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Die Wohnungsnot ist nicht mehr nur eine soziale Frage, sondern wird zunehmend zu einer der zentralen sozialen Krisen. (Foto: Wikipedia)

„Ein soziales Desaster“ – Wohnungsnot in Deutschland auf neuem Rekordhoch

 Von Hans Peter Heinrich

Aktuell fehlen in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen. Das geht aus dem „Sozialen Wohn-Monitor 2026“ des Pestel-Instituts hervor.  Die beiden größten und bevölkerungsreichsten Bundesländer liegen an der Spitze: In Nordrhein-Westfalen fehlten Ende 2024 demnach 376.000 Wohnungen, in Bayern 233.000. Besonders betroffen sind  Jüngere, Alte sowie Menschen mit Behinderung. Die Wohnungsnot wird zunehmend auch zur Wirtschaftsbremse. Besserung ist der Studie zufolge in den nächsten Jahren nicht in Sicht. Die Entwicklung zeugt von einem strukturellen Versagen von Markt und Politik.

Deutschland ist das Mieter:innenland Nummer eins in Europa, und die Mietquote wächst weiter, besonders bei Familien, großen Haushalten und solchen mit geringem Einkommen. Von Azubis und Studierenden bis zu Rentner:innen: Steigende Wohnkosten, zunehmende Überbelegung und marode Bausubstanz treffen längst nicht mehr nur die ärmsten Haushalte, sondern greifen tief in die Mittelschicht hinein und erschweren nicht zuletzt auch den Weg aus der Wirtschaftskrise. „Die Wohnungsnot ist nicht mehr nur die soziale Frage, sondern wird zunehmend zu einer der zentralen sozialen Krisen der Gegenwart“, so das Fazit des Mieterbundes in seinem „Mietenreport“.Um das Defizit auf dem Wohnungsmarkt abzubauen, müssten jährlich rund 410.000 Wohnungen neu gebaut werden. Aktuell entwickeln sich die Fertigstellungszahlen in die entgegengesetzte Richtung. 2024 wurden nur rund 250.000 Wohnungen gebaut. Für die nahe Zukunft liegen die Erwartungen laut Pestel Institut bei maximal 230.000 Wohnungen,  halb so viele wie der angenommene jährliche Bedarf. Das bestärkt ein weiteres Problem: Immer mehr Menschen in Deutschland leben in einer überbelegten Wohnung, haben also kein eigenes Zimmer. 2015 lebten 5,7 Millionen Menschen in solchen Verhältnissen. 2024 waren es bereits 9,6 Millionen, was einem Anteil von 11,5 Prozent entspricht. Auch mittelfristig braucht Deutschland einen Wohnungsbau von deutlich über 300.000 Wohnungen, da rund vier Millionen Wohnungen als technisch bzw. wirtschaftlich nicht sanierungsfähig gelten und mindestens drei Viertel dieser Wohnungen bis 2045 ersetzt werden müssen.

Dramatisch verschärft hat sich die Lage in den letzten Jahren besonders für die junge Generation und ältere Menschen. Junge Menschen, die erstmals allein oder mit anderen einen eigenen Haushalt gründen wollen, sehen sich gerade in den attraktiven städtischen Regionen mit extrem hohen Angebotsmieten konfrontiert. Nach Angaben des Pestel Instituts leben rund 75 Prozent der Menschen, die in Ausbildung sind, noch bei ihren Eltern, weil sie keinen bezahlbaren Wohnraum finden. Ausbildungsverträge kommen immer häufiger nicht zustande, weil Jugendliche keine bezahlbare Bleibe finden. Studierende, die in eine eigene Wohnung gezogen sind, müssen im Schnitt 53 Prozent ihres Monatsbudgets allein für das Wohnen ausgeben - in einer sozialen Marktwirtschaft ein gesellschaftlich inakzeptabler Zustand. Immer mehr Studierende müssen sogar darauf verzichten, ein Studium an ihrem Wunschort aufzunehmen. Eine Entwicklung, die langfristig den Fachkräftemangel befeuern könne, so Matthias Günther, Geschäftsführer des Pestel Instituts. Jüngere Menschen zwischen 18 und 25 Jahren wie Auszubildende, Studierende und Berufsstarter werden laut der Studie auf dem Wohnungsmarkt inzwischen zu den „benachteiligten Gruppen“ gezählt.

