Wie aus einem Stapel Zeitungen eine Zukunft wurde
Düsseldorf, Schadowstraße. Der graue Asphalt glänzt vom Nieselregen, die Menschen eilen mit gesenkten Köpfen an den Schaufenstern der Läden vorbei. Mittendrin steht Ionut. Er trägt eine leuchtend gelbe Weste, in seinen Händen hält er das Magazin fiftyfifty. Er sagt nicht viel, ein freundliches Nicken, ein kurzes „Danke“, wenn eine Münze in seinem Becher landet. Es ist ein Bild, das viele kennen, doch kaum jemand ahnt, dass dieser junge Mann in diesem Moment seine Familie am anderen Ende Europas finanzieren muss. Jeder Euro, den Ionut hier verdient, ist in seiner Heimat Rumänien wertvoll. In einem kleinen Roma-Dorf, weit abseits der asphaltierten Straßen, warten seine Frau und seine vier Kinder - zwei Jungen und zwei Mädchen. Für sie ist Ionut kein Zeitungsverkäufer, er ist ein Anker. Während er hier in Deutschland auf der Couch eines Verwandten schläft, kein eigenes Zimmer besitzt und seine Privatsphäre gegen Hoffnung eingetauscht hat, wird sein Verdienst in Rumänien zu Stein und Holz. Seine Frau Mira hat mit den ersten Überweisungen schon das baufällige Lehmhäuschen reparieren lassen. Früher tropfte es bei jedem Gewitter auf die Matratzen der Kinder; heute halten die Decken dicht. Auch das hölzerne Plumpsklo vor der Tür, für viele hier ein Symbol vergangener Jahrhunderte, wurde instand gesetzt. Und das Wichtigste: Es gibt Brennholz. Wer den bitterkalten Winter in den ländlichen Regionen Rumäniens nicht kennt, weiß nicht, dass Holz dort manchmal sogar über Leben und Tod entscheiden kann. Ionuts Arbeit auf der Straße ist somit die Wärme in der Stube seiner Kinder.
Arbeit und eine Wohnung
Doch Ionut wollte nie ein Pendler zwischen den Welten bleiben. Die Trennung von seiner Familie fraß ihn innerlich auf. Die Sehnsucht nach dem Lachen seiner Töchter und Söhne war oft schwerer zu ertragen als die Kälte auf der Schadowstraße. Hier kam fiftyfifty ins Spiel, für Ionut längst mehr als nur ein Zeitungsverlag. Unsere Sozialarbeiter*innen sahen Ionuts Fleiß, seine Zuverlässigkeit. Wir halfen ihm, den nächsten großen Schritt zu wagen: den Sprung auf den regulären Arbeitsmarkt. Ionut fand eine Anstellung in einem Lager. Es war körperliche Knochenarbeit, Kisten schleppen, sortieren, verladen. Doch für Ionut war es, wie er hochtrabend sagt, „der Weg in die Freiheit“. Er sparte obsessiv. Jeden Cent, den er nicht für das Nötigste brauchte, legte er beiseite. Das Ziel: eine eigene Wohnung in Deutschland, groß genug für sechs Personen. Ein fast unmögliches Unterfangen auf dem angespannten Düsseldorfer Wohnungsmarkt, erst recht für einen jungen Rom. Doch mit der Unterstützung der Organisation, die die Mietkaution als Starthilfe übernahm, öffnete sich schließlich eine Tür.
Eine Wohnung aus zweiter Hand
Der Tag, an dem Ionut den Schlüssel umdrehte, erfüllte ihn mit Stolz und Glück. In den Wochen vor der Ankunft seiner Familie wurde er zum Sammler. Er suchte in den Kleinanzeigen nach gespendeten Möbeln, hielt bei der Sperrmüllabfuhr die Augen offen. Ein ausrangierter Esstisch hier, ein gebrauchtes Etagenbett dort. Stück für Stück füllte sich die Wohnung. Was für andere wie eine zusammengewürfelte Einrichtung aussah, war für Ionut ein Hort der Sicherheit. Er baute jedes Möbelstück mit der Gewissheit auf, dass hier bald seine Kinder wohnen und schlafen würden. Dann kam der Moment am Busbahnhof. Als die Türen des Fernbusses aufgingen und seine Frau und die vier Kinder ausstiegen, gab es kein Halten mehr. Das Weinen und Lachen dieser Wiedervereinigung übertönte den Lärm der Großstadt. In diesem Augenblick war die Einsamkeit der Nächte auf der Couch und die Härte des Asphalts vergessen. Sie waren wieder eine Familie. Doch die Integration folgte keinem Film-Drehbuch, sie war harte Arbeit. Sie gelang, weil die Familie nicht allein gelassen wurde. fiftyfifty begleitete den Prozess: die Anmeldung in der Schule, der Gang zum Amt, die Aufnahme in die Familienversicherung bei der AOK. Es ging letztlich darum, aus der Armut in das Licht der sozialen Absicherung zu treten.
Wenn die Saat aufgeht
Heute, viele Jahre später, hat die Geschichte von Ionut eine Wendung genommen, die selbst die kühnsten Erwartungen übertrifft. Wer die Büros einer Hilfsorganisation in Köln besucht, trifft dort auf einen jungen Mann, der mit Akten und Gesetzestexten ebenso sicher umgeht wie mit den Menschen, die bei ihm Rat suchen. Es ist Ionuts ältester Sohn Adi. Er hat einen Dolmetscherkurs absolviert - sitzt nun auf der anderen Seite des Schreibtisches. Adi übersetzt für Menschen und Familien aus Balkan-Ländern, die heute in derselben Situation sind, in der sein Vater einst steckte. Er spricht ihre Sprache, er kennt die Roma-Kultur und die Fallstricke des deutschen Systems. Wenn er einem verzweifelten Vater erklärt, wie man einen Antrag stellt, schwingt eine tiefe Empathie mit, die man an keiner Schule lernen kann. „Ich mache das nicht nur als Job“, sagt Adi mit einem ruhigen Lächeln. „Ich gebe das zurück, was wir als Familie bekommen haben. Ich bin der Beweis dafür, dass Hilfe funktioniert, wenn man den Menschen eine echte Chance gibt.“
Die Geschichte von Ionut und seinem Sohn ist mehr als eine individuelle Erfolgsstory. Sie ist eine Ermutigung für Menschlichkeit. Sie zeigt, dass ein Stapel Zeitungen der Anfang von etwas ganz Großem sein kann: einer Zukunft, in der Herkunft nicht mehr über das Schicksal entscheidet.
Hubert Ostendorf