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Die Gruppe Farbfieber verschönerte das „39er-Denkmal“ am Reeser Platz im Norden Düsseldorfs. Dieses wurde 1939 von den Nationalsozialisten errichtet, erinnert an das niederrheinische Füsilier- Regiment Nr. 39 und zeichnet sich durch einen stark milit

Was Kunst darf und muss

Über Provokationen im öffentlichen Raum und den daraus resultierenden gesellschaftspolitischen Diskurs

Nach einem Interview mit Alice Weidel im Ersten kannten ihn fast alle in Deutschland: den Adenauer SRP+. Das Fahrzeug, das in Sichtweite des draußen neben dem Kanzleramt geführten Gespräches mit der AfD-Vorsitzenden zusammen mit vielen lautstark Demonstrierenden vor laufenden Kameras einfuhr, ist eine Kunstaktion des Zentrums für Politische Schönheit für den öffentlichen Raum. Ein im Outfit eines Streifenwagens gestalteter Infobus. Die Abkürzung „SRP+“ bezieht sich auf die 1952 verbotene neonazistische Sozialistische Reichspartei. Durch die bewusste Zuspitzung wollten die Künstlerinnen und Künstler auf problematische Kontinuitäten autoritären Denkens und den Umgang der frühen Bundesrepublik mit der NS-Vergangenheit aufmerksam machen. Ebenso ist im Innern des Adenauer SRP+ eine Ausstellung verankert, um die AfD-Verbotsdebatte zu forcieren. Der Bus ist auf Demonstrationen wie auch als mobiles Angebot zu erleben, um mit Schülerinnen und Schülern, Vereinen und Initiativen über Demokratie zu diskutieren. Die Aktion schaffte eine Debatte über historische Vergleiche, Provokation und die Grenzen politischer Kunst.
Im Dezember des letzten Jahres schaffte das Zentrum für politische Schönheit mit dem Walter Lübcke-Denkmal vor der CDU-Parteizentrale in Berlin die nächste politische Kunstaktion. Lübcke, immerhin selbst ein CDU-Mann, wurde durch sein Engagement für Geflüchtete und seinen Widerspruch gegen Pegida deutschlandweit bekannt. Am 1. Juni 2019 wurde er auf der Veranda vor seinem Wohnhaus mit einem Kopfschuss aus geringer Entfernung durch einen Rechtsextremisten ermordet.

 Fuhr zur besten Sendezeit bei einem ARD-Interview mit Alice Weidel auf: Ein umgebauter ehemaliger Gefangenentransporter mit Lautsprecheranlagen und Sirenen - der „Adenauer SRP+“ des Zentrums für Politische Schönheit als Mittel der politischen Aktion und künstlerischen Provokation mit dem Zweck, öffentliche Aufmerksamkeit für die
Gefahr der AfD zu schaffen und politischen Druck für ein Verbotsverfahren aufzubauen. Urheber?

Das Zentrum für politische Schönheit setzt Lübcke ein Denkmal
Für Aktionen wie den SRP-Infobus oder das Lübcke-Denkmal ist das Zentrum für Politische Schönheit um Philipp Ruch und Stefan Pelzer inzwischen international bekannt: Ohne große Ankündigung, immer mit finanzieller Unterstützung von vielen Bürgerinnen und Bürgern, werden Akzente gesetzt, Aktionen umgesetzt und Inhalte verkörpert. Ausgerechnet die CDU zeigte sich zum Teil entsetzt, zumindest aber provoziert.
Kein Geringerer als der Publizist und Moderator Michel Friedman stand für die Eröffnung des Denkmals zur Verfügung: „Mein Vorbild steht jetzt vor der CDU-Zentrale, und ich freue mich auf die Einflüsse, die er jetzt auf die Menschen ausübt, die in den kommenden Monaten schwierige Entscheidungen treffen müssen“, sagte Friedmann. Auf Instagram kommentierte eine Nutzerin den Beitrag zu dem Denkmal von Walter Lübcke wie folgt: „Diese Statue wirkt so einladend und voller Güte! Nichts daran ist abstoßend oder provozierend. Die Reaktion der CDU zeigt eigentlich nur, dass sie sich auf den Weg nach rechts ertappt fühlen.“ Oft sind die ersten Reaktionen in den aktuellen Tages- und Wochenzeitungen und auf Social Media identisch: Anerkennung, Lob und später dann die aufkommende Kritik. Aber was wird hier eigentlich und warum kritisiert? Welche Rolle hat die Aktionskunst in der Gesellschaft und was erreicht diese konkret?

