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Jenseits ihrer ästhetischen und emotionalen Wirkung sind Wälder von zentraler Bedeutung für das globale ökologische Gleichgewicht. Sie binden Kohlendioxid, produzieren Sauerstoff, regulieren den Wasserhaushalt und beeinflussen regionale wie globale K

Mythos Wald: Ausstellung über die Schönheit und Verletzbarkeit der Natur

Leben
einzeln und frei
wie ein Baum
und geschwisterlich
wie ein Wald
ist unsere Sehnsucht

Nazim Hikmet


Dem Heulen der Wölfe folgen, einem Braunbären auf die Pelle rücken oder in den Wurzeln eines Riesenbaumes verweilen - die faszinierende Vielfalt unserer bewaldeten Landschaften wird im Gasometer Oberhausen zu einem Erlebnis der Sinne.

Wer Wälder in ihrer ganzen Schönheit, mit all dem flirrenden Licht, den Gerüchen, den Klängen des Windes und der Vögel oder anderer Tiere erleben möchte, geht am besten in den Wald. Überhaupt sollte der moderne Mensch sich wieder mehr von den digitalen Medien lösen und sich hinaus begeben in die Natur. Wie überall gilt auch dabei: Je mehr wir wissen, umso mehr können wir genießen, umso mehr werden wir gewahr, wie wichtig die Wälder für das Überleben der Erde sind. Dies vermittelt nun auch eine Ausstellung im Gasometer Oberhausen auf besonders beeindruckende Weise. Etwa durch die Klang- und Lichtinstallation „Global Sunrise“ des Kollektivs Oceans21, das eine Reise durch die morgendlich erwachenden Wälder auf fünf Kontinenten inszeniert. Der weltbekannte Spezialist für Naturklangaufnahmen, Chris Watson, der Soundartist Tony Myatt sowie die visuellen Künstler*innen Theresa Baumgartner, Verena Bachl und Karsten Schuhl schaffen wahrhaft Gänsehautmomente, die uns tief berühren und hoffentlich dazu animieren, die Faszination der Wälder auch außerhalb eines Museums mal wieder zu erkunden.

Atmende Archive
Denn die Wälder der Welt sind mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Sie sind atmende Archive der Erdgeschichte, komplexe Lebensgemeinschaften und zugleich stille Zeugen einer Krise, die sich immer weiter zuspitzt. Wer einen Wald betritt, betritt kein Objekt, sondern ein lebendiges System - eine Erkenntnis, die der deutsche Förster und Autor Peter Wohlleben in den vergangenen Jahren mit Nachdruck in das öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Seine Forschungen und Beobachtungen haben unser Verständnis von Wäldern grundlegend verändert und werfen ein neues Licht auf ihre Schönheit, ihre Bedeutung und ihre Bedrohung.

 Ars Electronica Solutions ist für den dramaturgischen Glanzpunkt im Gasometer verantwortlich. Mit „Der Baum“ bietet sich auf der oberen Etage ein einmaliger Blick aus dem optisch gestalteten Wurzelwerk in die 40 Meter hoch in den Himmel des Gasometers aufsteigende abstrakte Baumkrone. Foto: Ars Electronica Solutions

Die Schönheit des Unsichtbaren
Die ästhetische Kraft eines Waldes erschließt sich zunächst sinnlich: das gefilterte Licht unter dem Blätterdach, der Geruch feuchter Erde, das leise Knacken von Ästen. Doch die eigentliche Schönheit, so Wohlleben, liegt im Verborgenen. Unter unseren Füßen spannt sich ein dichtes Netzwerk aus Pilzfäden - das sogenannte „Wood Wide Web“. Über dieses Netzwerk tauschen Bäume Nährstoffe, Wasser und sogar chemische Signale aus. Alte, kräftige Bäume versorgen junge Setzlinge, warnen Nachbarn vor Schädlingsbefall oder regulieren gemeinsam das Mikroklima. Diese Erkenntnis widerspricht dem lange vorherrschenden Bild des Waldes als Ort gnadenlosen Wettbewerbs. Stattdessen zeigt sich ein System der Kooperation, der Fürsorge und der gegenseitigen Abhängigkeit. Schönheit entsteht hier nicht aus Individualität, sondern aus Beziehung. Der Wald wird zu einer Gemeinschaft, deren Stabilität auf Kommunikation und Solidarität beruht - eine Vorstellung, die ebenso poetisch wie wissenschaftlich fundiert ist.

