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„So ein Perspektivwechsel täte manchen aus der Ober- oder abgehobenen Mittelschicht gut und würde den Horizont erweitern.“ (Foto privat: Wallraff als Ali 1983)

Bekennermut für die Ausgegrenzten

Vor 40 Jahren war der Undercover-Journalist „Ganz unten“ und sorgte mit dem gleichnamigen Buch für einen der größten deutschsprachigen Sachbuch-Hits. Im Gespräch mit Max Florian Kühlem äußert sich der 83-Jährige auch zu Vorwürfen der „kulturellen Aneignung“. 

 

?: Im Falle von „Ganz unten“, das am 21. Oktober 1983 erschien, wollten Sie nachempfinden, wie es sich anfühlt, ein „Gastarbeiter“ in Deutschland zu sein. Warum?

Wallraff: Ich wohne in Köln-Ehrenfeld, einem Stadtteil, in dem jeder Dritte, Vierte ein Zugereister ist. Nachbarn erzählten von entwürdigenden Arbeitsbedingungen, aber hatten Angst, ihren Job zu verlieren. Ich hatte bereits über zehn Jahre zuvor die ersten Versuche als türkischer Arbeiter unternommen. Es wurden schon verdeckt Aufnahmen von Arbeitssuche und Verkleidung gemacht. Aber ich bin am Intensivkurs Türkisch gescheitert. Irgendwann sagte ich mir: „Jetzt oder nie“. Ich habe eine Annonce aufgegeben: „Ausländer, kräftig, sucht Arbeit jeder Art“ und bin dann in Arbeitskolonnen gelandet. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, doch es war mir ein existenzielles Bedürfnis, es am eigenen Leib zu erfahren. Aber meine Türkisch-Sprachprobleme blieben: Wenn meine türkischen Kollegen fragten, warum ich denn kein Türkisch spreche, dann behauptete ich, ich sei bei meiner griechischen Mutter aufgewachsen, früh getrennt vom kurdischen Vater. Ein misstrauischer Kollege forderte mich irgendwann auf: „Sprich doch mal Griechisch!“ Und siehe da, mir fiel noch der Anfang der „Odyssee“ auf Altgriechisch ein, denn ich hatte auf dem Gymnasium neben Latein auch Griechisch-Unterricht. Man lernt doch nie umsonst im Leben.

 

?: Hat Sie immer eine gewisse Furchtlosigkeit ausgezeichnet? Sie haben schon Morddrohungen erhalten und jeder konnte immer wissen, wo Sie wohnen.

Wallraff: Ich sollte als Kind mütterlicherseits eher zu einem angepassten Menschen erzogen werden und war immer schon von Selbstzweifeln geplagt, als Einzelkind eher schüchtern und introvertiert. Irgendwann habe ich begonnen, in die Ängste reinzugehen. Inzwischen habe ich eine gewisse Zugehörigkeit entwickelt, eben, weil ich mich diesen Themen aussetze. Ich fühle mich fremd in einer Gesellschaft, an der ich vieles nicht in Ordnung finde. Und ich fühle mich dann gerade denen noch am ehesten zugehörig, die nicht dazugehören. Es fällt mir einfach leicht, mich zurückzunehmen und mich so in andere hineinzuversetzen. In der jeweiligen Rolle bin ich identischer, wacher und lernfähiger.  

 

?: Ist das auch Ihr ganz persönlicher Verdienst, dass sich Zustände gebessert haben, etwa Arbeitsbedingungen in Stahlbetrieben?


Wallraff: Das war erstmal eine große Ermutigung: „Ganz unten“ hat unmittelbare Wirkungen gehabt, zunächst an den Tatorten. Wir haben mit Kollegen bei Thyssen ein Go-In im Personalbüro gemacht und gefordert, dass die Kollegen der Leiharbeitsfirmen fest eingestellt werden. Das ist gelungen. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, der das alles hatte geschehen lassen, musste zurücktreten und wurde später aus der IG Metall ausgeschlossen. Thyssen wurde zu einem Bußgeld in Millionenhöhe verurteilt. Es gab fortan Staubmasken und Schutzhelme, die Dauerschichten wurden unterbunden und ein Dutzend Sicherheitsingenieure hatten mir ihre Einstellung zu verdanken. Vom Arbeits- und Sozialminister (SPD) wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, intern die „Ali-Gruppe“ genannt, ein mobiles Einsatzkommando, das die Konzernen fortan kontrollierte. 

 

?: Macht die SPD gerade einiges falsch, dass sich Arbeiter nicht mehr von ihr vertreten fühlen?