 Von einem Rechtsextremisten ermordet und nun ein Mahnmal ohne Auftrag vor der CDU-Parteizentrale in Berlin: Walter Lübcke. Foto: politicalbeauty.de

Kunst und Politik? Aktion und Kunst?

Spätestens seit den 60/70er Jahren geht es bei der politischen Kunst im öffentlichen Raum auch immer um die Fragestellung: „Wem gehört die Stadt?“ In Zeiten von verdichteten Innenstädten, veränderten Straßenordnungen und Sicherheitskonzepten stellt sich auch die Frage, wie und in welchem Rahmen Kunst öffentlich und sichtbar sein soll. Und: Wie ist die Aufteilung des öffentlichen Raumes für alle Nutzerinnen und Nutzer in den Städten? Hier spalten sich die Geister, weil zumeist auch kommerzielle Interessen etwa des Handels durchgesetzt werden sollen. Beispielsweise gelten Innenstädte und Bahnhöfe als Aushängeschild der Städte und stehen daher besonders im Fokus von Debatten über Sicherheit und Sauberkeit. Neben Problemen wie Müll und Graffiti rücken im Zuge eines verschärften Sicherheitsdiskurses vor allem sogenannte Randgruppen in den Blick, die öffentlichen Räume als Aufenthaltsort nutzen. Durch rechtliche Instrumente und Ordnungsdienste werden bestimmte Personengruppen aus einzelnen Bereichen verdrängt und neu „sortiert”. Dadurch entsteht eine Hierarchie der Raumnutzung, in der - etwa bei drogenabhängigen Menschen - konsumorientierte Aktivitäten als legitim gelten, andere Nutzungen jedoch sanktioniert werden.


 Ausgerechnet die CDU zeigte sich zum Teil entsetzt über die Statue des ermordeten CDU-Mannes Walter Lübcke. Foto: politicalbeauty.de

Was hat Kunst mit dem Stadtbild von Städten zu tun?
Erinnern wir uns an Joseph Beuys und seine Aktion 7.000 Eichen. Beuys ließ 7.000 Bäume pflanzen, jeweils verbunden mit einer Basaltstele. Das Werk verstand sich als soziale und ökologische Kunst, die dauerhaft in den öffentlichen Raum eingreift und Bürgerinnen und Bürger zur aktiven Mitgestaltung von Stadt, Umwelt und Gesellschaft auffordert. Was damals stark umstritten war, prägt heute selbstverständlich das Stadtbild Kassels und anderer Städte. Blickt man nach Kopenhagen, Paris oder Utrecht, lassen sich aktuelle Initiativen zur Begrünung und zum #abpflastern als Weiterführung dieser Idee lesen. Was einst Kunstaktion war, ist heute politische Forderung und konkrete (kommunal gelebte) Praxis – getragen von Stadtverwaltungen, Zivilgesellschaft und einer neuen Sensibilität für Klima, Lebensqualität und nachhaltige Stadtentwicklung.

 Joseph Beuys ließ 7.000 Eichen pflanzen, jeweils verbunden mit einer Basaltstele. Das Werk verstand sich als soziale und ökologische Kunst im öffentlichen Raum. Foto: Wikipedia

Nicht immer nur Banksy: Zwischen Wandbildern und Streetart

Der Kunstverein Farbfieber aus Düsseldorf, zu der unter anderem Klaus Klinger gehört, setzt seit mehr als 45 Jahren künstlerische Mittel ein, um Begegnungen und Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu ermöglichen. Dabei sucht die Gruppe nicht in erster Linie die klassischen Museen oder Kunsträume auf, sondern wird dort sichtbar, wo Menschen zusammenkommen. 1995 beteiligte sich Farbfieber am Düsseldorfer Karneval, um auf die umstrittenen Aktivitäten des damaligen Verteidigungsministers Rühe (er wollte die Nato wieder „groß” machen) aufmerksam zu machen, immer zugleich mit dem Blick auf ihre Heimatstadt. So rückte auch das „39er-Denkmal“ am Reeser Platz im Norden der NRW-Landeshauptstadt in den Fokus: Es wurde 1939 von den Nationalsozialisten errichtet, erinnert an das niederrheinische Füsilier-Regiment Nr. 39 und zeichnet sich durch einen stark militaristischen Stil mit Soldatenreliefs und zeittypischen Inschriften aus. Bis heute steht das Denkmal unverändert und ist weiterhin sehr umstritten. Mittlerweile hat der Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf beschlossen, die Auseinandersetzung mit diesem historischen Ort fortzusetzen. Die Umsetzung liegt nun in der Verantwortung der Kunstkommission Düsseldorf, die eine zeitgemäße künstlerische Bearbeitung des Reeser Platzes erarbeiten soll. Farbfiebers langjährige Praxis, politische und historische Themen öffentlich sichtbar zu machen, bietet dafür einen wichtigen Ansatzpunkt.

