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Allegorie des Glücks, Gemälde von Angelo Bronzino (1564), Foto: Wikipedia

Mysterium Glück – Ein philosophischer Streifzug

Das Glück ist wie ein Omnibus, auf den man lange warten muss,

und kommt er dann zu guter Letzt, dann ruft der Schaffner: „Schon besetzt“.

 

Wo findet man das Glück, wenn der Bus abgefahren ist? Vielleicht im Supermarkt: „Kauf Dich glücklich“, empfehlen die Concept Stores. Die Kette PLUS ist sicher: „Kleine Preise machen glücklich.“ Wer es den Marketing-Influencern nicht abkauft, dass Shopping zum Glück führt, kann auch Rat in einem der zahlreichen Glücksseminare suchen oder sich - gegen exorbitantes Honorar – von einem selbsternannten Mindset-Guru einem „Brainwashing“ unterziehen lassen, um den Weg zu finden. Auch zwischen Buchdeckel gepresste „Lebenshilfen“ mit verheißungsvollen Titeln wie Das Glück ist mollig bieten Tipps. Die Sehnsucht nach Glück hat den Boden für eine milliardenschwere Glücksindustrie bereitet. Glücksdiktate allenthalben. Manche Experten sprechen bereits von „Glücksterror“. Was aber ist das eigentlich – Glück? In der jahrtausendealten philosophischen Diskussion gehen die Meinungen darüber weit auseinander. Im Folgenden einige ausgewählte Stimmen.

 

Glück ist Lusterfüllung

„Das ist eben das naturgemäß Schöne und Rechte, dass, wer richtig leben will, seine Begierden muss so groß werden lassen als möglich und sie nicht einzwängen; er muss fähig sein, diesen möglichst großen Begierden mit Tapferkeit und Einsicht zu dienen und zu erfüllen, worauf immer sich sein Begehren richtet. Aber dazu sind die meisten nicht imstande, weshalb sie solche Menschen tadeln und behaupten, die Zügellosigkeit sei schändlich, und unterjochen die von Natur aus besseren Menschen (…). So verhält es sich mit der Wahrheit: Luxus und Zügellosigkeit und absolute Freiheit sind, wenn sie nur Rückhalt haben, die wahre Tüchtigkeit und das Glück; alles andere ist nur Fassade und widernatürliche Vereinbarung, leeres Geschwätz der Leute und nichts wert.“

Was hier der Athener Sophist Kallikles in seiner Diskussion mit Sokrates vorbringt, ist die älteste (aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. stammende) und zugleich radikalste Verteidigung einer hedonistischen (am Lustprinzip orientierten) Lebensweise. Sokrates hakt noch einmal nach: „Also, die Begierden, sagst du, darf man nicht zügeln, wenn man sein will, wie man soll, sondern sie so groß wie möglich werden lassen und ihnen, woher es auch sei, Befriedigung bereiten?“ „Genau das behaupte ich“, bestätigt Kallikles. Im Kampf für das eigene gute Leben müsse es erlaubt sein, alle geeigneten Mittel einzusetzen; moralische und juristische Bedenken sind dabei belanglos. Gut und glücklich leben nur die, denen es einzig um das eigene Wohl geht. Moral sei etwas für die Schwachen. Dieser Amoralismus, der keine Sittenargumente gelten lässt, wird auch heute noch vertreten, wenn auch in abgeschwächter Form, so von der Ökonomie mit ihrem Ideal des homo oeconomicus, des rational handelnden Menschen und Marktteilnehmers, stets darauf bedacht, seine Bedürfnisse zu befriedigen, den eigenen Nutzen zu maximieren und Glück im Konsum zu finden.