Bei den Älteren trifft es laut der Studie immer mehr Babyboomer, die in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden und sich nach dem Ende des Arbeitslebens von ihrer kleinen Rente die bisherige Wohnung nicht mehr leisten können, weil der „kleinere“ Wohnraum häufig teurer ist als die bisherige Wohnung . Dies mache mitunter erzwungene Umzüge notwendig und sei nichts anderes als die „Stadtvertreibung Älterer“ durch Wohnungsnot. Dieses Phänomen sei weit über Hamburg und München hinaus verbreitet und werde immer häufiger zum Problem von Seniorenhaushalten. Für ältere Menschen brauchen wir dringend nachfraggerechte Angebote in den Quartieren. Ihnen vorzuwerfen, zuviel Wohnraum zu belegen, ist wenig hilfreich, wenn keine passenden Angebote verfügbar sind.

Schon vor Jahren ins Stocken geraten ist die Umsetzung des inklusiven Wohnens für Menschen mit Behinderung. Die Pestel-Studie zögert nicht, hier von einer „Ausgrenzung vom Wohnungsmarkt“ zu sprechen.  „Insbesondere die gegenwärtige Praxis einer Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen mit den übrigen Sozialhilfeempfängern steht einer Weiterentwicklung des inklusiven Wohnens entgegen. Die nach wie vor nicht diskriminierungsfreie Vermietung führt bei knappen Wohnungsmärkten zur Ausgrenzung genau der Gruppen, die in den Wohnungsfördergesetzen der Länder als 'benachteiligt' definiert werden. Dazu gehören auch Menschen mit Behinderungen.“ Um gegenzusteuern sei u.a. dringend eine temporäre Bevorzugung von Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen bei der Vergabe von freiwerdenden Sozialwohnungen erforderlich. Doch ausgerechnet im Bereich der Sozialwohnungen ist die Krise am ausgepägtesten. Die Anzahl der Sozialmietwohnungen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich geschrumpft. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem: Im Jahr 2024 gab es bundesweit nur noch rund 1,05 Millionen Sozialwohnungen. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Bestand um rund 26.000 Wohnungen gesunken. Und das, obwohl die Finanzmittel für den Bau von Sozialwohnungen verdreifacht wurden: Zwischen 2020 und 2025 stiegen die bereitgestellten Summen von 973,9 Millionen Euro auf 3,5 Milliarden. Die Summe der Sozialwohnungen hingegen ist nur um 32 Prozent gestiegen. Dies sei nicht nur mit gestiegenen Baukosten zu erklären, so Pestel-Geschäftsführer Günther. Ziel müsse es sein, deren Zahl bundesweit mindestens zu verdoppeln. Ein zentrales Problem für die Bundesländer sieht der Verband in der verzögerten Auszahlung der Bundesmittel. Obwohl die Förderung für ein Jahr zugesagt wird, fließt das Geld gestaffelt über fünf Jahre. Diese Verzögerung stellt die Länder vor erhebliche Finanzierungsprobleme. Die Länder müssen also das Geld des Bundes vorfinanzieren – eine Belastung für die Landeshaushalte. Das Bündnis Soziales Wohnen fordert deshalb dringend einen Bund-Länder-Pakt für den Wohnungsbau, insbesondere den Bau von mehr Sozialwohnungen.

Der Analyse zufolge, wird der Wohnungsmangel zunehmend auch zur Wirtschaftsbremse. Ohne einen Aufschwung des Wohnungsbaus könnten keine Zuwanderer für die Arbeitsmärkte gewonnen werden „und unser Land wird die Wachstumsschwäche nicht überwinden können“, heißt es in dem Papier. Ohne die Lösung der „sozialen Frage dieser Zeit“ drohen die dringend benötigten Zuwanderer für die Arbeitsmärkte auszubleiben. „Wenn wir dieses Problem nicht lösen, wird es für Deutschland schwarz aussehen“, so Jana Bessenich, Geschäftsführerin der Caritas Behindertenhilfe, über den fehlenden Wohnraum für Arbeitskräfte. Sie befürchtet ein „soziales Desaster“.

(Quelle: www.mieterbund.de)