Wohnen im Albtraum
In der Presse wird die Wohnanlage an der Groner Landstraße in Göttingen als „schlimmstes Wohnhaus“ Deutschlands betitelt. Videos von Müllbergen und dem sogenannten „Ratten-Angeln“ machen die Runde auf YouTube. Aber es leben immer noch Menschen dort, aktuell ohne Heizung. Asphalt war vor Ort und hat nachgefragt.
Von Ute Kahle
Die Wohnanlage in Göttingen wurde im Jahr 1979 errichtet und zählt zu den größten Wohnkomplexen im Stadtbereich. Dass es an der in die Jahre gekommenen Anlage viele Mängel gibt, wird schon beim ersten Blick auf das Gebäude sichtbar. Wohnungen standen im Brand, Fenster sind eingeschlagen, nicht vorhanden oder mit Brettern notdürftig verschlossen. Der Müll ist allgegenwärtig. Aktuelles Hauptproblem der MieterInnen ist jedoch nicht nur der seit Monaten defekte Lift, sondern vor allem die nicht funktionierende Heizungsanlage. Deren Reparatur ist laut Verwalter aktuell nicht möglich. Er sei keine Fachfirma zu finden, die die Anlage in einen funktionierenden Zustand versetzen könne. Die einst beliebte Wohnanlage verwandelte sich im Laufe der Jahre zunehmend in ein Rendite- und Abschreibungsobjekt
Die Stadt Göttingen lud im November 2025, in Zusammenarbeit mit dem DMB Mieterverein Göttingen e.V., alle MieterInnen des Wohnkomplexes zu einer Informationsveranstaltung ein. Alle Beteiligten regten an, gemeinschaftlich gegen die Vermieter vorzugehen. Nur so habe man Aussicht, die Eigentümer unter Druck zu setzen und die Missstände zu beseitigen. Der Mieterverein hatte für Musterbriefe gesorgt, die noch vor Ort auf die Bedürfnisse der MieterInnen angepasst wurden und an Vermieter und Stadt gingen. Darin wurde individuell eine Mängelliste übermittelt (u.a. Heizung defekt, Fenster undicht, Fahrstuhl defekt, Ungezieferbefall, Schimmel, Wohnungen nicht abschließbar) und der Vermieter aufgefordert, diese unverzüglich zu beheben. Weiterhin wurde erklärt, dass aufgrund der Gebrauchswertbeeinträchtigung eine Mietminderung von zumeist 50% beziffert wird, eine Erhöhung auf 100% bei andauerndem Heizungsausfall sei nicht ausgeschlossen. Die Berater des Mietervereins wiesen die MieterInnen auch auf ihre Dokumentationspflicht der Schäden und der Mehrkosten hin. Einigen sind durch die Verwaltung Radiatorheizungen geliefert worden, andere müssen sich mit Heizlüftern behelfen oder sich kurzzeitig mit der Luft aus dem Backofen wärmen. Kostspielige und nicht ungefährliche Maßnahmen, die bei den nächsten Verbrauchsabrechnungen für manch böse Überraschung sorgen könnten.
Mieterin Calina Farcas-Moldovan klagt an: „Meine Miete habe ich immer pünktlich bezahlt, aber die Besitzer lassen mich und meine vier Kinder hier frieren. Ich habe Angst, dass es im Winter noch schlimmer wird.“ Im November konnten ihre beiden Mädchen bereits 14 Tage nicht in den Kindergarten, da sie sich in der kalten Wohnung einen Infekt zugezogen hatten. Der Schimmel an den Wänden lässt befürchten, dass die Familie hier weiteren Gesundheitsrisiken ausgesetzt ist. An Miete zahlt sie mit Nebenkosten über 660 Euro. Auf ihren Wunsch wird diese vom Jobcenter direkt an den Vermieter überwiesen. Mietrückstände hat sie nicht. Einen elektrischen Radiator hat sie noch nicht erhalten. Sie hat sich jetzt an die Öffentlichkeit gewendet und versucht mit ihren Rechtsanwälten die Sache im Eilverfahren vor das Göttinger Amts- und das Verwaltungsgericht zu bringen. Sie will erreichen, dass die Stadt ihre Wohnung für unbewohnbar erklärt. Dann könnte die Stadt sie und ihre vier Kinder anderweitig unterbringen und die dadurch entstehenden Kosten dem Vermieter in Rechnung stellen. Bis dahin bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf die Gerichtsentscheidung zu warten, ihren Kindern Hoffnung zu geben und zu versuchen, eine andere Wohnung zu finden. Für all die Unterstützung sei sie sehr dankbar, sagt sie. Sie hoffe auf diesem Wege zu ihrem Recht und in menschenwürdige Wohnverhältnisse zu kommen.
