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Julia Paiewska (li), die unter dem Namen „Taira“ ihre Gedichte publiziert, zusammen mit unserer Autorin. Julia geriet in russische Gefangenschaft und wurde dort schlimm misshandelt. (Foto: Oliver Beermann)

Wir alle sind Czernowitz

Unsere Autorin Vera Vorneweg nahm im Herbst vergangenen Jahres am XVI. Meridian-Lyrikfestival in Czernowitz teil. Für fiftyfifty erzählt sie von ihrer Reise ins Kriegsland.

 

Wohin ich auch gehe,

Czernowitz holt mich ein

Gregor von Rezzori

 

Iasi/Czernowitz, 4. September 2025: Die Sonne hat sich bereits gesenkt, als wir nach einer vierstündigen Fahrt durch Rumänien die ukrainische Grenze erreichen. Wir kramen in den Rucksäcken nach unseren Pässen und überreichen sie dem Beamten. Er schaut ins Auto, er zählt Gesichter, er zählt Pässe, er schaut noch einmal ins Auto, sein Kopf nickt dabei, er verschwindet. Kurz darauf kommt er mit den gestempelten Dokumenten wieder. „Los gehts“, sagt unser Fahrer, den Motor startend, „in einer halben Stunde sind wir da, das Abendessen wartet auf uns.“ In Czernowitz angekommen, bestellen wir Pizza und Bier und alles im Restaurant fühlt sich ganz normal an, außer dass wir Sicherheits-Apps herunterladen und über Schutzräume sprechen. „Niemand hier in Czernowitz geht in die Bunker, wenn Luftalarm ist“, sagt Evgenia Lopata, die Kuratorin des Festivals, „aber das könnt ihr natürlich selbst entscheiden“.

 

5. September 2025: Die heiße Mittagssonne strahlt unerbittlich auf unserem Weg zum Paul Celan-Literaturzentrum, wo das Lyrikfestival stattfinden wird. Die kopfsteingepflasterten Straßen sind voller hochgewachsener alter Bäume, Linden und Kastanien, dahinter stehen die prachtvollen Altbauten aus der Habsburgermonarchie. Auf dem Festivalposter entdecke ich mein Bild und meine in ukrainischer Sprache abgedruckte Biographie. „Bist du aufgeregt?“, fragt Sophia, meine Übersetzerin. „Ein bisschen!“, antworte ich. Der Veranstaltungssaal ist voll, als das Festival beginnt, es gibt keine Stühle mehr, doch es strömen immer mehr Menschen hinein. „Der Krieg ist ein strenger Redakteur“, heißt es in der eröffnenden Rede des Festival-Leiters Sviatoslav Pomeranzew, in der er von der Poesie als Sauerstoff der Sprache spricht, als Element, das die Sprache zum Atmen brauche. Zum Abschluss sagt er in einen totenstillen Raum: „Ich träume von dem Tag, an dem ich zur Eröffnung des Festivals von dieser Bühne sagen werde: Poesie, danke. Wir haben dich gerettet und du hast uns gerettet.“

Nach meiner Lesung betritt die ukrainische Dichterin Julia Paiewska die Bühne, die unter dem Namen „Taira“ ihre Gedichte publiziert. Sie geriet zu Kriegsbeginn in russische Gefangenschaft und wurde dort so schlimm misshandelt, dass nach der Freilassung ihre Wirbelsäule neu zusammengesetzt werden musste. Während der Lesung muss ich immer wieder in ihr Gesicht schauen und es kommt mir vor, als ob es aus Wachs sei, als trage sie eine Maske. Nur an den Augen kann ich ihre Emotionen erfassen, ihre Bewegtheit, das ständige Glitzern, den Tränen nahe. Und an ihrem Hals sehe ich einen hin und wieder beim Schlucken sichtbaren Klumpen, der erahnen lässt, was in ihr vorgeht; der wie ein bleierner Brocken erscheint, der ihr immer wieder hochkommt und den sie stets aufs Neue bezwingen muss.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an einer Schule vorbei, deren Kellerfenster mit schwarzer Plastikfolie abgeklebt sind, „falls eine Bombe einschlägt“, erklärt Sophia, „wegen der Splitter“. An der Fassade der Schule hängt das Foto eines jungen Mannes in Uniform, unter dem viele Blumen liegen, zwei Kerzen flackern. Neben dem Rosenstrauß liegt ein kleines rotes Herz.

