Intro: Oliver Ongaro über das Weitermachen
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
neulich traf ich den Dominikaner-Pater Wolfgang Sieffert vor der Düsseldorfer Altstadt-Armenküche. Seit Jahrzehnten verbindet uns das Engagement gegen Armut und den aufkommenden Rechtsextremismus. Wir sprachen über die Welt zwischen Putin, Trump, Erdogan, Orban und wie sie alle heißen, wie Bundeskanzler Merz den Sozialstaat zerpflückt und über die Hoffnungslosigkeit, wenn wir morgens die Tageszeitung aufschlagen. Er schaute mich an und sagte diesen simplen Satz: „Wir machen einfach weiter, jeden Tag. Das ist das Wichtigste, was wir tun können.“ Während die nächsten Gäste der Altstadt-Armenküche mit einer warmen Mahlzeit in der Hand an mir vorbeigehen, muss ich ein bisschen innehalten.
Mein Sozialarbeiterkollege Niels ist im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts während einer Verhandlung protestierend aufgestanden, er hatte ein T-Shirt mit der Aufschrift „Free Maya – Free all Antifas“ an und den Satz hat er auch gerufen. Das war an dem Tag als als die non-binäre Person Maya in einem skandalösen Gerichtsverfahren in Ungarn wegen angeblicher schwerer Körperveletzung bei einer Gegen-Demo gegen Rechtsextremisten zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist. Jetzt muss er 600 Euro zahlen, wegen Störung des Gerichts.
Meine Freundin Birgit hat für Steffi und Pino einen kleinen Hund organisiert. Es war der größte Wunsch des ehemals obdachlosen Pärchens, das jetzt über fiftyfifty eine eigene Wohnung hat. Birgit hat einen Hund aus einem Shelter in Rumänien ausgesucht, ist mit Steffi und Pino zur Übergabe gefahren, hat den Papierkram erledigt und die 400 Euro Gebühr für den Transport bezahlt.
Zwei so unterschiedliche Beispiele und doch haben die beiden etwas gemeinsam: In beiden Fällen wurde gehandelt, sich eingemischt. Da, wo es möglich war. Unrecht angeprangert und etwas Gutes getan. Vielleicht banal und doch das Wichtigste in diesen Zeiten.
Wenn Sie dieses Vorwort lesen, haben Sie das Straßenmagazin fiftyfifty gekauft. Einem armen Menschen etwas Geld und seine Würde zurück gegeben. Das bestärkt uns darin, weiterzumachen, heute und noch viele weitere Jahre.
Herzliche Grüße, Ihr
Oliver Ongaro
...ist Streetworker und Leiter des Bereichs Soziale Arbeit bei fiftyfifty.