Wälder als Fundament des Lebens
Jenseits ihrer ästhetischen und emotionalen Wirkung sind Wälder von zentraler Bedeutung für das globale ökologische Gleichgewicht. Sie binden Kohlendioxid, produzieren Sauerstoff, regulieren den Wasserhaushalt und beeinflussen regionale wie globale Klimasysteme. Regenwälder, insbesondere im Amazonasgebiet, in Zentralafrika und Südostasien, fungieren als gigantische Klimamaschinen. Sie erzeugen durch Verdunstung eigene Wettersysteme und tragen zur Stabilisierung der Temperaturen weit über ihre geografischen Grenzen hinaus bei. Wohlleben betont zudem die Rolle alter, naturnaher Wälder. Diese speichern deutlich mehr Kohlenstoff als junge Forste oder Monokulturen. Ein jahrhundertealter Baum ist kein ineffizientes Relikt, sondern ein Hochleistungsorganismus im Dienst des Klimaschutzes. Dennoch werden gerade diese alten Wälder häufig als „überständig“ oder wirtschaftlich unattraktiv betrachtet – ein Denkfehler mit weitreichenden Folgen.

 In unterschiedlichen Ausstellungskapiteln zeigt der Gasometer Waldgebiete von Brasilien über den Kongo bis nach Europa und widmet sich dabei der einzigartigen Vielfalt der Tier- und P£ anzenwelt, hier: eine Waldohreule, aber auch den indigenen Völkern. Foto: Solvin Zankl

Der Regenwald ist Apotheke, Archiv und Heimat
Regenwälder sind Hotspots der Biodiversität. Auf wenigen Quadratkilometern finden sich tausende Pflanzen- und Tierarten, von denen viele noch unerforscht sind. Sie sind genetische Schatzkammern, medizinische Archive und kulturelle Lebensräume für indigene Gemeinschaften, deren Wissen über Jahrhunderte gewachsen ist. Aus der Perspektive Wohllebens lässt sich auch hier eine soziale Struktur erkennen: Bäume, die sich an extreme Konkurrenz um Licht angepasst haben, komplexe Symbiosen zwischen Pflanzen, Pilzen, Insekten und Mikroorganismen sowie fein austarierte Gleichgewichte, die durch äußere Eingriffe schnell kollabieren. Dabei ist der Regenwald kein robustes System, das beliebig gestört, abgebaut, genutzt oder gebrandrodet werden kann, sondern ein hochsensibles Geflecht.

Die Bedrohung durch den Menschen
Trotz dieses Wissens stehen die Wälder weltweit unter massivem Druck. Abholzung für Landwirtschaft, Viehzucht, Bergbau und Infrastruktur schreiten ungebremst voran. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels: Dürren, Stürme, Waldbrände und neue Schädlingsarten setzen selbst vermeintlich stabilen Ökosystemen zu. Wohlleben kritisiert insbesondere die industrielle Forstwirtschaft. In vielen Regionen Europas bestehen Wälder, die diesen Namen kaum noch verdienen, faktisch nur noch aus Holzplantagen: gleichaltrige Bäume, oft fremder Arten, in Reih und Glied gepflanzt. Diese Forste mögen wirtschaftlich effizient erscheinen, sind jedoch ökologisch fragil. Ihnen fehlen die sozialen Strukturen, die natürlichen Schutzmechanismen und die Resilienz echter Wälder. Der Verlust ist dabei nicht nur ökologisch, sondern auch kulturell und moralisch. Wenn Wälder auf ihren Nutzwert reduziert werden, verlieren wir den Blick für ihren Eigenwert als lebendige Mitwelt.

