Der Elfenprinz
Von Yasmin Shakarami
Wie grausam es wäre, gerade jetzt zu sterben, wo ich so viel zu verlieren habe.
Die Flugbegleiterinnen wanken gequält lächelnd durch die Reihen und kontrollieren zum wiederholten Male, ob alle Passagiere angeschnallt sind. Es ruckelt gefährlich. Schon etwa dreißig Minuten lang befinden wir uns im Landeanflug auf Vancouver, dabei kämpft sich das Flugzeug durch eine metallisch glänzende Wolkenfront, deren Wanst mit erkaltetem Blei gefüllt zu sein scheint. In der Kabine herrscht angespanntes Schweigen, lediglich die Stimme des Flugkapitäns tropft wie ein dumpfer, außerirdischer Sprechgesang aus den Lautsprechern. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, ob es sich bei seinem verschachtelten Gemurmel um Parfümangebote handelt, Anschlussflüge, oder um die Ankündigung, dass wir gleich im großen Stil abstürzen werden.
Seit zehn Stunden sitze ich mit trockenem Mund und schwitzenden Pobacken in der surrenden Metallröhre und bete, dass wir unversehrt in Kanada ankommen. Dabei ist es gar nicht das Fliegen selbst, das mir Unbehagen bereitet, sondern der Gedanke, dass von einer Sekunde auf die andere alles vorbei sein könnte. Dass mir mein ganzes Leben entrissen wird und ich einfach verschwinde. Dieses unwiderrufliche Nichts hinter dem Tod, die einzige Dunkelheit, die unsere Vorstellungskraft nicht durchdringen kann, davor fürchte ich mich nämlich am allermeisten.
Wieder wird der Langstreckenflieger heftig durchgeschüttelt, als würde er sich in einem Geleebehälter befinden und nicht in tödlichen Höhen. Ich kralle mich in meiner Armlehne fest und linse aus dem Fenster: Kein Boden in Sicht, nur gespenstische Wirbel und ein fahlgelber Schein wie aus einer anderen Welt.
Deshalb rette ich Nacktschnecken.
Ich meine, ich rette Nacktschnecken, weil ich finde, dass sie ein Sinnbild unserer tragischen Schicksalsergebenheit sind. Nichts ahnend begeben sie sich auf ihre Reise über das weite asphaltierte Band - möglicherweise auf dem Weg zu ihren Schneckenkindern, ihren Schneckengeliebten, ihren Schneckenhaustieren - und plötzlich erscheint dieses Blitzschnelle, dieses unbegreiflich Gigantische, das einfach über sie hinwegtrampelt. Und ehe die Nacktschnecke weiß, wie ihr geschieht, ist sie nur mehr Matsch und ihre Träume eine klebrige Schleimspur an der Sohle eines abgetretenen Gummistiefels. Ich will keine Nacktschnecke sein, in keinem Szenario, besonders nicht am Tag, an dem mein neues Leben beginnt. Mein Leben mit Jamie Cavanaugh.
Irgendwie - oder besser: allen Umständen zum Trotz - habe ich immer fest daran geglaubt, eine Liebe zu finden, die außergewöhnlich ist. Eine Liebe, die sich vom ersten Augenblick an richtig anfühlt, voller Tiefe und Weite, Bedeutsamkeit und glühender Verheißung. Eine Liebe, die einschlägt wie ein Komet, die keinen Zweifel zulässt und jedes bisher empfundene Gefühl in den Schatten stellt. Eine Liebe, wie sie in den Büchern geschrieben steht, die Grenzen überschreitet und Entfernungen auslöscht. Erfüllend, entflammend und vollkommen einnehmend. Eine Liebe, die sich nach der großen, magischen Ausnahme anfühlt.
Und genau diese Liebe habe ich gefunden - auch wenn mir das keiner so recht glauben möchte. Wäre ich anstelle meiner Familie und Freunde, wäre ich wohl nicht minder skeptisch, schließlich habe ich selbst mitansehen müssen, wie zerstörerisch eine Beziehung sein kann. Ich habe mitbekommen, wie sich Risse bilden, schleichend erst, wie sich unter dem schwarz blutenden Netz ein immer stärkerer Druck bildet und schließlich alles, was einst Verbundenheit gewesen ist, in tausend Einzelteile zerbirst. Aber ich werde nicht versagen. Ich werde nicht dieselben Fehler machen, die mir jahrelang vorgelebt wurden. Nein, unsere Geschichte ist anders. Wir werden allen beweisen, dass es sie wirklich gibt, die Liebe mit Happy End. Denn Jamie ist mein Seelenverwandter, mein Schicksal - dessen bin ich mir so sicher, dass ich Ja gesagt habe.
Yasmin Shakaram
am 16.4. im zakk Düsseldorf
Yasmin Shakarami liest
2 x 2 Freikarten zu gewinnen: E-Mail an m.risch@fiftyfifty-galerie.de
… Yasmin Shakarami (*1991 in München), deutsche Schriftstellerin im Bereich der Young-Adult-Literatur mit ungarisch-iranischen Wurzeln. Nach einem Aufenthalt in Tokio studierte sie Philosophie und gründete nach dem Master eine Schule für deutsche Sprache, Literatur und Philosophie in Vancouver, Kanada. Heute lebt sie wieder in München und erhielt 2021 ein Literaturstipendium der Stadt. Ihr Debüt Tokioregen (2023) stand auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde in mehrere Sprachen übersetzt; Sturmflirren erschien 2024. Mitte März erscheint ihr neuer Roman Schattenlicht, aus dem wir mit Zustimmung der Autorin den Anfang vorab veröffentlichen.