Mehr als nur eine Zeitung
fiftyfifty-Gründer und -Geschäftsführer Hubert Ostendorf im Interview mit David Bieber, Neues Deutschland.
?: Was passiert, wenn es die bekannte Obdachlosenzeitung fiftyfifty aus Düsseldorf nicht mehr geben sollte?
Wenn es fiftyfifty nicht mehr gäbe, würde weit mehr verschwinden als nur eine Zeitung. Für viele obdachlose Menschen ist sie ein sichtbares Zeichen von Zugehörigkeit und Schutz. Wenn Verkäuferinnen und Verkäufer mit der Zeitung auf der Straße stehen, signalisiert das Passant*innen: Diese Person gehört zu einer Organisation, sie ist Teil eines Systems mit Regeln, Ansprechpersonen und Unterstützung. Ohne dieses Signal wären viele Menschen auf der Straße noch schutzloser und stärker der Ausgrenzung oder Vertreibung ausgesetzt. Mit fiftyfifty würde auch eine wichtige Stimme verloren gehen. Die Zeitung ist seit Jahren eine Lobby für obdachlose Menschen – sie macht auf Missstände aufmerksam, stellt sich gegen Diskriminierung und kritisiert Maßnahmen, die darauf abzielen, Armut aus dem Stadtbild zu verdrängen. Ohne diese Öffentlichkeit gäbe es deutlich weniger Aufmerksamkeit für die Rechte und Lebensrealitäten von Menschen ohne Wohnung. Hinzu kommt der ganz praktische Aspekt: Für viele Verkäuferinnen und Verkäufer ist fiftyfifty eine der wenigen Möglichkeiten, selbstbestimmt Geld zu verdienen. Der Verkauf schafft nicht nur Einkommen, sondern auch Struktur, Kontakt und ein Stück Würde im Alltag. Und schließlich hängen an fiftyfifty zahlreiche Projekte, die ohne die Zeitung in ihrer Existenz gefährdet wären – etwa die Streetwork-Angebote, das Projekt Underdog für die medizinische Versorgung von Straßenhunden oder Housing First, das Menschen direkt aus der Obdachlosigkeit in Wohnungen bringt. Kurz gesagt: Wenn fiftyfifty verschwinden würde, ginge ein ganzes Unterstützungsnetz verloren – Schutz, Einkommen, politische Stimme und konkrete Hilfe im Alltag.
?: Würde eine „Institution“ in der Presselandschaft wegbrechen?
Ohne fiftyfifty würde eine wichtige Stimme fehlen. Die Zeitung steht für kritischen, gut recherchierten Journalismus, der konsequent auf soziale Missstände aufmerksam macht – besonders auf Themen, die in vielen anderen Medien kaum vorkommen oder nur am Rand behandelt werden. fiftyfifty gibt Menschen eine Stimme, die sonst selten gehört werden. Viele Beiträge, Texte und Fotos entstehen direkt aus der Perspektive von obdachlosen Menschen selbst. Gerade dadurch entsteht eine Authentizität, die man in klassischen Medien selten findet. Die Leserinnen und Leser bekommen nicht nur Berichte über Obdachlosigkeit, sondern Einblicke in echte Lebensrealitäten. Diese Perspektive ist wichtig, weil sie Klischees widerspricht und zeigt, dass hinter dem Begriff „Obdachlosigkeit“ individuelle Geschichten, Erfahrungen und Menschen stehen. Ohne fiftyfifty würde also nicht nur eine Zeitung fehlen, sondern auch eine Plattform für authentische Stimmen und eine kritische Öffentlichkeit, die soziale Ungleichheit sichtbar macht.
?: fiftyfifty ist gerade in einer Existenzkrise. Die Verkaufszahlen sind zuletzt massiv zurückgegangen. Die Auflage sei von früher 40.000 verkauften Exemplaren im Monat auf unter 12.000 im Januar dieses Jahres gesunken. Hat das mit der anhaltenden Krise in Deutschland zu tun?
Der Rückgang der Auflage von fiftyfifty hat mehrere Ursachen. Zum einen spüren wir, wie viele andere Medien auch, die allgemeine Krise der Printmedien. Immer mehr Menschen informieren sich digital, während klassische Zeitungen insgesamt weniger gekauft werden. Diese Entwicklung trifft auch Straßenzeitungen. Zum anderen beobachten wir eine gesellschaftliche Entwicklung, die uns große Sorgen macht: zunehmenden Rassismus und Hass gegenüber Verkäuferinnen und Verkäufern, insbesondere gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte. Viele unserer Verkäufer sind davon direkt betroffen. Ablehnende Reaktionen, Beschimpfungen oder Vorurteile erschweren den Verkauf im Alltag erheblich.Wie stark dieser Hass teilweise geworden ist, erleben wir auch täglich auf unserer Facebookseite. Dort sehen wir in den Kommentaren immer wieder, mit welcher Aggressivität und mit welchen rassistischen Unterstellungen über unsere Verkäufer gesprochen wird. Diese Stimmung wirkt sich natürlich auch auf die Straße aus und macht es für viele Menschen schwerer, die Zeitung zu verkaufen. Der Rückgang der Auflage ist deshalb nicht nur eine mediale oder wirtschaftliche Frage, sondern spiegelt auch gesellschaftliche Entwicklungen wider.
