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Intro: Hubert Ostendorf im Selbstversuch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

für einen Selbstversuch habe ich mein gewohntes Auftreten gegen abgeranzte Kleidung getauscht. Die Haare sind ungewaschen, fettig, die Fingernägel schmutzig. Es ist schlechtes Wetter. Regen. Für drei Stunden stelle ich mich auf die Straße und verkaufe fiftyfifty. Menschen gehen an mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen. Mein Gefühl: Ich bin wertlos, im Abseits. Manche bleiben kurz stehen – nicht aus Interesse, sondern um zu beleidigen. „Penner.“ „Geh arbeiten.“ Ein Mann ruft mir zu: „So etwas wie dich hätte man früher ins Lager gesteckt.“ Die Sätze treffen. Es gibt auch andere Begegnungen. Eine alte Frau gibt mir Geld. Ein alter Mann tut es ihr gleich. Ein kleines Kind reicht mir einen Becher Kaffee. Die Mutter steht ein paar Schritte entfernt. Ich freue mich über diese Gesten. Wegen des Mitgefühls. Insgesamt verkaufe ich in drei Stunden genau eine Zeitung. Die meisten geben Kleingeld, ohne das Blatt mitzunehmen. Sie glauben, etwas Gutes zu tun. Viele wissen, dass Obdachlose die Zeitungen, die sie verkaufen, zur Hälfte im Voraus bezahlen müssen. Geld geben, Zeitung liegen lassen – das wirkt auf den ersten Blick großzügig. Tatsächlich untergräbt es das gesamte Konzept. Denn die Zeitung ist mehr als ein Produkt. Sie ist Schutz. Sie signalisiert: Hier steht jemand, der arbeitet, der Teil einer Organisation ist, der nicht einfach bittet. Wenn kaum jemand mehr eine Zeitung mitnimmt, kippt dieses System. Dann wird aus Verkauf Almosen. Und dann stellt sich zwangsläufg die Frage: Wozu der Aufwand, interessante Artikel zu schreiben - was ja mein eigentlicher Job ist? Nach drei Stunden zähle ich das Geld. 11 Euro 17. Eine einzige verkaufte Zeitung, ein paar Münzen. Mir ist saukalt. Ich frage mich: Was kann man für 11 Euro 17 kaufen? Einen heißen Kaffee, eine Flasche Wasser und ein Bahnticket. Oder ein Ticket und drei Flaschen Bier. Oder etwas anderes. Die Bilanz ist ernüchternd: Drei Stunden Regen, Demütigung, Verachtung – für 11 Euro 17. Ich weiß: Mein Experiment endet nach drei Stunden. Ich kann mich aufwärmen, die Kleidung wechseln, nach Hause gehen. Obdachlose können das nicht. Sie können der Kälte nicht entfliehen. Für sie ist das kein Selbstversuch. Es ist harter Alltag. Danke, dass Sie fiftyfifty gekauft haben. Ohne Menschen wie Sie würde es uns nicht mehr geben. Bitte empfehlen Sie uns weiter.

Herzlichst, Ihr Hubert Ostendorf