 Wälder sind Hotspots der Biodiversität. Auf wenigen Quadratkilometern š nden sich tausende P£ anzenund Tierarten. Foto: Agorastos Papatsanis

Ein Perspektivwechsel als Hoffnung
Peter Wohllebens zentrale Botschaft ist letztlich eine ethische: Wälder verdienen Respekt, nicht Management im engen ökonomischen Sinne. Sie brauchen Zeit, Ruhe und Raum zur Selbstregulation. Wo man sie lässt, zeigen sie eine erstaunliche Fähigkeit zur Regeneration. Stillgelegte Flächen, Schutzgebiete und naturnahe Bewirtschaftung sind keine romantischen Luxusideen, sondern rationale Investitionen in die Zukunft. Die Schönheit der Wälder liegt daher nicht nur in ihrer Erscheinung, sondern in dem, was sie uns über Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und gegenseitige Abhängigkeit lehren. Ihre Bedeutung reicht weit über Holzpreise und Flächennutzung hinaus. Und ihre Bedrohung ist ein Spiegel unseres eigenen Umgangs mit der Erde. Inwiefern wir bereit sind, aus diesen Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen, wird darüber entscheiden, ob kommende Generationen Wälder noch als lebendige Wesen erleben - oder nur als Erinnerung in Büchern und Fotografien.

Ausstellung im Gasometer
Die Ausstellung „Mythos Wald“ ermöglicht einen intensiven Blick auf die Wälder unserer Erde - emotional, überraschend, mitreißend, erläuternd und stets wissenschaftlich fundiert. In unterschiedlichen Ausstellungskapiteln zeigt der Gasometer Waldgebiete von Brasilien über den Kongo bis nach Europa und widmet sich dabei der einzigartigen Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt, aber auch den indigenen Völkern, deren Habitat im Wald immer kleiner wird. Denn natürlich dokumentiert die Schau auch die dramatischen Folgen der Vernichtung des überlebenswichtigen Ökosystems. „Mit unserer Ausstellung wollen wir ein Bewusstsein für den Zustand unseres Heimatplaneten schaffen, komplexe Themen greifbar machen und zur gesellschaftlichen Debatte anregen“, sagt Jeanette Schmitz, Kuratorin von „Mythos Wald“ und Geschäftsführerin der Gasometer Oberhausen GmbH. Anhand von preisgekrönten Bildern, Filmsequenzen und Original-Exponaten bietet „Mythos Wald“ neben dem aufklärerischen Ansatz gleich mehrere spektakuläre Höhepunkte. Als Pioniere der Medienkunst sind die Kreativen von Ars Electronica Solutions aus Österreich nicht nur für die bereits oben erwähnte Reise durch erwachende Wälder am Morgen sondern auch für den dramaturgischen Glanzpunkt der Ausstellung verantwortlich. Mit „Der Baum“ bietet sich den Besucher*innen ein einmaliger Blick aus dem optisch gestalteten Wurzelwerk in die 40 Meter hoch in den Himmel des Gasometers aufsteigende abstrakte Baumkrone. Eine bisher noch nie realisierte Kunstinszenierung von ergreifender Ästhetik.

Wälder in ihrer ganzen Schönheit im Museum erlebten? Ja, warum nicht? Weil der Besuch uns ermuntert, hinaus zu gehen in die Natur und sie zu schützen.

„Mythos Wald“ - Tickets für 14 Euro bzw. ermäßigt hier: www.gasometer.de

8.7., 19.30 im Gasometer: 
Vortrag von Peter Wohlleben

Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben (der u.a. Das geheime Leben der Bäume geschrieben hat) nimmt sein Publikum mit auf eine faszinierende Entdeckungsreise in eine unsichtbare Welt: die der Bakterien. In seinem Vortrag zeigt er, warum Bäume ohne diese winzigen Mitbewohner kaum überlebensfähig wären. Bakterien wirken in den Blättern und an den Wurzeln der Bäume: Sie fungieren als Wachhunde, die Feinde frühzeitig „melden“. Sie helfen Bäumen dabei, sich an Dürresituationen zu „erinnern“ und entsprechende Überlebensstrategien zu entwickeln. (Eintritt: 25 Euro, Termin auf www.gasometer.de)