?: Wie gedenken Sie da gegenzusteuern?
Um dem Rückgang der Auflage zu begegnen, setzen wir auf mehrere Ansätze. Ein wichtiger Punkt ist Aufklärung: Wir machen deutlich, dass Almosen allein keine nachhaltige Hilfe sind. Das Konzept der Straßenzeitung basiert bewusst darauf, dass obdachlose Menschen sich ihr Geld selbst verdienen können – durch den Verkauf der Zeitung. Dieses Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe wollen wir stärken und sichtbar machen. Gleichzeitig entwickeln wir neue Wege. Seit geraumer Zeit gibt es neben der gedruckten Ausgabe auch eine digitale Variante: das sogenannte „fiftyfifty-ObdachLOS“. Dabei handelt es sich um eine Online-Ausgabe, die wie ein Rubbellos funktioniert. Käuferinnen und Käufer erwerben einen Zugangscode und können damit die digitale Ausgabe freischalten. Der besondere Clou – und das ist in dieser Form einmalig: Auch beim digitalen Verkauf profitieren die obdachlosen Verkäuferinnen und Verkäufer direkt. Wenn sie den Zugangscode verkaufen, erhalten sie – genau wie bei der gedruckten Zeitung – die Hälfte des Verkaufspreises. fiftyfifty und das ObdachLOS kosten jeweils 3,40 Euro, sodass die Verkäuferinnen und Verkäufer pro Verkauf 1,70 Euro verdienen. Damit übertragen wir das bewährte Prinzip der Straßenzeitung in die digitale Welt: Unterstützung, die nicht auf Almosen basiert, sondern auf fair verdientem Einkommen. Für 3,40 Euro bekommt man heute kaum noch etwas – oft nicht einmal ein ÖPNV-Ticket oder eine Tasse Kaffee. Dieser Betrag ermöglicht ganz konkrete Hilfe. Wer fiftyfifty kauft, unterstützt damit nicht nur eine Zeitung, sondern auch Menschen, die sich durch den Verkauf ein eigenes Einkommen erarbeiten. Wenn Leserinnen und Leser einmal im Monat 3,40 Euro ausgeben, tragen sie dazu bei, dass obdachlose Menschen eine faire Verdienstmöglichkeit haben und Projekte weitergeführt werden können, die ohne diese Unterstützung gefährdet wären. Diese Form der Hilfe ist direkt, würdevoll und nachhaltig.
?: Wie finanziert sich eigentlich fiftyfifty. Erklären Sie doch mal das Modell?
fiftyfifty finanziert sich ausschließlich aus den Erlösen des Zeitungsverkaufs und aus dem Verkauf des ObdachLOSes. Wenn die Auflage weiter zurückgeht, gerät damit zwangsläufig auch die wirtschaftliche Grundlage der Zeitung – und damit auch der digitalen Ausgabe – in Gefahr. Die sozialen Projekte, die mit fiftyfifty verbunden sind, werden hingegen aus zusätzlichen Spenden sowie aus den Erlösen unserer Benefiz-Galerie finanziert. Dort werden Werke gestiftet und verkauft, unter anderem von Künstlern wie Thomas Ruff, Gerhard Richter oder Imi Knoebel. Diese Einnahmen ermöglichen es, Projekte wie Streetwork oder Housing-First-Angebote umzusetzen. Entscheidend ist jedoch: Die Zeitung selbst sorgt für die Sichtbarkeit des gesamten Projekts. Sie bringt das Thema Obdachlosigkeit in die Öffentlichkeit und schafft die direkte Verbindung zwischen Verkäufern, Leserinnen und Lesern und der Gesellschaft. Würde fiftyfifty verschwinden, würde auch die öffentliche Wahrnehmung des Projekts deutlich abnehmen – und damit letztlich auch die Akzeptanz und Unterstützung für die sozialen Projekte, die daraus finanziert werden.
fiftyfifty retten
… und mindestens 1 x /Monat auf der Straße kaufen und/oder das ObdachLOS. Digital zur Stützung der Print-Auflage bitte hier abonnieren.