 Aktion der Gruppe Farbfieber gegen ein Nazi-Denkmal in Düsseldorf. Foto: Farbfieber

Reaktionen, Irritation und Kritik als Teil des künstlerischen Konzepts
Im Fall des Denkmals für Lübcke ging es in den weiteren Rezensionen oft und viel um die Auseinandersetzung mit den lebenden Angehörigen, selten um die Form der künstlerischen Darbietung. Eine Chance, die vielleicht in der weiteren Entwicklung der politischen Kunstaktionen im öffentlichen Raum dennoch wichtig ist. Denn natürlich sind Gruppen wie Farbfieber, Zentrum für politische Schönheit oder Radikale Töchter (eine Künstlerinnengruppe aus Berlin) mehr als nur eine Bewegung in der politischen Aktionskunst. Sie sind Kreative mit einem Blick auf unsere Gesellschaft und den stetigen Veränderungen. Nutzerinnen und Nutzer von ästhetischen Kunstformen und -mitteln. Ähnlich einer Medienlandschaft setzen Künstlerinnen und Künstler hier ein eigenes Statement, einen Kommentar. Denn strittige Kunst, die Diskussionen und Debatten auslöst, ist positiv und wichtig, weil sie Menschen zum Nachdenken bringt und zu gesellschaftlichen Auseinandersetzungen anregt und damit Kommunikation und Austausch fördert. Gerade in kontroversen Zeiten zeigt sich die Bedeutung der Freiheit künstlerischen Ausdrucks. Das Lübcke-Denkmal hat für zwei Jahre eine Sondernutzungsgenehmigung vom Gartenamt des Bezirksamtes Berlin-Mitte erhalten. Das erkannte zumindest die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Bündnis 90/Die Grünen), die mit der Aussage „Kunst darf politisch sein“ in der Zeitung des Tagesspiegels zitiert wird. 


Was darf Kunst denn jetzt?
Die Reaktion des Publikums ist Teil des künstlerischen Konzepts, denn die Rezeption wird selbst Teil der Kunst. Jede Provokation oder Diskussion trägt zur Wirkung der Arbeit bei. Gleichzeitig entstehen diese vielen Aktionen der Künstlerinnen und Künstler oft nicht isoliert, sondern sind eingebettet in einem gesellschaftlichen Kontext. Sie beziehen sich auf aktuelle Debatten, Missstände und politische Themen, wodurch die Kunst sowohl kritisch als auch wirksam im öffentlichen Raum ist. Kunst im öffentlichen Raum hat eine besondere Wirkung, weil sie nicht nur betrachtet, sondern erlebt wird. Street Art und politische Kunst leben davon, dass sie provozieren, stören und gesellschaftliche Debatten anstoßen. Sie überschreiten Grenzen, um Aufmerksamkeit auf Missstände oder ungelöste Probleme zu lenken und können sehr direkt politische Inhalte transportieren, etwa soziale Ungerechtigkeit oder Machtstrukturen kritisieren. Provokation gehört zur Strategie, denn nur so werden Menschen zum Nachdenken angeregt. Gleichzeitig verändert solche Kunst öffentliche Räume und regt zu Diskussionen an. Wer im öffentlichen Raum arbeitet, muss aber damit rechnen, dass nicht alles positiv aufgenommen wird. Öffentliche Kritik gehört dazu und ist Teil des Dialogs zwischen Kunst und Gesellschaft. Dadurch entfaltet politische Kunst ihre kritische und wirksame Funktion.

Christine Brinkmann

10 Tilly-Grafiken zu gewinnen!

(ho). Auch Karnevalsmotive können politische Kunst und wirksam sein. Wer wüsste das nicht besser, als der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly, dessen Großplastiken in aller Welt gezeigt werden und dem erst neulich wegen seiner andauernden Kritik an Russlands Präsidenten Putin der Prozess in Moskau gemacht wurde, dem er freilich fernblieb. Die Zeichnung „Wolf im Schafspelz“ für den Titel unseres Heftes ist ein Entwurf für einen Wagen im Jahr 2017 zum braunen Wesen der AfD. Wir verlosen 10 handsignierte Abzüge unter fiftyfifty.de.