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fiftyfifty-Verkäufer Anghel aus Rumänien wurde verdächtigt, illegal erworbenes Geld bei sich zu haben. Die Polizei nahm ihm alles weg: 1.040 Euro - ein Skandal. Der Mann bezieht keine Sozialleistungen, lebt nur von Flaschensammeln und Zeitungsverkauf

Polizist konfiszierte Pfandgeld

Wie ein obdachloser Mann völlig zu Unrecht einer Straftat verdächtigt wird und dabei alles verliert. Colja Schliewa in der Boulevard-Zeitung Express

Düsseldorf. Das Geld liegt auf der Straße - vor allem an Karneval. Das weiß auch fiftyfifty-Verkäufer Anghel Barcsa. Er hatte sich über die tollen Tage mit dem Sammeln von Dosen und Bechern ein kleines Vermögen erwirtschaftet: Sage und schreibe 1.040 Euro hatte der Obdachlose nach harter Arbeit schließlich in der Tasche. Nun ist alles weg. Bei einer Kontrolle nahm ihm die Polizei das Geld einfach ab. Ob er es wiedersieht, steht in den Sternen.

Was die anderen beim Straßenkarneval achtlos wegwarfen, räumte Anghel Barcsa mühsam wieder auf. Es lohnte sich: Für jede weggeworfene Bierdose oder Plastikflasche gab’s 25 Cent Pfand. Noch besser: Für jeden Plastikbecher, der an den Bierbuden aufgrund des Glasverbots ausgegeben wurde, gab's sogar einen Euro. „Da kam ganz schön was zusammen“, sagt Anghel. „Ich habe die Becher an den Bierwagen und in den Lokalen zurückgegeben und die Dosen gleich säckeweise in die umliegenden Supermärkte geschleppt, um sie in die Pfandautomaten zu werfen."

Bis Karnevalssonntag hatte der 27-Jährige bereits 1.040 Euro gesammelt. Als er beim Kö-Karneval weitere Säcke voller Dosen- und Plastikpfand mit sich schleppte, wurde eine Polizeistreife auf ihn aufmerksam. „Bei der darauffolgenden Kontrolle waren die drei Polizisten überrascht, dass ich so viel Geld dabei hatte", sagt Anghel Barcsa - so überrascht, dass sie das Geld erst einmal an sich nahmen, um zu überprüfen, ob die doch ziemlich hohe Summe auch wirklich legal erwirtschaftet wurde. Anghel Barcsa: „Das ganze Geld, das ich meiner Familie nach Rumänien schicken wollte, war jetzt einfach weg." Einen Beleg hat er nach eigener Aussage über die beschlagnahmten 1.040 Euro nicht erhalten.

Als der fiftyfifty-Verkäufer nun Sozialarbeiter Oliver Ongaro sein Leid klagte, fragte der bei der Polizei nach. „Zunächst wird der Sachverhalt aus Perspektive der Finanzermittlungen bewertet, wobei be- und entlastende Tatsachen ermittelt werden", bekam der fiftyfifty-Pressesprecher zur Antwort. „Das Bargeld kann Herr Barcsa vorerst nicht abholen, da hier keine Belege für die legale Herkunft des Geldbetrages vorliegen. Die Bearbeitung wird sich aufgrund anstehender Einsatzlagen um einige Wochen verzögern."

Dass Anghel Barcsa keine Quittung über die beschlagnahmten 1.040 Euro ausgestellt bekam, bestreitet die Polizei. „Ein gesondertes Sicherstellungsprotokoll wird auch noch an fiftyfifty geschickt", so ein Polizeisprecher. Für Oliver Ongaro ist das Ganze so oder so ein absolutes Unding. „Wieso muss Anghel erst einmal beweisen, dass sein Geld sauber ist?Einem anderen Menschen nimmt man auch nicht sein Geld weg, wenn er über 1.000 Euro im Portemonnaie hat."

Dass Angeht mit Pfand tatsächlich viel Geld gemacht hat, kann er mit Quittungen belegen. (Abbildung: ff)

Wenn armen Menschen das Geld weggenommen wird

fiftyfifty-Verkäufer Rüdiger W. bekommt seit Jahren sein erstes Bürgergeld, er kauft sich ein preiswertes, aber doch neues Handy. Er ist obdachlos und schläft mit seinem Hund im Hofgarten. Zwei Tage später erwischen Mitarbeiter des Ordnungsamtes Rüdigers Hund ohne Leine im Park. Rüdiger soll 70 Euro zahlen, als Sicherungsleistung beschlagnahmt das Ordnungsamt Rüdigers neues Handy. fiftyfifty schaltet die Presse ein und Rüdiger bekommt sein Handy wieder, das Bußgeld kann er in Raten abbezahlen.

Lukas S. fährt mit dem Rad in der Fußgängerzone. Als er angehalten wird, kontrollieren die Mitarbeiter des Ordnungsamtes auch seine Geldbörse. Die finden sein gerade ausgezahltes Geld vom Jobcenter und behalten es ein. Sie glauben nicht, dass es sein Geld ist. Nur viel Druck durch die Sozialarbeit*innen von fiftyfifty bekommt Lukas sein Geld wieder. Das sind nur zwei Beispiele.

Anghel Barcsa hat eine Vorladung zur Polizei wegen des Tatverdachts der Geldwäsche bekommen. Auch ich habe eine Zeugenvorladung bekommen. Ich soll der Kriminalpolizei detailliert schildern, ob und wie Anghel durch den Verkauf Straßenmagazin fiftyfifty innerhalb von fünf Wochen soviel Geld erwirtschaften konnte, solange hat Anghel nämlich seinen Verkaufsausweis. Bemüht sich die Polizei eigentlich im Kopfrechnen? Vier Dosen sind ein Euro, der Karneval ist bereits den vierten Tag im Gange, schaut man sich vor Ort die Säcke des Kontrollierten nochmal an? Wie viele Dosen hat er dabei? Was ist mit dem Becherpfand von 1 Euro, den die Jecken ihm gerne spenden? Wahrscheinlich eher nicht. Statt dessen eine stereotype Vorverurteilung, arm, sicherlich obdachlos, Südeuropäer, über 1.000 Euro dabei, kann nicht sein. Anghel hat mir zwei Pfandbons von Kaufland gezeigt, die er am Rosenmontag eingelöst hat, etwas über 270 Euro sind da zusammen gekommen. Warum Anghel nachweisen muss, woher das Geld kommt und nicht umgekehrt die Polizei die unterstellte Straftat beweisen muss, erschließt sich mir nicht. Für mich vertritt die Polizei den demokratischen Rechtsstaat – immer. Und in dem gilt die Unschuldsvermutung.

Oliver Ongaro, fiftyfifty-Streetworker