Als einflussreichster Verteidiger des Hedonismus gilt der griechische Philosoph Epikur (341 - 271 v. Chr.). Ein glückliches Leben sei es, wonach der Mensch streben soll. In einem Brief heißt es: „Ich wüßte nicht, was ich mir überhaupt noch als ein Gut vorstellen kann, wenn ich mir die Lust am Essen und Trinken wegdenke, wenn ich die Liebesgenüsse verabschiede und wenn ich nicht mehr meine Freude haben soll an dem Anhören von Musik und dem Anschauen schöner Kunstwerke.“ All das freilich - anders als bei Kallikles - vernunftgeleitet und ohne Exzesse. Er hielt es für besser, „mit Verstand Pech, als ohne Verstand Glück zu haben“. Die höchste Weisheit bestehe darin, in der Gegenwart zu leben, weder den Tod noch die Götter zu fürchten, Schmerzen zu ertragen und Glückseligkeit durch Maximierung der Lust zu erlangen. So gelange man zum Glückszustand des inneren Friedens, zur Ataraxia, der Unerschütterlichkeit gegenüber Schicksalsschlägen, die das Glück gefährden könnten.

 „Die Lust ist Ursprung und Ziel des glücklichen Lebens,“ schreibt Epikur. Büste des Epikur; römische Marmorkopie eines griechischen Originals aus der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. Foto: Wikipedia

Glück ist Tugend und Vernunft

Eudaimonia – Glückseligkeit – lautet das höchste Ziel allen menschlichen Strebens bei den großen Klassikern der antiken Philosophie – Sokrates, Platon und Aristoteles. Beseelt von einem „guten Geist“ („eu daimon“) gilt es, eine tugendhaftes und zugleich kontemplatives Leben verbunden mit einer unerschütterliche Gemütsruhe zu realisieren. Sokrates (469-399 v. Chr.) war überzeugt: „Selbsterkenntnis ist die Bedingung praktischer Tüchtigkeit.“ Die Erkenntnis des wirklich Guten (agathon) öffne den Weg zum Glück. Darüber gilt es ständig nachzudenken: „dass ja eben dies das größte Gut für den Menschen ist, täglich über die Tugend sich zu unterhalten (…). Ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden“. Aus seiner Sicht beruht ein gutes, glückliches Leben auf der naturgemäßen Ordnung, die der Mensch sowohl in der Gesellschaft als auch in seiner eigenen Seele zu wahren hat. Die seelische Ordnung erfordert, dass egoistische Begierden der Herrschaft der Vernunft unterstellt werden. Wer sich beherrscht, ist tugendhaft, handelt daher richtig und führt ein gelungenes Leben. Er erlangt die Eudaimonia.

„Wer rechtschaffen ist, der, so behaupte ich, ist glücklich, sei es Mann oder Frau; wer aber ungerecht und böse, ist elend.“ Nach Platon (428/427-348/347 v. Chr.) wird glücklich, wer nach dem Guten und Schönen strebt: „Glücklich nennst du, wer das Gute und Schöne erlangt hat.“ Eudaimonie erreicht man durch eine ethische Lebensführung. Dazu ist die Hinwendung der ganzen Seele zum Guten notwendig, mit der Vernunft, dem Willen und mit dem Begehren. Dabei ist Platon davon überzeugt, dass derjenige, der seine Begierden nicht durch Vernunft zu zügeln weiß, zwangsläufig im Unglück lande. Äußere Glücksgüter wie Reichtum und Macht lehnt Platon nicht pauschal ab. Aber sie erhalten erst dann einen Wert, wenn sie nicht lediglich Mittel zum Zweck sind, sondern wenn man von ihnen einen vernunftgemäßen, das Allgemeinwohl fördernden Gebrauch macht

 Glück gilt nach Ansicht antiker Philosophen als eine Tugend, die auf der Vernunft fußt. Hier eine Personifikation der Tugend (Arete) aus dem 2. Jh. V. Chr. Foto. Wikipedia.

