We are the Germans
Das Boarding müsste schon fast durch sein und die Maschine schon mehr oder weniger bald auf dem Weg Richtung Rollfeld vom Finger abdocken. In Sekundenbruchteilen musste ich entscheiden, in welcher der Warteschlangen an der Sicherheit es wohl am schnellsten gehen würde. In der ersten stände drei Kinderwägen. Vergiss es, dachte ich bei mir, das dauert ewig. In der Nebenreihe die Resterampe eines Junggesellinnenabschieds. Die vermutliche Braut mit Schärpe auf halb acht, die anderen taumelnd mit Prosecco-Fahne. Okay, das würde auch dauern. Ich entschied mich für die Schlange mit dem Rentnerehepaar, das wohl Fahrradurlaub auf Malle gemacht hatte. Die waren wenigstens nüchtern. Im Nachhinein kann ich sagen: Wäre ich lieber zu den besoffenen Mädels gegangen. Das wäre lustiger geworden, außerdem waren sie schon fertig, als ich nach gefühlten drei Stunden und tausend Blicken auf mein Handy immer noch hinter dem schwäbischen Ehepaar stand. Gemächlich packten sie ihren kleinen Koffer und ihre Handtasche in die Hartschalenbox.
Der Security-Mitarbeiter fragte gelangweilt: „Electronic Devices?“
Die ältere Frau schaute ihn mit großen Augen an: „Hä?“
Der Kontrolleur wiederholte seine Frage: „Do you have electronic Devices in your bag?“
Hilflos drehte sie sich zu ihrem Gatten um: „Peter, was will der Mann von mir?“
Die stoische Antwort: „Weiß ich jetzt au ned genau, geh eifach weiter.“
Genervt winkte der Security-Mitarbeiter sie durch, doch kaum, dass die Frau durch den Metallscanner läuft, piepst es. Ein anderer Sicherheitsmann deutet ihr mit Händen und Füßen, dass sie ihren Hut abnehmen, zurückgehen und auch diesen in eine Schale legen soll. „Peter, was isch los? Was soll ich mache?“
„Heilandzagg nochmal, Hilde! Dei Hut!“
Hilde war nun total verunsichert. Sie ging zurück, nahm den Hut ab und legte ihn in die Plastikschale. Beim nächsten Versuch, durch den Scanner zu gehen, piepste dieser erneut. Trocken zeigte der Security-Mann auf ihren Hosenbund. Langsam waren alle genervt. Die Kontrollbeamten, Peter und vor allem ich, obwohl ich andererseits langsam Mitleid mit der Frau hatte.
„Donnderlabich nochemol, dei Gürtel, Hilde“, raunzte Peter sie an.
„Ja, aber den brauch ich doch, sonscht geht mir’d Hos doch na.“
„Was kaufsch die au z’groß?“
„Aber die isch doch aussem Schlussverkauf.“
Die hinter Peter und Hilde wartenden Passagiere, an erste Stelle ich, waren nun spürbar angenervt, was auch Peter nicht verborgen blieb: „Jetzt halts se halt fescht für die paar Meter.“
Während Hilde den Gürtel in die Plastikbox legte und mit den Händen am Hosenbund und ohne weiteren Pieps durch den Scanner lief, murrte Peter in seinen Bart: „Wie kammer au so bleed sein?“
Dann war er selbst an der Reihe und natürlich hatte auch er seinen Gürtel vergessen. Es piepte mal wieder. Hilde schaute ihn ernst an, wollte gerade etwas sagen, aber Peter winkte nur ab: „Lass mich in Ruh.“
aus: Cossu: We are the Germans - Meine (fast wahre) Irrfahrt durch die Republik, Verlag riva, Taschenbuch, 208 Seiten 18 Euro
Lukas Staier alias Cossu
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Cossu
… geboren 1989 im Badischen als Lukas Staier, Mutter Deutsche, Vater, den er nie kennenlernte, Kongolese, ist eigentlich Erzieher und Lehrer. Schon früh beschäftigte er sich mit Mundart und Dialekten. Seine Videos auf TikTok und anderen Kanälen gehen viral. Sein Buch We are the Germans wurde ein Bestseller. Mit seinen Beobachtungen zum real-irren Alltagsrassismus hält er den Menschen ohne moralischen Zeigefinger den Spiegel vor. Cossu ist Standup-Comedian, Schauspieler, Musiker und durch diverse Fernsehshows bekannt, u.a. beim Kollegen Kris Tall und Verstehen Sie Spaß?.