Weihnachten auf der Straße
Das Kind aus dem Bauwagen
Erzählung von einer Nacht, in der Hoffnung geboren wurde
Der Wind pfeift durch die kahlen Bäume im Stadtpark. Es ist einer dieser Nächte, in denen der Regen in feinen, kalten Fäden fällt, als wolle er alles auswaschen, was übrig geblieben ist. Zwischen Büschen, kaum sichtbar für Passanten, liegen zwei Menschen in Schlafsäcken. Marya und Yusuf. Sie kommen aus Bethlehem. Einer Stadt, deren Name an Frieden erinnert – und doch im Kriegszustand ist. Vor einem Jahr sind sie geflohen, über Grenzen, über das Meer, über Lager. In Deutschland wollten sie Sicherheit finden. Doch das Asylverfahren scheiterte. Die Duldung lief ab. Seitdem sind sie Menschen ohne Papiere – unsichtbar, verletzlich, immer in Angst vor einer Kontrolle.
Marya ist im achten Monat schwanger. Ihr Bauch ist groß, ihr Schlaf unruhig. Sie isst, was Yusuf von den Containern hinter den Supermärkten holt: altes Brot, manchmal Obst. Eine Ärztin hat sie nie gesehen. „Ich habe Angst“, sagt sie leise, „aber auch Hoffnung. Dieses Kind… es ist unser neues Leben.“
Eines Abends setzen die Wehen ein. Kein Krankenhaus, keine Versicherung, keine Möglichkeit, Hilfe zu holen. Yusuf unterstützt sie, so gut er kann. Sie gehen, Schritt für Schritt, am Fluss entlang. Der Himmel hängt tief, das Wasser rauscht. Da sehen sie einen alten Bauwagen, halb versteckt hinter Sträuchern, verlassen. Die Tür ist nicht abgeschlossen.
Drinnen riecht es nach feuchtem Holz und altem Eisen. Yusuf breitet die Schlafsäcke auf dem Boden aus. Marya schreit, der Schmerz kommt in Wellen. Niemand hört sie. Nur das Rauschen des Windes draußen. Dann, nach Stunden, ist da ein Schrei. Ein anderer – heller, klarer, neu. Ein Kind. Yusuf schneidet mit seinem Taschenmesser die Nabelschnur durch. Marya hält den Jungen an sich, zitternd, erschöpft, aber lebendig. „Jeschu“, flüstert sie. „So soll er heißen.“ Durch das kleine Fenster fällt ein schwacher Schein. In der Ferne, auf einer Baustelle, geht ein Licht an – ein Bewegungsmelder, ausgelöst von irgendetwas. Für Marya und Yusuf wirkt es, als hätte jemand ein Zeichen gesetzt.
Später, in derselben Nacht, kommen drei junge Männer vorbei. Sie kommen von einer Party, lachen, reden laut – bis sie das Baby schreien hören. Sie folgen dem Laut, sehen den Bauwagen, die Frau, den Mann, das Kind. Und sie verstummen. „Wir wussten nicht, was wir tun sollten“, erzählt einer später. „Aber weggehen… das ging nicht.“ Sie rennen zu einem 24-Stunden-Supermarkt, kaufen Windeln, Brot, Saft, eine Decke. Marya versucht, Jeschu zu stillen, doch der Junge trinkt nicht. Die Männer rufen den Rettungsdienst. Im Krankenhaus bleibt das Kind eine Nacht. „Unterkühlt, aber stabil“, sagt der Arzt. Die Rechnung? Über 1.000 Euro. Eine Summe, die Marya und Yusuf nie bezahlen können.
Am nächsten Tag helfen die drei Männer erneut. Sie telefonieren, schreiben Nachrichten, bis sie schließlich einen Platz in einem Mutter-Kind-Heim finden. Die Leiterin sagt: „Wir drücken ein Auge zu. Das Baby braucht Schutz.“
Dort ziehen Marya und Yusuf ein. Ein Bett, eine Dusche, ein Dach über dem Kopf. Zum ersten Mal seit Monaten schlafen sie durch. Yusuf legt seine Hand auf den Sohn, der neben ihm liegt. Draußen rauscht der Wind. Drinnen atmet das Kind ruhig. „Vielleicht“, sagt Yusuf, „ist das der Anfang. Vielleicht dürfen wir bleiben.“ Aber über allem hängt die Angst. Die Abschiebung. Das Ende dessen, was gerade erst beginnt.
Marya streichelt über das Gesicht ihres Sohnes. „Er ist hier geboren“, sagt sie. „Vielleicht bedeutet das etwas.“ In der Ferne, hinter der Stadt, leuchtet wieder ein Licht auf – auf jener Baustelle, wo die Nacht begann.