Für Platons Schüler Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) ist das Glücksstreben ein natürliches Grundinteresse der vernunftbegabten Gattung Mensch. Das, was der Mensch als vernünftiges Wesen kann und soll, ist nichts anderes als das, was die Natur für ihn vorgesehen hat, was aber nur durch sein bewusstes Handeln verwirklicht werden kann. Die Eudaimonia, das Glück, soll um ihrer selbst willen angestrebt werden: „Es ist keines anderen Dinges bedürftig, sondern autark.“ Das gilt gleichermaßen auch für die Tugend „denn das Edle und Ehrenwerte zu tun ist an sich wünschenswert.“ Für Aristoteles gehören ein tugendhaftes und glückliches Leben mithin zusammen. Er fügt hinzu: „Dazu muss aber noch kommen, dass dies ein volles Leben hindurch dauert; denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich.“ Was aber ist Tugend? Um das zu bestimmen, bedarf es des entscheidenden menschlichen Wesenszuges: der Vernunft, die es ein Leben lang auszubilden gilt. Von ihr sollen wir uns bei der Bestimmung der Tugend als Mitte zwischen Extremen leiten lassen, um das Glück zu realisieren: „Es ist mithin die Tugend ein Habitus des Wählens, der die nach uns bemessene Mitte hält und durch die Vernunft bestimmt wird.“ Wie kein anderer vor ihm betont Aristoteles, dass das Glück an die menschliche Gemeinschaft (Polis) gebunden ist. Glück ist auch immer das Glück des andren. Die Eudaimonia, die der Einzelne für sich erlangt, findet erst dann ihre Erfüllung, wenn sie auch der Gemeinschaft zuteil wird.

 

Glück ist Gottvertrauen

Soeben noch einer der mächtigsten Politiker Roms, nun aller Güter und Ehren beraubt und im Kerker auf seine Hinrichtung wartend, schrieb der römische Staatsmann und Philosoph Boethius (480-524) sein letztes Werk, das in der Folgezeit zu den meistgelesenen philosophischen Texten des Mittelalters werden sollte: De consolatione philosophiae („Über den Trost der Philosophie“). Während er mit dem Schicksal hadernd auf den Tod wartet, tritt die personifizierte Philosophie an sein Bett und erläutert ihm, was es mit dem ambivalenten weltlichen Glück auf sich habe: Ohne Ansehen der Person drehe die Glücksgöttin Fortuna das Rad des Schicksals, wobei das Tiefste und das Höchste immer wieder die Plätze tauschen; das sei ihr Spiel. Wer mitspielen und aufsteigen wolle, müsse die Bedingung akzeptieren, dass er später wieder hinabzusteigen hat. Mithin sei Boethius kein Unrecht geschehen. Auf nichts, was er von Fortuna fordere, könne der Mensch einen Anspruch geltend machen. Missmut über subjektives Unglück sei aber durchaus nachvollziehbar: „Bei jeder Ungunst des Schicksals ist dies die unseligste Art des Unglücks: glücklich gewesen zu sein“ Die Philosophie rät Boethius, den Blick abzuwenden von flüchtigem irdischen Glück, hin zu einem verlässlichen Gut, das dem Leben bleibenden Wert verleihe. Wenn unter allen endlichen Gütern dieser Welt dauerhaftes Glück nicht zu finden sei, könne es letztlich nur von einem ursprünglichen göttlichen Wirken erwartet werden.

Im Mittelalter wird dieser philosophische Grundriss verknüpft mit der christlichen Tradition zur allgemeinen Lehrmeinung, das höchste Glück sei die ewige Gottesanschauung. Bereits Kirchenlehrer Augustinus (354-430) schrieb in seinem Werk De beata vitae (Vom glücklichen Leben), das Endziel alles menschlichen Strebens liege zwar in der Glückseligkeit, die der Mensch jedoch nicht durch Erlangung irdischer Güter erreichen könne, sondern sie sei sein „ein Geschenk Gottes“ (donum dei): „Jeder, der Gott schon gefunden hat, hat einen gnädigen Gott und ist glücklich.“

Kirchenvater Pseudo-Dionysius Areopagita (frühes 6. Jh.) geht noch weiter. Nach ihm sehnt sich die menschliche Seele nach Gott. Dieses Sehnen könne nur durch eine mystische Vereinigung (unio mystica) mit Gott befriedigt werden und müsse im Zustand der Ekstase stattfinden, in der der Mensch dann auch sein Glück findet. Dionysius schreibt: „Denn durch das von allem Gehaltenwerden freie und rein von allem gelöste Heraustreten (Ekstase) aus Dir selbst wirst Du, alles von Dir abtuend und von allem gelöst, zum überwesentlichen Strahl des göttlichen Dunkels emporgehoben werden.“

