Krise als Motor des Wandels
Über die ökologische Krise wird meist auf eine von zwei Arten gesprochen – sie wird entweder geleugnet oder als eine fast unausweichliche Apokalypse dargestellt. Obwohl es zweifellos Gründe zur Sorge gibt, könnten wir versuchen, Hoffnung statt Angst zu wecken. Mit anderen Worten: Gerade weil die Gefahr ernst ist, sollten wir diese Gelegenheit nutzen, um unsere Gemeinschaft auf völlig andere Weise zu gestalten.
Von Predrag Momcilovic
Die vergangenen Jahre waren von einer Reihe erschreckender Ereignisse geprägt. Erstmals überschritt die globale Temperatur die 1,5°C-Grenze. Überschwemmungen, Hurrikane, Brände, Dürren und andere Wetterkatastrophen verwüsteten weite Gebiete und gefährdeten mehr Menschen als je zuvor. Die Ungleichheit wuchs weiter, sodass heute das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen besitzt als die restlichen 95 % zusammen. Geld, das zur Verringerung der Ungleichheit hätte eingesetzt werden können, wurde für Waffen und die Zerstörung der Natur verschwendet. Gleichzeitig ist ein Mann, der den Klimawandel leugnet, Flüchtlinge hasst und Maßnahmen erlässt, die Konzernen und Superreichen zugutekommen, Präsident des militärisch und finanziell mächtigsten Staates der Welt geworden. In Krisenzeiten pflegen die Monster aus ihren Verstecken zu kriechen, und heute wandeln einige dieser Monster – neue wie der Klimawandel, alte wie die extreme Rechte – bereits auf unseren Straßen.
Krisenzeiten können aber auch die Chance für einen sozioökologisches Umdenken bieten. Warum nutzen wir sie nicht, um uns vorzubereiten, nachzudenken und von besseren Zeiten zu träumen, die wir gemeinsam gestalten können? Individuelle Verantwortung und persönliches Engagement sind oft die ersten Schritte hin zu einem Wandel, reichen aber allein nicht aus. Als Individuen und Konsumenten sind wir ständig dem Druck ausgesetzt, der uns einreden will, wir seien alle gleichermaßen verantwortlich – dass eine arme Frau aus Zentralasien, ein Student aus Südamerika, ein Manager aus Europa und ein Milliardär aus Nordamerika gleichermaßen zum Klimawandel beitragen. Die Wahrheit ist jedoch, dass die Verantwortung zutiefst ungleich verteilt ist: Während manche ums Überleben kämpfen, verbrauchen andere täglich so viele Ressourcen wie eine Kleinstadt. Lifestyle wird oft als essenziell für Nachhaltigkeit vermarktet, als ob der Kauf einer Bambuszahnbürste und eines „nachhaltigen“ Haarprodukts die eigene Verantwortung aufhebt. Diese kapitalistischen Fallen weren in sogenanntes Greenwashing verpackt und zielen auf das Gewissen der Einzelnen ab.
Natürlich ist es gut, persönliche Gewohnheiten zu überdenken, aber besser ist es, sich mit anderen zu organisieren und Druck auf den Staat auszuüben und alternative Systeme aufzubauen, die sicherstellen, dass wir alle die Möglichkeit haben, nachhaltig zu produzieren und zu konsumieren. Organisierung und gemeinsamer Kampf sind die einzigen Wege, die reichsten 10 %, die für 52 % der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, einzuschränken, damit auch für diejenigen, die unterhalb der Schwelle einer menschenwürdigen Existenz leben, etwas übrig bleibt. Der Kampf gegen „Projekte“, die Mensch und Natur schaden, ist nur der erste Schritt zur Organisierung. Der nächste ist, aktive Maßnahmen zu ergreifen und Verbesserungen einzufordern. Um im Einklang mit den Ressourcen unseres Planeten zu leben, brauchen wir sowohl kleine Verbesserungen – wie Bambuszahnbürsten – als auch große, revolutionäre Veränderungen wie die Umgestaltung des Wirtschaftssystems, denn das eine ist ohne das andere nicht möglich. Nur so können wir sicher sein, dass die Zahnbürste unter fairen Bedingungen hergestellt wird, Arbeiter angemessen bezahlt, Umweltstandards eingehalten und genügend Bambus für die Pandas übrig bleibt.
