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Intro: Hubert Ostendorf über Vorurteile

Liebe Leserin, lieber Leser,

unser Straßenmagazin fiftyfifty ist in einer kritischen Lage. Die Auflage geht zurück – und ja, die fortschreitende Digitalisierung trägt ihren Teil dazu bei. Immer mehr Menschen konsumieren Inhalte online, oft flüchtig, oft kostenlos. Doch das allein erklärt nicht, warum es für ein Magazin wie unseres schwieriger wird.

Wir erleben zugleich eine gesellschaftliche Entwicklung, die uns mit Sorge erfüllt. Der spürbare Rechtsruck bringt ein Klima hervor, in dem Vorurteile wieder salonfähig werden. Unsere Verkäufer*innen, viele von ihnen aus Rumänien, zahlreiche Roma, sind davon unmittelbar betroffen. Sie werden nicht als Menschen gesehen, die arbeiten, die versuchen, sich ein würdiges Leben aufzubauen. Stattdessen begegnet ihnen Misstrauen und offen geäußerte Ablehnung. Die immer gleichen Schlagworte kursieren: „mafiöse Strukturen“, „Banden“. Pauschale Zuschreibungen, die entmenschlichen und die Realität verzerren. Sie treffen sowieso schon Benachteiligte, die individuell handeln, individuell kämpfen, individuell hoffen. Wir bei fiftyfifty achten streng darauf, dass alle bei uns vor Ausbeutung geschützt werden und niemand gehört einer „Bande“ an. Das Bild, das in sozialen Medien von Menschen gezeichnet wird, die etwa eine dunkle Hautfarbe und schwarze Haare haben, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Der Hass und die Hetze im Netz gegen all jene, die nicht als „deutsch“ gelesen werden, werden immer hemmungsloser, die Tonlage wird rauer, die Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Was dort geschrieben wird, bleibt nicht folgenlos – es wirkt in den Alltag hinein, auf die Straße, auf die Begegnungen zwischen Menschen.

Demgegenüber gibt es (zum Glück!!!) kaum öffentliche Empörung über „deutsche“ Verkäufer*innen, die – etwa aufgrund einer Abhängigkeit von illegalisierten Drogen – in Einzelfällen zu Diebstählen greifen. Hier wird differenziert, relativiert, individualisiert. Richtig so. Bei unseren Verkäufer*innen mit Migrationsgeschichte hingegen reicht oft schon die Herkunft, um sie unter Generalverdacht zu stellen. Das ist nicht nur unfair – es ist Ausdruck eines tief sitzenden Rassismus’.

All das trifft fiftyfifty ins Mark. Denn ohne unsere Verkäufer*innen gibt es dieses Magazin nicht. Und ohne das Magazin gibt es vieles nicht, was daraus erwächst. Projekte wie „Underdog“, das sich um die Hunde obdachloser Menschen kümmert, oder „Housing First“, das konkrete Wege aus der Obdachlosigkeit eröffnet, sind direkt darauf angewiesen, dass fiftyfifty gekauft und unterstützt wird. Deshalb gilt unser ausdrücklicher Dank all jenen, die uns die Treue halten, Ihnen - den Leser*innen, die fiftyfifty kaufen, den Menschen, die spenden. Sie tragen dazu bei, dass unsere Arbeit weitergehen kann. Ohne sie wäre all das nicht möglich. Deshalb meine Bitte: Verschenken Sie fiftyfifty. Mindestens einmal im Monat. Geben Sie diese Zeitung an eine Person weiter – mit der Einladung, die fiftyfifty beim nächsten Mal selbst zu kaufen. Denn fiftyfifty ist mehr als ein Magazin. Es ist eine journalistisch wertvolle Stimme aus dem sozialen Abseits, mit Inhalten, die es anderswo so nicht gibt. Wenn diese Stimme verstummt, verlieren wir mehr als nur ein Heft. Dann verlieren wir Perspektiven, Geschichten und konkrete Hilfe. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass es nicht so weit kommt.

Herzlichst, Ihr

Hubert Ostendorf

...ist Gründer und Geschäftsführer von fiftyfifty.