Sieben Leben
Unser langjähriger Verkäufer Nico ist gestorben
Du warst 21 Jahre alt, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Du hattest ein echt hübsches Gesicht, aber die Kapuze immer tief ins Gesicht gezogen. Du standest in der Tür des Buscafes, ein ausrangierter Rheinbahnbus, als provisorischer Anlaufpunkt für obdachlose und arme Menschen in der Düsseldorfer Altstadt, direkt am Rhein. Eine heiße Brühe wolltest du haben, in diesem kalten Herbst 2002. Ich war neu hier, in deiner Welt. Die Welt der Armen, der Obdachlosen, der Drogenabhängigen. Die Welt des Gefängnisses, des Schmerzes, der Wut. Damals wusste ich nicht, dass ich dich in diesem Freilufthospiz, dass sich Leben auf der Straße nennt, 23 Jahre lang begleiten werde. Ich war 29 Jahre alt und bin dann Streetworker beim Straßenmagazin fiftyfifty geworden. Oft habe ich dich besucht, beim Verkauf unserer Zeitung unter der Brücke am „Tausendfüßler“, als es den noch gab. Einmal hab ich dir Geld für einen Schuss Heroin gegeben. „Gesund machen“ hast du das genannt. Danach bist du mit mir ins Krankenhaus gehumpelt, du hattest seit Monaten ein offenes Bein. Die Hose war ständig durchnässt vom Eiter aus der Wunde. Im Krankenhaus haben wir mit dem Arzt in der Notaufnahme gestritten, er meinte, das sei hier kein Hotel für Junkies. Ich habe dem Arzt mit der Presse gedroht und bin wutentbrannt rausgestürmt. Du bist hinter mir hergehumpelt. Immerhin hattest du einen neuen Verband am Bein. Wir haben uns dann verabschiedet, du hast dir einen Schlafplatz gesucht und ich bin nach Hause in meine Wohnung gefahren. Am nächsten Tag bist du wieder hin zum Verbandswechsel, auf der Toilette ist dir ein Abszess in der Leiste geplatzt. Wäre es nicht im Krankenhaus passiert, dann wärst du höchstwahrscheinlich verblutet. Da hat es angefangen, dass du nach und nach dein Leben aufgebraucht hast. Ich hab dich auf der Intensivstation besucht. In den vielen Jahren insgesamt fünf Mal. Zweimal habe ich im Koma deine Hand gehalten und leise mit dir geredet. Als ich das Zimmer verlassen habe, war es ein Abschied, ich habe nicht gedacht, dass wir uns noch mal wiedersehen. Du hast stets überlebt. Dein Leben ging weiter zwischen Knast und Straße, immer auf Drogen. Ich habe mich in dieser Zeit verliebt, wir haben zwei Kinder bekommen, wir sind viel gereist. Ein gutes Leben würde ich sagen.
Am Hauptbahnhof haben wir uns wiedergetroffen. Du warst clean, viele Monate schon, du hast dann eine Wohnung bekommen. Du sahst richtig gut aus. Ich habe geglaubt, dass du es schaffst, weg von den Drogen. Aber schleichend hat sie dich wieder eingeholt, die Sucht. Traurig warst du oft, irgendwie melancholisch. Aber du hast nie darüber gesprochen, was passiert ist, damals, als du, noch ein Jugendlicher, von zu Hause abgehauen bist. Ich sehe uns auf der Beerdigung deiner Freundin Angie. Auf dem Friedhof, die Sonne hat geschienen, du im Rollstuhl. Die Urne wird im Loch versenkt. Der Tod - nicht fassbar, unwirklich und voller Schmerz. Angie, dein Ein-und-Alles in den letzten Jahren. Du hast ihr ganz bezaubernde Liebesbriefe aus dem Knast geschickt, die ich ihr immer ausgehändigt habe.
Ich besuche dich in deiner Wohnung. Du bist schlecht zurecht. Wieder hast du einen Abszess in der Leiste. Er platzt, während ich dabei bin, das Blut schießt wie eine Fontäne aus der Leiste. Ich reiche dir die sterilen Verbände vom Pflegedienst, die du auf die Wunde drückst, während ich den Notarzt anrufe. Am Ende mussten sie dir beide Beine amputieren. Sie waren so entzündet, dass nichts anderes möglich war. Ich habe mich auf der Intensivstation wieder von dir verabschiedet, ich hab nicht gedacht, dass du es schaffst. Du hast überlebt, sitzt vor mir im Rollstuhl mit zwei Beinstumpen.
In Interviews mit Studierenden aber auch mit Journalist*innen werde ich häufiger gefragt, wie man mit emotionalen Belastungen in meinem Beruf umgeht. Sie meinen, wie man das aushält, dass man andere buchstäblich verrecken sieht, wie soll ich es sonst nennen, und kein Arzt, kein Sozialarbeiter das aufhalten kann. Ich antworte, den ganzen Tag würden wir bei fiftyfifty zwischen maximaler Empathie und maximaler Professionalität hin- und herpendeln. Erkläre, dass wenn der Schmerz ein Feuer ist, man nur so nahe drangehen darf, dass man selber kein Feuer fängt. Aber das ist nur Theorie, in Echt tut es immer weh. Du hast einfach immer angerufen, wenn du im Arsch warst, wenn nichts mehr ging. Ich bin immer dran gegangen.
Anfang März bist du dann einfach nicht mehr aufgewacht in deiner neuen Wohnung von Housing First, morgens haben sie dich gefunden. Deine sieben Leben waren aufgebraucht.
Anfang März ist Nico Renner im Alter von 44 Jahren gestorben.
Oliver Ongaro, Streetworker beim Straßenmagazin fiftyfifty