 Ein Sinnbild: Am Straßenrand in der Ukraine ein distelartiges Gewächs mit vielen blass-lila Blüten. Die Schlitzblatt-Karde wächst so auch in Deutschland. (Foto: Oliver Beermann)

Czernowitz, 6. September 2025: Während der Lesung der Drohnenpilotin Jaryna Tschornohuz ist Luftalarm, mein Körper ist starr vor Schreck, unfähig aufzustehen oder sich überhaupt zu bewegen. „Ignorieren wir jetzt den Luftalarm“, fragt die Autorin das Publikum und sucht nach nickenden Gesichtern, „alles klar, dann ignorieren wir das.“ Wir sitzen in einem riesigen Saal in der 5. Etage eines Hochhauses und kurz muss ich an den möglichen Einsturz des Gebäudes denken, falls es einen Luftangriff geben sollte. Doch dann driften meine Gedanken wieder hin zu Jarynas Poesie, hin zu den Zeilen, in denen sie den Schmerz gespeichert hat. „Wir werden nicht aufgeben“, sagt sie zum Abschluss ihrer Lesung, „wir werden immer weiterkämpfen“.

 

Czernowitz, 7. September 2025: Um halb sechs morgens ist erneut Luftalarm, er geht zwei Stunden. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es fühlt sich falsch an, aufzustehen und in den Schutzraum im Keller zu gehen. Doch warum stehe ich nicht einfach auf und gehe? Ununterbrochen ertönen die Sirenen, „steh auf“, sagt eine Stimme in mir, doch mein Körper gehorcht nicht, er verharrt. Ich presse meinen Rücken auf die Matratze und stelle mir vor, wie es wäre, jetzt und hier zu sterben, wie die Zimmerdecke auf mich stürzen und das Fensterglas mich durchsplittern würde. Und wie ich eingedrückt werden würde zwischen der herunterstürzenden Decke und dem Boden unter mir. In diesen Minuten nehme ich Abschied vom Leben, ich trenne mich. Nachdem der Luftalarm vorbei ist, stehe ich auf und dusche, aber es ist ein anderes Aufstehen und es ist auch ein anderes Frühstücken und ein anderes Unter-Menschen-Sein. Ich bin zwar da, aber ich hätte auch fort sein können, und immer wieder kommt mir der Gedanke des Schattens, wie es wäre, wenn ich nur noch Schatten, ein Geist wäre. Ich und mein Schatten, mein Schatten und ich sitzen nun gemeinsam im Veranstaltungssaal und hören den Lesungen und Gesprächen zu, wir sitzen auch noch später gemeinsam im Restaurant auf der Dachterrasse, dort, wo sich die Sonne schon langsam senkt.

 

Czernowitz, 8. September 2025: Das Frühstück verläuft heute schnell und fast gesprächslos, wir haben nur 15 Minuten, der Bus wartet schon. Sophia überreicht uns drei Aluminium-Schachteln mit gefüllten Teigtaschen, Warenyky, „das ukrainische Nationalgericht“, sagt sie, „falls ihr unterwegs Hunger bekommt“. Zum Abschied umarmen wir uns lange. Der Fahrer schaut immer wieder auf die Uhr seines Handys und tippelt mit seinen Fingern aufs Lenkrad. Als wir uns in die Autoschlange an der Grenze einreihen, ertönt plötzlich eine Sirene. Der Fahrer steigt aus und wir tun es ihm gleich. Er erklärt uns, dass jetzt die nationale Schweigeminute zum Gedenken an die Gefallenen und die Soldaten an der Front beginnt, „jeden Morgen um neun Uhr“, sagt er und schließt die Augen. Wir stehen am Rand eines Stoppelfeldes, wo gerade der Weizen abgeerntet wurde, und schließen ebenfalls unsere Augen. Unsere Rucksäcke haben wir auf dem Acker abgelegt. Ein leichter Wind weht und in der Ferne rauschen die Blätter der Bäume. Als der Fahrer wieder ins Auto steigt, deutet ein Kollege auf die am Straßenrand wachsende Pflanze, ein distelartiges Gewächs mit vielen blass-lila Blüten. „Die Schlitzblatt-Karde wächst so auch in Deutschland, ich habe sie erst vor kurzem bei uns am Feldrand gesehen.“ (Informationen zu unserer Autorin: www.vorneweg.com)

 

Quellen: Paiewska, Julia („Taira“) (2025): Leben. Verlag Meridian Czernowitz. Czernowitz (bislang nur in ukrainischer Sprache erschienen) / Pomeranzew, Igor (2012): Czernowitz. Verlag Meridian Czernowitz. Czernowitz / Rychlo, Petro (Hrsg.) (2004): Czernowitz. Europa erlesen. Wieser-Verlag. Klagenfurt / Tschornohuz, Jaryna (2025): Niemandes Safran. Verlag Meridian Czernowitz. Czernowitz (bislang nur in ukrainischer Sprache erschienen)