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Die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich - sie öffnet sich immer weiter. Das ist kein Zufall, keine Frage von Fleiß, sondern System. (Foto: ho/gemini)

Zeit, hinzuschauen - Zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit klingt abstrakt. Nach politischen Debatten und Problemen, die immer die anderen betreffen. Doch die Wahrheit ist unbequemer: Jede*r von uns profitiert von bestimmten Vorteilen oder kämpft gegen spezifische Hürden, oft ohne es zu merken. Am 20. Februar rufen die Vereinten Nationen zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit auf. Dieser Tag lädt uns ein, genau hinzuschauen.

Ein Gedankenspiel
Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf. Sind Sie in einem warmen Bett aufgewacht? Können Sie sich Kaffee machen, ohne darüber nachzudenken, ob Sie sich das leisten können? Gibt es heißes Wasser für eine Dusche? Saubere Kleidung?

Können Sie den Wocheneinkauf machen, ohne Angst zu haben, nicht satt zu werden? Oder spontan zum Arzt gehen, ohne über Kosten nachzudenken? Würde eine kaputte Waschmaschine Ihre wirtschaftliche Sicherheit bedrohen? Haben Sie Menschen, die Sie auffangen - emotional, praktisch, finanziell? Fahren Sie zur Arbeit, ohne über Sprit oder Bahnticket nachzudenken? Zu einem Job, den Sie sich ausgesucht haben? Müssen Sie nie fürchten, die Miete nicht zahlen zu können?

Gehen wir weiter zurück. 
Haben Sie als Kind Bücher geschenkt bekommen? Konnten Ihre Eltern Ihnen bei Hausaufgaben helfen? Sie in Ihrem Studium finanziell unterstützen? Haben Sie einen Sportverein besucht? Haben Ihre Eltern mit Ihnen Deutsch gesprochen? Haben Sie sich jemals gefragt, wie Ihr Leben aussähe, wenn Sie in der Geburtenlotterie kein Land mit halbwegs funktionierendem Sozialsystem gezogen hätten? 

Haben Sie sich das alles überhaupt jemals gefragt?

Nein? Das sind Fragen, die sich Sie sich nie stellen mussten? Doch für viele Menschen sind das keine Selbstverständlichkeiten, sondern eine tägliche Rechenaufgabe, kein Gedankenexperiment, sondern Realität. 

Laut Statistischem Bundesamt war 2024 knapp jede*r Fünfte in Deutschland von Armut bedroht. Die Zahl der Wohnungslosen hat 2025 einen Rekordstand erreicht: mehr als eine Million Menschen leben ohne festen Wohnsitz. Ohne Meldeadresse keine Sozialleistungen, ohne Postadresse kein Job, ohne Job keine Wohnung. Ein Teufelskreis. Gleichzeitig: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens in Deutschland. Das ist sie, die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich - und sie öffnet sich immer weiter. Das ist kein Zufall, keine Frage von Fleiß, sondern System. Schon die soziale Herkunft der Eltern entscheidet über die Chancen eines Kindes: Kinder aus einkommensbenachteiligten Familien haben geringere Bildungschancen, völlig unabhängig von ihrer Intelligenz.

Politische Entscheidungen, Steuersysteme, die Vermögen schonen und Arbeit belasten, Gesetze, die Kapitalbesitz bevorzugen – all das sorgt dafür, dass dieses System bestehen bleibt. Und dass die, die schon haben, immer mehr bekommen. 

Das Problem
Wir sehen Privilegien nicht, wenn wir sie haben. Sie sind wie Luft: selbstverständlich, erst spürbar, wenn sie fehlen. Wer sein ganzes Leben lang Türen offenstehen sah, bemerkt oft nicht, dass sie für andere verschlossen bleiben. Wer immer ein Sicherheitsnetz hatte, hält das System für fair. 

Hinsehen
Doch der Welttag ist nicht dazu da, dass wir uns schuldig fühlen. Er lädt zum Hinsehen ein: Wo stehe ich? Was hatte ich, das andere nicht hatten? Diese Fragen sind unangenehm. Sie stellen infrage, dass wir alles aus eigener Kraft geschafft haben. Und natürlich: Auch wir haben hart gearbeitet. Doch wären wir auch hier, wo wir sind, wenn wir ganz unten gestartet wären? Was bedeutet es, wenn Menschen auf der Straße schlafen, während andere über den nächsten Urlaub nachdenken? Ist das fair? Oder haben wir uns nur daran gewöhnt? Soziale Gerechtigkeit bedeutet faire Chancen. Dass Artikel 1 des Grundgesetzes keine Bedingungen kennt: Die Würde gilt für alle.

Der 20. Februar ist Todestag von René Cassin, Mitgestalter der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Als er 1968 den Friedensnobelpreis erhielt, sagte er, er sei glücklich – noch glücklicher aber, „wenn es ein wenig mehr Gerechtigkeit in der Welt gäbe“. Fangen wir an. 

Noemi Pohl