Ich hoffe, eure Kinder werden nie drogenabhängig
Der Mann sieht aus wie aus wie in einer Reklame für ein Modegeschäft. Wollmütze von Hugo Boss, schwarze Brille, helle Winterjacke. „Ich bin der Pino und ich war fast 30 Jahre lang obdachlos und habe harte Drogen konsumiert, die letzten Jahre Crack geraucht“, erzählt er. „Seit einem Jahr bin ich clean, habe Therapie gemacht und eine eigene Wohnung im Projekt Housing First bekommen.“ Wir stehen in Düsseldorf auf der Eisenstraße, vor dem Haus, das ein Hilfezentrum für Crack-Abhängige werden soll. Pino hat ein Schild in der Hand, auf dem steht „Wir hoffen, eure Kinder werden nie drogenabhängig.“ fiftyfifty hat zum Pressegespräch eingeladen. Neben Pino stehen noch Gisa, Heiko und Sven. Alle haben es geschafft nach vielen Jahren von der Straße weg- und von den Drogen loszukommen - mit Hilfsangeboten und den Beratungsstellen der Drogenhilfe. Im Stadtteil kursieren Flugblätter und Plakate einer Bürger*inneninitiative, die will das „Drogenzentrum“ verhindern. Sie haben Angst um ihre Kinder, verweisen auf die nahe gelegene Grundschule und ein Gymnasium. Ein Mitglied der Initiative ist besonders aufgebracht, er hat richtig Angst vor den Süchtigen. Pino fragt ihn, ob er eigentlich wüsste, wie viel Leid hinter der Sucht stehen würde, wie viele Schicksalsschläge. Vergebens. Hilfe ja, aber bitte nicht vor der Haustür.
Der Cappuccino schmeckt wie immer super. Ich sitze in seinem Eiscafe am Worringer Platz. Ich war oft hier die letzten Jahre, mit diversen Kamerateams, Journalist*innen oder einfach nur, um zu reden. Roberto hat das freundlichste Gesicht der Welt und so ist er auch. Er betreibt sein Eiscafe seit 40 Jahren. Drogenabhängige haben seine Scheibe im Außenbereich eingeschlagen, direkt vor seiner Eisdiele Drogen verkauft, sie haben Gäste belästigst, es gab Schlägereien. Und trotzdem sagt er, mit Repressionen und mit dem Ordnungsamt oder der Polizei ändert sich gar nichts. „Man muss die Menschen von den Drogen losbekommen, muss ihnen helfen. Klappt vielleicht nicht bei allen, aber bei vielen.“ Robertos Gesicht wird nachdenklich. Er stelle sich die Frage, was wir als Gesellschaft falsch machen würden, dass wir Menschen an die Drogen verlieren, dass es in unserem Land so Verhältnisse geben muss, wie um den Hauptbahnhof. Menschen, die in Hauseingängen liegen, wie Zombies durch die Gegend laufen, getrieben von der Sucht.
Warum?
Ich stehe vor dem Lidl am Hauptbahnhof, hinter mir bildet sich eine kleine Menschentraube um einen Mann. Dicht gedrängt umringen sie den Dealer, wie Moskitos das Licht oder Fliegen um einen Scheißhaufen. Neben mir steht Reza, er läuft auf Socken. 20 Jahre lang war er Karosserielackierer, hat Kinder. Heute steht er hier. Seine Hände sind schwarz vor Dreck, er nimmt mich immer wieder in den Arm und brabbelt Unverständliches vor sich hin. 100 Meter weiter sitzt Chris auf einer Mauer, hält das Gesicht in den Händen. Sein Hund ist überfahren worden. Er hat einen Drogenrückfall. Ich rede 20 Minuten auf ihn ein. Er solle mitkommen, wir können ihn in die Entgiftung fahren. Ich kenne Chris seit 20 Jahren, er hatte es schon geschafft rauszukommen, weg von den Drogen, eigene Wohnung. Vor ein paar Wochen hat die Polizei ihn auf einer Parkbank gefunden. Tot. Es war eine Überdosis.
Auf der Eisenstraße muss ich mich zusammenreißen, um den Mann von der Initiative nicht anzuschreien. „Du hast Angst um deine Kinder? Unsere Leute gehen einfach drauf.“ Ohnmachtsgefühle in Oberbilk. Am nächsten Tag bekomme ich eine Mail von der Initiative. „Die Begegnung mit suchtkranken, teils desorientierten oder aggressiven Personen ist für Kinder nicht zumutbar“, steht da. Sie würden sich daher über eine sachliche und fundierte Stellungnahme freuen. Die Zahl der Drogentoten in Deutschland lag im Jahr 2023 mit 2.227 Fällen auf dem höchsten Wert seit der Datenerfassung, steht im Rheinischen Ärzteblatt. Irgendwas fehlt mir bei den Sorgen von Eltern um ihre Kinder. Ich bin nicht gläubig, aber Papst Franziskus sprach oft von Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist eine aktive Haltung des tiefen Mitgefühls und der Herzensgüte, die Not anderer erkennt und tatkräftig lindert. Ist es das, was hier fehlt? Ich hoffe auf jeden Fall, dass die Kinder derer, die Hilfen für Abhängige in ihrer Nachbarschaft ablehnen, nie drogenabhängig werden.
Oliver Ongaro