Die bekannte Klimaaktivistin und Anführerin der „Fridays for Future“-Bewegung, Greta Thunberg, sagt, es sei an der Zeit, das westliche, „unterdrückende“ kapitalistische System, das auf Kolonialismus, Imperialismus, Unterdrückung und Völkermord basiert, abzuschaffen oder zumindest zu transformieren. Millionen junger Menschen, die seit Jahren protestieren, stimmen ihr zu und fordern konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel sowie die Einhaltung der im Pariser Klimaabkommen gemachten Versprechen. Jüngste Studien zeigen, dass die Menschheit bereits sechs von neun planetaren Grenzen überschritten hat und ein Weiter-So in eine Katastrophe führt. Zu den planetaren Grenzen gehören unter anderem der Verlust der Artenvielfalt, der Klimawandel, die Landnutzung und der Süßwasserverbrauch. Daher fordern immer mehr Stimmen einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft: Anstatt endlosem Wachstum nachzujagen, das ökologische und soziale Probleme nicht löst, ist es an der Zeit, dass die Gesellschaft reift und beginnt, innerhalb der planetaren Grenzen zu leben.
Befürworter der Theorie und Praxis des Postwachstums argumentieren, dass wir mit deutlich weniger Ressourcen in einer Gesellschaft leben könnten, die sich auf die Befriedigung realer menschlicher Bedürfnisse anstatt auf Gewinnmaximierung konzentriert. Diese Gesellschaft basiert auf Solidarität, Fürsorge und Empathie als Kernwerten und bietet allen Menschen Zugang zu Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Bildung, Altenpflege, öffentlichem Nahverkehr und bezahlbarem Wohnraum. Mobilität bedeutet in dieser Gesellschaft nicht den Besitz eines eigenen Autos, sondern die Nutzung zugänglicher, bezahlbarer und pünktlicher öffentlicher Verkehrsmittel. Eine der wertvollsten Ressourcen ist Nahrung – sie wird nicht weggeworfen, weil jemand sie sich nicht leisten kann, noch verbrannt, wenn die Preise niedrig sind, sondern gerecht verteilt. Eine Postwachstumsgesellschaft ist auch eine Gesellschaft, in der es keine Herrschaft des Einzelnen über den anderen, des Mannes über die Frau oder das Kind oder des Menschen über die Natur gibt. In einer solchen Gesellschaft wird Freizeit höher geschätzt als Geld. Die Arbeitszeiten werden kürzer, Technologie dient der Verbesserung der Lebensqualität und der Reduzierung von Umweltverschmutzung, nicht der Gewinnmaximierung. Vor über einem Jahrhundert sagte der britische Ökonom John Maynard Keynes voraus, dass wir dank des technologischen Fortschritts nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten würden. Heute klingt das nach Science-Fiction, doch wenn wir den Klimawandel wirklich eindämmen und die Umweltverschmutzung verringern wollen, ist auch eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit unerlässlich, da Arbeit um der Ressourcenanhäufung willen unweigerlich zu mehr Umweltverschmutzung führt.
Erst wenn die Gesellschaft den Punkt erreicht, an dem Arbeit und ein würdevolles Leben getrennt sind – was durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens möglich wäre –, können wir von wahrer Freiheit sprechen. Wenn wir wissen, dass ein Weiter-So mit ziemlicher Sicherheit zum Zusammenbruch führt, erscheint die Wahl einfach. Anstatt die Erzählung zu wiederholen, der Staat solle sich nicht in die Wirtschaft oder die Klimapolitik einmischen – während er beispielsweise die Freizügigkeit von Flüchtlingen ungehindert beschneidet –, brauchen wir einen Staat, der eingreift, um die Natur und das Wohlergehen seiner Bürger zu schützen. Das ist nichts Ungewöhnliches; während der COVID-19-Pandemie haben wir erlebt, wie Staaten beispiellose wirtschaftliche und soziale Maßnahmen ergriffen haben, um Leben zu retten. Die Pandemiekrise ist weitgehend überstanden, doch die sozioökologische Krise besteht fort. Statt zu verzweifeln, müssen wir uns der Herausforderung stellen und sie als Motor des Wandels nutzen.
Mit freundlicher Genehmigung von Liceulice (/Belgrad) / INSP.ngo. Aus dem Englischen übersetzt (leicht gekürzt) von Hans Peter Heinrich)