Wallraff: Das betrifft nicht nur die SPD. Ich sehe insgesamt eine Entfremdung unserer demokratischen Institutionen von den Nöten und Problemen der meisten Menschen. Das passt zur Lage der Nation, in der die Super-Reichen immer reicher werden und die Armen immer zahlreicher. Die untere Hälfte der Bevölkerung – also 40 Millionen Menschen – besitzt gerade mal ein Prozent des wirtschaftlichen Gesamtvermögens. Umgekehrt besitzen allein die 45 hyperreichsten Familien mehr als all diese 40 Millionen zusammen. Die obersten zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über fast 60 Prozent des Gesamtvermögens, während das untere Drittel nahezu mittellos ist oder Schulden hat, Tendenz weiter steigend. Laut Statistik liegt die mittlere Lebenserwartung von Männern in der unteren Einkommensgruppe etwa zehn Jahre unter denen der mit hohem Einkommen. Hier verlangt es nach Parteilichkeit und Bekennermut für die Ausgegrenzten und über das Arrangement der Tagespolitik hinausgehende Lösungen und Konzepte. Für alle demokratischen Parteien gilt: Wir sollten nicht vergessen, die positiven Realitäten von heute, wie zum Beispiel die Gleichstellung der Frau, Kinder- und Minderheitenrechte, Arbeitsschutzgesetze und Umweltschutzbestimmungen, waren die oft verspotteten Utopien und Visionen von einst. Und unsere heutigen Visionen und Forderungen müssen Realität von morgen werden, auf dass es noch eine lebenswerte Zukunft geben kann.

 

?: Was Sie in „Ganz Unten“ beschreiben ist ja eine Art Lohnsklaventum. Gibt es das heute gar nicht mehr?

Wallraff: Es hat sich verlagert.

 

?: Wer sind heute die Türken von damals?

Wallraff: Zum Beispiel die Arbeiter, die von Osteuropa, aus Rumänien, Bulgarien oder Afrika als Arbeitsmigranten nach Deutschland kommen und hier unter prekärsten Bedingungen arbeiten müssen bis hin zu Todesfällen. Etwa der bis heute nicht aufgeklärte Tod des 26-jährigen Leiharbeiters Refat Süleyman, dessen Leiche auf dem Gelände des Stahlwerks von ThyssenKrupp im Schlamm eines Schlackebeckens gefunden wurde. 

 

?: Eine philosophische Frage: Kann man in einer Verkleidung wirklich erfahren, wie es ist, ein Anderer zu sein? 


Wallraff: Wenn ich in einer Rolle drin bin, dann bin ich fast identisch – ich bin dann ein anderer und träume sogar manchmal nachts in der neuen Identität. Deshalb ist der Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ in meinem Fall eine vordergründige Betrachtungsweise. 

 

?: Sie würden also sagen, man darf das – sich als Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft als Türke verkleiden oder sogar als Schwarzer?


Wallraff: Alles andere wäre für mich ein Berufsverbot. Das was ich gemacht habe, war keine Aneignung, sondern eine Annäherung. Ich war zweieinhalb Jahre lang „Ali“ und habe in den Fabriken meine Bronchien schwer geschädigt, gemeinsam mit den Kollegen habe ich das durchgestanden. Oder wenn ich noch Wochen nach meiner Rolle als Schwarzer die Straßenseite wechselte, weil mir Rechtsradikale entgegenkamen, dann zeigte mir das: Die Rolle ist ein Teil von mir geworden. Auch als ich als Paketfahrer für GLS mit meinem deutsch-afghanischen Kollegen Augustine F. – morgens um 4 Uhr aufstehen und bis zur Erschöpfung zwölf bis 14 Stunden – unterwegs war, wurde ich ein anderer. 

 

?: Sollte sich also jeder Weiße mal in so eine Rolle begeben, um zu erfahren, was Rassismus wirklich bedeutet?


Wallraff: Das ist kein Prinzip, das man verallgemeinern kann, obwohl so ein Perspektivwechsel manchen aus der Ober- oder abgehobenen Mittelschicht gut täte und den Horizont erweiterte. Darum bin ich auch für ein soziales Jahr für alle jüngeren Männer und Frauen. Aber für mich ist es etwas Ureigenes, das mit mir und meiner Identitätssuche zu tun hat. In der Forschung und in der Wissenschaft ist „teilnehmende Beobachtung“ längst anerkannt und hoch angesehen. In Deutschland entwickelt sich die Klassengesellschaft zunehmend fast zu einer Kastengesellschaft, in der Zugänge zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe immer stärker von sozialer Herkunft abhängig sind.  

 

?: Hat Sie die Kritik der „kulturellen Aneignung“ verletzt?


Wallraff: Vorwürfe der kulturellen Aneignung oder wie auch immer man das nennen mag, treffen mich nicht. Die, die mich versuchen zu canceln, waren einzelne deutsche Pseudointellektuelle, in ihrer eigenen Blase gefangen. Ich habe damals, nach der Veröffentlichung von „Ganz unten“ tausende Zuschriften bekommen, gerade von Einwanderern, die mir sagten: Endlich hat das mal ein Deutscher erlebt und aufgedeckt, auf uns hört keiner und uns glaubt man ja nicht – du bist einer von uns. Das geht bis heute in die Enkelgeneration.