Als letztes von vielen anderen ähnlichen Beispielen sei Thomas von Aquin (1225 –1274) genannt. Er war sicher: „Sowohl Gottes wie auch des Engels wie auch des Menschen letztes Glück und Glückseligkeit ist: Gott zu schauen.“ Das Diktum des Theologen und Philosophen, der zu den bedeutendsten Kirchenlehrern der römisch-katholischen Kirche zählt, wird in der Folgezeit zur allgemeinen Anschauung: „Gott zu erkennen ist das Ziel jedes intelligenten Wesens. Nun nennt man das Ziel des Menschen und jedes intelligenten Wesens Glück oder Glückseligkeit. Deshalb ist die äußerste Seligkeit oder das äußerste Glück jedes intelligenten Wesens: Gott zu erkennen.“

 Eine Seite aus einer mittelalterlichen Übersetzung (15. Jh.) der Consolatio philosophiae von Boethius. Die Buchmalerei zeigt links Boethius mit der personifizierten Philosophie, rechts das Rad der Glücksgöttin Fortuna. Foto: Wikipedia

Glück ist Illusion

In der Neuzeit wenden Philosophen ihren Blick wieder dem Diesseits zu. Was sie dort sehen, lässt wenig Hoffnung auf Realisierung des Glücks im Hier uns Jetzt. So urteilt etwa G.W.F. Hegel (1770-1831): „Die Geschichte ist nur als Schlachtbank zu betrachten, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht werden.“ Sein Zeitgenosse Arthur Schopenhauer (1788-1860) ist überzeugt: „Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, dass wir da sind, um glücklich zu sein.“ Die Welt ist ein Jammertal, meint er, das Leben des Menschen bestimmt von Schmerz und Langeweile, alles Glück nur Illusion. Ein wenig Glück zu realisieren bedeutet nur, „möglichst wenig unglücklich, oder kurz, erträglich leben“, indem man geringe Ansprüche an das Leben stellt und an der stetigen Fortentwicklung der eigenen Persönlichkeit, vor allem seiner geistigen Fähigkeiten arbeitet. Schmerz und Langeweile des Lebens, den größten Feinden des Glücks, könnten somit zumindest ansatzweise durch geistigen Reichtum Paroli geboten werden. Als Kritiker des Glücks ist vor allem Friedrich Nietzsche (1844-1900) zu nennen. Glückseligkeit sei ein „mieser Verräter“, schreibt er. „Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist Notlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden.“ Glückseligkeit sei eine Art „Idealzustand der Faulheit“, den sich nur mittelmäßige Menschen wünschen. Glück versprächen hingegen Lebenskraft und Kampfgeist gegen alles, was Freiheit und Selbstbestätigung einschränkt. Den Glückszenith sieht Nietzsche im amor fati, in der bedingungslosen Schicksalsliebe, einer Form von Fatalismus, durch den er den Weg zur höchstmöglichen Lebensbejahung öffnen will: „Lernen wir, die Dinge schön sehen und uns immer dabei wohlfühlen: so werden wir die Dinge schön machen.“

 Glückseligkeit ist eine Art „Idealzustand der Faulheit“, meinte Friedrich Nietzsche, hier die Radierung Kleiner Nietzsche-Kopf von Hans Olde (1899).