Auch Stefan W. (Name der Redaktion bekannt) wohnt in der Groner Landstraße „im Vorhof zur Hölle“. Er ist einer der ältesten Mieter und wohnt seit Jahrzehnten dort. „Das alles so verfallen ist, daran sind die Verwalter schuld, früher war hier Zug drauf, es gab einen Hausmeister und Regeln“, fasst er zusammen. Er wisse gar nicht mehr, wer eigentlich sein Ansprechpartner sei und wer der aktuelle Besitzer seiner Wohnung. Das mache ihn traurig und ratlos. „Ich hoffe, dass die Stadt bald in die Pötte kommt, so geht’s nicht.“ Bis dahin hofft er auf einen milden Winter.
Gicu Secelean ist seit Jahren Mieter ohne Rückstand und findet keinen Ausweg. „Ich leide unter schwerem Asthma und Atemnot, da ist keine Heizung und der Schimmel in meinem Mini-Apartment ist nicht gut für meine Gesundheit. Aber mit dieser Adresse findest du keine andere Wohnung mehr in Göttingen. Das ist das Ende, danach bist du auf der Straße.“
In der Einladung zur Mieterversammlung schrieb Sozialdezernentin Anja Krause: „MieterInnen müssen ihre Interessen gegenüber den VermieterInnen selbst durchsetzen und zum Beispiel bei Mängeln Mietminderung geltend machen. Die Stadt ist nicht Vertragspartei und kann das daher nicht übernehmen, unterstützt sie aber dabei.“ Diese Unterstützung fordern die MieterInnen nun ein.
Ioan, Mieter eines Apartments für sich und seine Frau (530 Euro Kalt-Mietkosten für 19 qm), bringt das Problem auf den Punkt: „Müll ist hier ein großes Problem, an dem die Mieter nicht unschuldig sind. Aber wenn die Vermieter die Gebühren an die Stadt nicht zahlen, dann gibt’s keine Mülltonnen, keine Müllabfuhr und alles landet irgendwo. Aber wir haben auch alle zusammen wieder mal den Innenhof von Müll befreit. Da haben ganz viele angepackt, aber andere haben uns auch belächelt, das war schade.“
Als „nicht wohnfähig“ beurteilt Dominik Fricke, Geschäftsführer der Coeles-Hausverwaltung, mindestens die Hälfte der Wohnungen. Auch habe die vorläufige Insolvenzverwalterin des Mehrheitseigentümers zu wenig an die Wohnungsgemeinschaft überwiesen und MieterInnen im Leistungsbezug seien hoch sechsstellig mit ihren Zahlungen im Rückstand. Rechtlich sind der Stadt jedoch die Hände gebunden. „Wir haben hier ein System in prekären Wohnimmobilien, wo EigentümerInnen über Jahre die Höchstmiete kassieren“, führt Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) aus. Dass nun die Bewohner keine Heizung mehr hätten, sei inakzeptabel. Sie appelliert an den Gesetzgeber, für solche Fälle eine Lösung zu finden. Dass die Vermieter die Parkplätze der MieterInnen gesperrt und mit dicken Durchfahrtssperren verschlossen haben, führt zu weiterem Unmut. Eine Durchfahrt für Rettungskräfte ist aktuell auf der Vorderseite von der Groner Landstraße wegen Straßenbauarbeiten nicht möglich und die rückwärtigen Einfahrten sind durch die Durchfahrtssperren unzugänglich. Anfragen der MieterInnen bei der Stadt nach Anwohnerparkausweisen wurden abgelehnt, es herrscht aktuell Parkplatznot und viele BewohnerInnen, die für ihren Arbeitsweg auf ein Auto angewiesen sind, haben bereits Tickets mit Parkstrafen erhalten, angeblich werden pro Auto ein bis zwei Strafzettel pro Tag ausgestellt. Bis Druckschluss wurde die Heizung nicht repariert und es stand noch nicht fest, wie sich die Eilanträge für die MieterInnen entwickeln.
Nachdruck (leicht redigiert) mit freundlicher Genehmigung des Magazins Asphalt (Hannover) / INSP. Fotos: Ute Kahle