Bernie Sanders und die getöteten Kinder in Gaza
Die Welt verurteilt die Verbrechen der Hamas. fiftyfifty hat in einer Titel-Geschichte des israelischen Autoren Ilan Sheinfield der Opfer des Anschlags am 7. Oktober 2023 gedacht: 1.182 überwiegend jüdische Todesopfer. Geiseln, die eine schlimme Zeit in Gefangenschaft verbracht haben oder sogar gestorben sind. Doch wer benennt die Verbrechen an der Bevölkerung in Gaza?
Die Namen füllen Seiten über Seiten. Mehr als 18.000 getötete Kinder. „Hier ist die Liste“, sagte der US-Senator Bernie Sanders im Senat. „Das sind die Namen von Kindern, die in der Washington Post veröffentlicht wurden und die vom israelischen Militär in Gaza getötet wurden.“ Die erschütternden Zahlen stammen aus UN-Berichten seit Kriegsbeginn. Sanders fügte hinzu: „Mehr als 12.000 dieser Kinder waren unter zwölf Jahre alt. Mehr als 3.000 Kindern wurde ein oder mehrere Gliedmaßen amputiert.“ Bernie Sanders spricht damit etwas an, was lange unausgesprochen war, was in diplomatischen Kreisen gemieden wurde wie ein Tabu: Das palästinensische Gebiet, einst Heimat von über zwei Millionen Menschen, ist nach UN-Berichten zu 92 Prozent zerstört. Durch die israelische Regierung. Durch Netanjahu. Durch ein Kriegsverbrechen.
Sanders wählt seine Worte mit Bedacht, spricht von einem „von Menschen gemachten Hunger“, einer „systematischen Vernichtung“. Dennoch harte Worte, die sich nicht viele unter der von der US-amerikanischen Regierung geführten Politik auszusprechen trauen. Der 83-Jährige aus Vermont ist der erste US-Senator, der Israels Vorgehen in Gaza öffentlich als Völkermord bezeichnete. Nicht hinter verschlossenen Türen. Nicht in vertraulichen Gesprächen. Sondern öffentlich, unmissverständlich: „Die Absicht ist klar. Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Israel begeht Völkermord in Gaza“, schreibt Sanders auf seiner Website. Seine Forderung: sofortiger Waffenstillstand.
Doch Sanders geht weiter - und nennt die Verantwortlichen beim Namen. Im Visier: die USA selbst. Denn ohne amerikanische Unterstützung, ohne die Milliarden aus Washington, ohne die Waffen aus amerikanischen Arsenalen wäre Israels Militärangriff auf die palästinensische Bevölkerung schlicht nicht durchführbar. Die Vereinigten Staaten hätten bereits mehr als 22 Milliarden Dollar an Steuergeldern in diesen Krieg gepumpt - 70 Prozent der Kriegskosten, rechnet Sanders vor. Amerikanische Steuergelder, verwendet, um „Kinder verhungern zu lassen, Schulen zu bombardieren und Zivilisten zu töten“.
Doch die USA stehen nicht allein an der Seite Netanjahus. Über 30 Prozent der Waffen Israels stammen aus Deutschland - bezahlt von den Steuergeldern deutscher Bürger*innen. Eine stille Komplizenschaft, finanziert aus den Kassen derer, die niemals gefragt wurden. Der Sprecher einer jüdischen Bewegung, die sich gegen die israelische Politik der „Besatzung und Apartheid“ einsetzt, bringt es auf den Punkt: „Der Westen ist mitschuldig an allem, was Israel getan hat.“ Immer mehr Jüd*innen distanzieren sich klar von Netanjahus Kriegsvorgehen: „Nicht in unserem Namen.“
Die Liste mit 18.000 Namen ist mehr als eine Statistik. Mehr als Zahlen in einem Bericht. Mehr als eine Schlagzeile, die morgen vergessen ist. Jeder Name steht für ein Leben, für zerbrochene Hoffnungen, für Familien in Trauer. 18.000 Kinder.
Die Weihnachtszeit soll erinnern an Maria und Josef, an eine obdachlose Familie auf der Flucht. Ihr Sohn wurde in einer Scheune geboren, dann mussten sie vor einem Herrscher fliehen, der Kinder töten ließ. In Bethlehem. In Palästina. Sanders beschreibt, was die Welt heute in Gaza sieht, was sie sehen müsste, wenn sie hinsehen würde: „Das sind abgemagerte Kinder. Ihre Körper, in einigen Fällen kaum mehr als Skelette. Meilen von Trümmern, wo einst Städte standen. Unschuldige Menschen, niedergeschossen, während sie auf Essen warten, während sie verhungern.“
Friede auf Erden - diese Weihnachtsbotschaft wirkt angesichts dieser Bilder wie Hohn. Über 80.000 getötete Zivilist*innen. Sanders: „Die Herausforderung besteht darin, zu verhindern, dass die Welt in die Barbarei abgleitet, in der schreckliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit ungestraft stattfinden können.“ Immerhin: Es gibt einen Waffenstillstand, doch der ist brüchig.
Friede auf Erden. Das ist keine leere Formel, es ist eine Forderung. Jetzt.
Noemi Pohl