Glück ist Pflicht

Glück ist mehr als ein Wunsch, eine Freude oder eine Wahl, es ist eine Pflicht”, so das Diktum von Immanuel Kant (1724 – 1804). In vieler Hinsicht auf die antike Philosophie zurückgreifend, koppelt er das Streben nach Glück an das sittliche Handeln. Glück wird zur moralischen Aufgabe. Er schreibt: „Das Wesentliche alles sittlichen Wertes der Handlungen kommt darauf an, daß das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme.“ Dabei zielt seine Pflichtethik nicht vorrangig auf individuelles Seelenheil, sondern auf gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt. Glückseligkeit sei zudem kein kurzfristiges Glücksempfinden, sondern ein Projekt, das langfristig das ganze Leben lang wirkt: „Glückseligkeit ist der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht, und beruht also auf der Übereinstimmung der Natur zu seinem ganzen Zwecke, imgleichen zum wesentlichen Bestimmungsgrunde seines Willens.“

„Das größte Glück der größten Zahl“ macht für Jeremy Bentham (1748 – 1832), den Begründer des Utilitarismus, eine Handlung zur moralisch richtigen. Der Utilitarismus (Nutzethik) besagt, dass eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie die Summe des Wohlergehens aller Betroffenen maximiert. Der Utilitarismus propagiert mithin eine Vergrößerung des Gemeinwohls. Bentham erläutert den zentralen Begriff des Nutzens folgendermaßen: „Mit dem Prinzip des Nutzens ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht. Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft an einem Objekt gemeint, wodurch es dazu neigt, Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück zu schaffen.“ Bentham sah in Leid und Freude die entscheidenden Motive menschlichen Handelns. Es sei die Natur, die den Menschen in Leid und Freude den Weg weise. „Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter – Leid und Freude – gestellt. Sowohl der Maßstab für Richtig und Falsch als auch die Kette der Ursachen und Wirkungen sind an ihrem Thron festgemacht. Der Philosoph, Politiker und Ökonom John Stuart Mill (1806 – 1873) ergänzte Benthams Nutzenkalkül und hob neben den rein hedonistischen Formen von Lust bzw. Glück auch den qualitativen Wert kultureller, intellektueller und spiritueller Befriedigung hervor. Ein Mensch, der beides kennengelernt habe, ziehe die geistige Lust der körperlichen vor. Bekannt ist seine Sentenz: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch als ein zufriedengestelltes Schwein zu sein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“

 „Das größte Glück der größten Zahl“, forderte Jeremy Bentham, Begründer des Utilitarismus. Hier ein Portrait von Henry William Pickersgill. Foto: Wikipedia.

Glück ist Geld

Wächst das persönliche Glücksempfinden mit dem Vermögen, und wenn ja, gibt es eine Obergrenze? In einer groß angelegten Studie haben die beiden Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann und Angus Deaton von der Princeton University dazu eine Befragung durchgeführt. Das Ergebnis der 2010 vorgelegten Erhebung: Ja, persönliches Wohl- und Glücksempfinden wachsen mit dem Vermögen, aber nur bis zu einer gewissen Summe. Bei 75.000 US-Dollar sei der Punkt erreicht, an dem Wohl- und Glücksempfinden nicht weiter zunehmen. Die Forscher sahen den „abnehmenden Grenznutzen“ als Ursache: Ab jener Schwelle sei es Menschen wahrscheinlich nicht mehr möglich, das zu tun, was für das emotionale Wohlbefinden am meisten zähle, wie etwa Zeit mit der Familie oder Freunden zu verbringen. Neuere Untersuchungen, wie die 2021 erschienene Studie des Psychologen Mattheaw Killingworth von der University of Pennsylvania, korrigieren diese Schwelle nach oben. Die Auswertung von 1,7 Millionen Einzeldaten führten ihn zu dem Schluss: Nicht nur die allgemeine Lebenszufriedenheit, sondern auch das tägliche emotionale Wohlempfinden steigt mit wachsendem Haushaltseinkommen, und das weit über eine Summe von 80.000 US-Dollar hinaus. Killingsworths Erklärung: „Ich denke, ein großer Teil kommt daher, dass Menschen mit mehr Geld auch mehr Kontrolle über ihr Leben haben. Mehr Freiheit, so zu leben, wie sie möchten.“ Geld als Maßstab des Glücks? Schon vor 500 Jahren hatte der englische Staatsmann und Humanist Thomas Morus eine klare Haltung dazu: „Wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben.“

 

von Hans Peter Heinrich