwei Flaschen Wodka am Tag hat er getrunken. Rüdiger kommt frisch aus der Entgiftung. Der Alkohol hatte ihn in den letzten Monaten wieder eingeholt. Es war hart für ihn, einzugestehen, dass er wieder Hilfe braucht, um mit dem Trinken aufzuhören. Ich habe ihn in seiner Wohnung besucht und lange auf ihn eingeredet, dass er in die Klinik muss. Nach dem Fallen gibt es ein Aufstehen. Es ist das einzige Versprechen, dass wir Leuten abnehmen, wenn wir ihnen den Schlüssel für ihre ersten Wohnung nach Jahren auf der Straße in die Hand drücken. Rüdiger ist besonders stolz an diesem Tag, dass er dabei ist. Überhaupt herrscht bei dieser Küchencrew eine ganz besondere Atmosphäre. Das liegt sicherlich auch daran, dass sie prominente Unterstützung haben. Agata Reul ist Sterneköchin mit einem eigenen Restaurant in Düsseldorf. Sie zeigt den Teilnehmern des Projekts, wie man für über hundert Menschen Essen zubereitet und das auf eine sehr professionelle und liebevolle Art und Weise. Es geht darum, Menschen im geschützten Rahmen, aber unter annähernd echten Arbeitsbedingungen für die Gastronomie zu schulen. Menschen, die einmal ganz unten angekommen waren, eine Chance zu geben, wieder Teil der Gesellschaft zu werden. Denn die eigene Wohnung ist dabei nur der erste Schritt. Es braucht auch eine Aufgabe, um den Alltag sinnhaft zu füllen. Das sieht auch Patrick so, der neben mir steht und weiß, ein ganz wichtiger Aspekt ist das Selbstwert-Gefühl. Es wird jeden Tag größer. Und mit diesem Gefühl, dem Gefühl an sich zu glauben, hinter der Theke zu stehen und ein positives Feedback zu bekommen: Essen war lecker heute, das sagen nicht wenige, wenn sie die Kantine wieder verlassen. Damit schaffen es Menschen, wieder eine richtige Beschäftigung mit einem ganz normalen Arbeitsvertrag zu bekommen. Sechs Teilnehmer*innen, die vorher bei der Metro und im Kulturzentrum zakk ein ähnliches Projekt durchlaufen haben, sind heute in regulären Jobs.

Dennis Nikolay und ich grinsen uns an, denn es ist auch unser Tag heute. Dennis ist gelernter Koch, und Projektleiter von „Housing First meets Gastro“. Seit zwei Jahren versuchen wir beide, andere davon zu überzeugen, dass es möglich ist, ehemalige Obdachlose wieder in reguläre Arbeit zu bekommen, und zwar anders als viele andere Jobvermittlungen dies tun. Wie bei den Wohnungen soll es ein geschützter Rahmen sein, aber mit Verantwortlichkeit und Eigeninitiative. Auch wir hatten mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Längst waren schon die Chefinnen und Chefs anderer Betriebskantinen da, auf der Suche nach neuen Mitarbeiter*innen.

Als der Presserummel vorbei ist, nehme ich mir einen Nachtisch. Irgendwas mit Nougat und Jogurt, schmeckt super. „Obdachlosigkeit ist eine der schlimmsten Formen von Armut“, hat Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller neulich bei einem Treffen mit Vertretern der Wohnungswirtschaft gesagt. Wie sehr sich die Dinge verändern können und somit auch die Perspektiven, wenn man daran glaubt und Chancen eröffnet, denke ich. Ich verlasse mit dem guten Gefühl die Kantine, dass wir es schaffen werden.

Oliver Ongaro, Fotos: Hubert Ostendorf