Zum Internationalen Tag der Muttersprache
Laut Schätzung der Gesellschaft für bedrohte Sprachen werden zur Zeit weltweit ca. 6500 Sprachen gesprochen. Noch, muss man sagen; denn etwa ein Drittel dieser Sprachen wird innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben. Der Verlust an Sprachen war noch nie so groß wie derzeit. Etwa alle zwei Wochen verschwindet eine – und zwar für immer. Die Gründe sind vielfältig: Kolonialismus und Globalisierung ebenso wie Naturkatastrophen, Umsiedlung, Kriege und Hungersnöte – alles, was Menschen vertreibt, vereinzelt und Sprachgemeinschaften auseinanderfallen lässt. Sprachen und Dialekte sind nicht nur Ausprägungen menschlicher Kultur und menschlichen Geistes, sondern auch Mittel der Welterschließung und des Sozialkontakts für ihre Sprecher. Sie stellen einen Wert an sich dar und sollten deshalb – auch als Manifestationen der Kreativität und der Vielfalt des menschlichen Geistes – erhalten und dokumentiert werden. Im Zeitalter globaler Migration ist es nicht zuletzt die Muttersprache, die Identität und Heimatgefühl stiftet. So sprach etwa jüngst noch die in Berlin lebende russische Dichterin Maria Stepanova von „einer Ersatzheimat in der russischen Sprache“. Auch die vor den Taliban geflohene afghanische Dichterin Shafiqa Khpalwak bezeichnet Paschtu, ihre Mutter- und Schreibsprache, als „ihre wahre Heimat“.
Um diesem Trend entgegenzusteuern,hat die UNESCO im Jahr 2000 den Internationalen Tag der Muttersprachen ins Leben gerufen. Seitdem soll dieser Aktionstag jedes Jahr am 21. Februar auf die Bedeutung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt aufmerksam machen und den Erhalt und Schutz der zahlreichen Sprachen fördern. Der Tag dient dazu, das Bewusstsein für die Rolle der Muttersprache in der Bildung und im kulturellen Zusammenleben zu schärfen. Die UNESCO selbst ist der Überzeugung, dass kulturelle und sprachliche Vielfalt unerlässlich für eine nachhaltige Gesellschaft sind und hält es für einen Teil ihres Mandates für den Frieden, daran mitzuwirken, „die Unterschiede in Kulturen und Sprachen zu bewahren, die Toleranz und Respekt für andere fördern. Mehrsprachige und multikulturelle Gesellschaften existieren durch ihre Sprachen, die traditionelles Wissen und Kulturen nachhaltig vermitteln und bewahren.“
Nachdrücklich plädiert die UNESCO dafür, das Bildungssystem bereits in der frühkindlichen Erziehung in Richtung Mehrsprachigkeit umzubauen. Für etwa 35 Prozent aller Kinder weltweit bedeutet die Einschulung den Eintritt in eine sprachlich fremde Umgebung. Sie verbringen ihre Schulzeit in Klassenzimmern, in denen die Unterrichtssprache nicht die Sprache ist, die sie zu Hause sprechen und die sie oft nur unzureichend verstehen. In Deutschland wird jedes fünfte Kind nicht in der Herkunftssprache unterrichtet, was seine Erfolgschancen deutlich einschränkt und letztlich den Kreislauf von Armut und sozialer Ungleichheit weiter verstärkt.
Doch das deutsche Schulsystem ist weiterhin auf Kinder mit deutscher Herkunftssprache ausgerichtet, nicht auf Mehrsprachigkeit. Die Bedürfnisse und Potenziale von Kindern, die zu Hause auch Arabisch, Kurdisch, Russisch oder Polnisch sprechen, werden im System vernachlässigt beziehungsweise nicht von diesem abgerufen. Personalmangel führt zum Lernziel „still sitzen“. Dabei hat die Forschung längst belegt, dass die Förderung von Zweisprachigkeit eindeutig zu mehr Bildungserfolg führt. Zum Tag der Muttersprache 2025 wies die UNSECO in einem Aufruf darauf hin: Mehrsprachige Bildung ist eine Chance. Mehrsprachigkeit auf der Grundlage der Muttersprache erleichtere Mitgliedern kleinerer Sprachgruppen den Zugang zu Bildung. Es sei notwendig, die mehrsprachige Bildung zu verbessern. Ein Thema, das nun auch in Deutschland diskutiert wird. Denn langfristig, da ist man sich in der Wissenschaft einig, kann sich ein Land wie Deutschland ein auf einsprachig aufwachsende Kinder ausgerichtetes Schulsystem nicht mehr leisten.
Hans Peter Heinrich