Marie Le Jars de Gournay: Ein Plädoyer für die Gleichheit der Geschlechter aus dem Jahr 1622
„Mademoiselle de Gournay ist leider häßlich. Und sie ist arm. Eine etwas ranzige alte Jungfer, die in einem Dachboden zwischen ihren Katzen und ihren Hexenbüchern vegetiert.“ Das gelehrte und wissenschaftliche Fräulein verstehe etwas von Philosophie, bade aber lediglich einmal im Jahr. So der bekannte Historiker Alain Decaux 1980 über eine der ersten feministischen Philosophinnen - viel mehr erfahren wir von ihm nicht.
Marie Le Jars, genannt de Gournay, wird 1565 in Paris geboren, in einer Zeit großer Umbrüche, geprägt von einer Revolution der Wissenschaften, vom Rationalismus und von der Debatte über die natur- oder kulturbedingte Stellung der Frau. Nach dem Tod des Vaters, Schatzmeister des Königs, wächst die 13jährige, Älteste von sechs Kindern, in Gournay-sur-Aronde in der nördlichen Picardie auf. Die Mutter sorgt für eine ‚geeignete‘ Mädchenerziehung mit Katechismusunterricht und Näharbeiten. Marie Gournay lernt heimlich Latein, interessiert sich für das Studium der den Männern vorbehaltenen Wissenschaften, für Physik und Geometrie, Geschichte und Ethik, und befasst sich auch mit Alchimie - was ihr den Vorwurf bringt, eine Hexe zu sein.
Mit 18 Jahren entdeckt sie den Philosophen Montaigne und trifft ihn 1588 in Paris - er besucht sie auch in Gournay. Zwischen dem älteren Philosophen und der jungen Autodidaktin beginnt eine intensive geistige Zusammenarbeit. Montaigne, der sie seine „Wahltochter“ nennt, bestimmt sie auch zur Verwalterin seines literarischen Nachlasses. 1591 geht Gournay nach Paris. König Heinrich der Vierte nimmt sie als Mitglied in die Académie du Palais auf, die Vorläuferin der Französischen Akademie, und unterstützt sie mit einer kleinen Pension. Drei Jahre nach Montaignes Tod 1592 gibt Marie de Gournay die erste korrigierte Ausgabe seiner Essays mit einem umfangreichen Vorwort heraus. Sie führt einen der ersten gelehrten Salons, mischt sich in die Debatten um Poesie und Sprache ein und korrespondiert mit gelehrten Männern. Für ihr Engagement gegen die Sprachschinder erntet sie Hohn und Spott: das „schrullige alte Mädchen“ solle den Mund halten. Doch die 57jährige schweigt nicht. Sie widerspricht und veröffentlicht zwei Abhandlungen zur Frauendebatte: Gleichheit von Männern und Frauen (1622), und Beschwerde der Damen (1626), ein polemisches Traktat. In beiden Schriften wendet sie sich gegen die angebliche Minderwertigkeit der Frau und gegen männliche Vorurteile. Sie verweist auf die Ebenbildlichkeit beider Geschlechter mit Gott. „Wenn man es genau nimmt, ist das menschliche Wesen weder Mann noch Frau.“ Es heißt auch: „Nichts ähnelt dem Kater auf einer Fensterbank mehr - als die Katze.“ In Beschwerde der Damen lässt Marie de Gournay ihrer Wut und „ihren Klagen gegen die Männer” freien Lauf. Als Mann dürfe man alles, während man als Frau kaum gehört würde. Zudem entschiede die soziale Herkunft über die Bildungschancen.
Gournays Gesamtwerk (Der Schatten des Damoiselle) erschien auch 1626, mit Abhandlungen über Erziehung, Poesie, Linguistik, Moral und Philosophie und mit Übersetzungen aus dem Lateinischen. Die Frühaufklärerin Marie de Gournay, die 1645 starb, leitete eine Zeit der starken Frauen ein, die ihre Teilhabe an der Gesellschaft einforderten. Florence Hervé
Literatur: Zur Gleichheit von Frauen und Männern / Marie le Jars de Gournay. Hrsg. und übers. von Florence Hervé/Ingeborg Nödinger. Überarb. von Ulrike Streubel, zweisprachig, Aachen 1997