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Foto: www.horst-evers.de

Oberstes Regal

Von Horst Evers*

Vor dem Lokal, wo ich in Hannover sitze, bauen sich zwei Straßenmusiker auf. Au, ha, denke ich. Sie haben Ukulelen. Und zack, da spielen die beiden Ukulelisten direkt auch schon Guantanamera. Warum auch nicht? Leider sind sie sehr, sehr schlecht. Wobei, Vorsicht: Man sollte sich mit seiner Meinung nie zu früh festlegen, um Gottes Willen. Also genau genommen ist ja noch gar nicht sicher, dass das Lied, das sie da spielen, tatsächlich Guantanamera sein soll. Korrekt müsste man sagen: Sie singen Guantanamera. Das Lied, das sie auf den Ukulelen dazu spielen, ist höchst wahrscheinlich ein anderes, ein mir unbekanntes. Also es unterscheidet sich in Tempo und Rhythmus seeehr stark von ihrem Gesang. Erstaunlich. Rein künstlerisch gesehen vermutlich extrem anspruchsvoll, aber Hallo! Also, das weiß jeder, der auch ein Instrument spielt: Ein Lied zu singen während man dazu gleichzeitig ein ganz anderes auf dem Begleitinstrument spielt - da musst du was können. Das können nicht viele. Mehr noch: Es könnte sogar sein, dass die beiden sogar noch unterschiedliche Lieder zum gleichen Gesang spielen. Ja, und das war allerhöchste Schwierigkeitsstufe, aber endgültig. Meisterklasse. Chapeau. Es gibt ja so Musik wo man gleich merkt: Hui, das ist aber sehr hochwertig und anspruchsvoll, allerhöchste Schwierigkeit, oberstes Regal. Nur zum Zuhören dann oft nicht so schön. Ein Betrunkener auf der anderen Straßenseite erkennt das Lied aber trotz allem. Er singt da ja auch direkt mit - die deutsche Fassung. Also: Ein Rudi Völler, es gibt nur ein Rudi Völler. Die Musiker hingegen bringt das endgültig raus. Sie wechseln das Lied. Das neue ist auch schwer zu erkennen, weil der Betrunkene unbeirrt weiter Rudi Völler singt. Eine Reihe von Melodie-Indizien deuten jedoch darauf hin, dass es wohl die Capri Fischer sein dürften. Warum auch nicht? 

Die Kellnerin kommt. Bevor ich etwas sagen kann, empfiehlt sie mir die Makrele. Ich schüttele den Kopf. Sie wirkt enttäuscht. Um sie aufzumuntern, deute ich auf die beiden Musiker und sage: „Wenn Männer Ukulelen quälen, soll man nicht Makrelen wählen.“ Altes Hannoveraner Sprichwort. Sie lacht. Antwortet: „Spricht dich der Gast im Reime an, war’n am Salat wohl Keime dran.“ Die Kellnerin weiter: „Dem Koch gelingt so gut wie nie, bei uns die Penne Napoli.“ Ich nicke. Sie strahlt und geht weg. Ich überlege, was ich jetzt bestellt habe. Sie wird’s wissen. Kurze Zeit später kommt mein Essen. Als ich die sehr überschaubare Portionsgröße seh’, bin ich zuerst enttäuscht. Nachdem ich probiert habe aber erleichtert. Das ist genau diese niedersächsische Höflichkeit, das wird oft andernorts nicht erkannt. Sich selbst einschätzen können, ich find das so schön, dann auch zu sagen: „Ja, wir können nicht so gut kochen, dafür machen wir die Portionen kleiner. So. Was sollen wir die Leute unnötig quälen, das ist ja Quatsch. Bisschen mitdenken, bisschen Empathie! So schön kann’s sein.“

Kurz darauf kommen die Ukulele-Spieler sammeln. Ich gebe großzügig und lobe sie wahrheitsgemäß, indem ich sage: „So, wie Sie die Stücke spielen, gelingt das sicherlich nicht Vielen.“ Sie freuen sich. Als sie weg sind, kommt auch der betrunkene Sänger sammeln. Ich geb ihm genauso großzügig. Er staunt: „Ui, das lohnt sich ja.“ Dann überlegt er, ob er nicht fest bei den Ukulele-Spielern einsteigen sollte. Ich nicke. Das ist ne gute Idee. Doch. Das finde ich super. Der Legende nach sollen ja exakt hier in Hannover die Scorpions mal ganz genau so angefangen haben.

Horst Evers
… geboren 1967 in Berlin, ist Kabarettist, Autor und Bühnenkünstler. Bekannt wurde er vor allem durch seine humoristischen Kurzgeschichten und Bühnenprogramme, in denen er Alltagsbeobachtungen mit trockenem, oft lakonischem Witz verbindet. Evers ist regelmäßig Gast auf Kleinkunst- und Kabarettbühnen, in Fernsehshows wie etwa Till Reiners Happy Hour und in Radiosendungen. Seine Texte veröffentlicht er in Buchform sowie in Zeitungen und Zeitschriften. Er lebt mit Freundin und Kind in Berlin.

22.4. Horst Evers
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*Transkript aus: www.youtube.com