Weihnachten auf der Straße
O-Töne von fiftyfifty-Verkäufer*innen - gesammelt von Lilly Binn (Texte & Fotos)
Ich habe am Rhein in einem Zelt Weihnachten gefeiert
Weihnachten, das ist für mich Familie, Zusammenhalt und Freundschaft. Ein Tannenbaum, ein bisschen Glaube - das gehört dazu. Als Kind hatte ich immer schöne Weihnachten. Wenn ich daran denke, wird mir warm ums Herz. Ich feiere eigentlich nur an den christlichen Festen, das war schon immer so. Ich erwarte keine Geschenke. Mir reicht es, wenn Menschen zusammenkommen, wenn man mal wieder zusammensitzt und redet. Das ist das Schönste. Meine Familie lebt leider weit weg. Zu Weihnachten bin ich dieses Jahr auf dem Pferdehof von einer Freundin eingeladen worden - darauf freu ich mich.
Als Obdachlose habe ich unten am Rhein in einer Zeltstadt gelebt. An Weihnachten haben wir da trotzdem gefeiert. Zwar ganz einfach, aber es war schön. Die Leute waren freundlicher als sonst, irgendwie weicher ums Herz. Ich bekomme manchmal von Kunden ein kleines Weihnachtsgeschenk. Das freut mich jedes Mal. Zum Beispiel kenn ich eine Frau, die selber nicht viel hat und trotzdem bringt sie mir immer etwas Kleines mit. Das rührt mich. Ich habe viele Stammkunden, und das gibt mir das Gefühl, dazuzugehören.
Die fiftyfifty-Weihnachtsfeier ist jedes Jahr etwas Besonderes. Da merkt man, dass man nicht vergessen wird. Weihnachten bleibt für mich immer etwas Gutes.
Heidi, 72 Jahre
Pino: Oft habe ich an Weihnachten fiftyfifty verkauft, vor Kirchen. Da lief es besser als sonst.
Weihnachten war ich oft allein
Weihnachten war für mich immer eine traurige Zeit. Früher saß ich an bei der Weihnachtsfeier der Diakonie, allein, ohne Familie. Ich hatte nie ein schönes Weihnachten, auch nicht als Kind. Es war einfach ein Tag wie jeder andere, nur dass die Straßen leerer waren.
Oft habe ich an Weihnachten fiftyfifty verkauft, vor Kirchen oder nach den Messen. Da lief es besser als sonst. Die Leute waren freundlicher, haben einen angelächelt oder ein paar Euro mehr gegeben. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie wollten etwas gutmachen oder einfach mal was Gutes tun. Danach bin ich oft zu Feiern gegangen. Aber es gab auch Jahre, da war ich ganz allein.
Dieses Jahr wird anders. Ich bin nicht mehr auf der Straße. Ich habe meine Partnerin. Sie wollte unbedingt einen Weihnachtsbaum, und diesmal gibt es einen. Es ist das erste Mal seit langem, dass ich mich ein bisschen auf Weihnachten freue. Ich gehe auch in die Kirche, weil ich gläubig bin. Manchmal werde ich trotzdem melancholisch, das geht wohl nie ganz weg. Aber dieses Jahr wird es ein besseres Weihnachten.
Pino, 46 Jahre
Tomasz: Durch persönliche Schicksale habe ich viel verloren.
Weihnachten bei einer Familie eingeladen
Weihnachten ist für mich schon was Besonderes. Die Leute sind dann anders, irgendwie wärmer. Wenn ich die fiftyfifty-Kalender verkaufe, merkt man, dass die Leute mit Herz dabei sind. Vor allen Dingen meine Stammkunden. Aber auch die andere sehen einen in der Weihnachtszeit mehr. Ich bin aus Polen, seit 2009 bei fiftyfifty. Davor war es schwierig. Durch persönliche Schicksale habe ich viel verloren und obwohl ich mich immer um Arbeit bemüht habe, stand ich irgendwann ohne alles da.
Ich habe meine zwei Hunde: Lumpi und Chico. Ohne die würde ich verrückt werden. Die beiden sind wie Familie für mich. An Weihnachten bin ich nie allein. Als ich noch obdachlos war, kam eine Frau vorbei und hat mit mir geredet und mir Essen und Trinken gegeben. Sie kam immer öfter vorbei und seitdem lädt sie mich an Weihnachten zu sich und ihrer Familie ein. Von ihr habe ich auch meine Hunde. Wir essen zusammen, lachen, manchmal setzen wir sogar Weihnachtsmützen auf. Das ist schön.
Weihnachten ist für mich ein Geben und Nehmen. Zusammen sein und die Menschlichkeit untereinander spüren.
Tomasz, 53 Jahre
Bonni: Ich habe das Gefühl, die Menschen waren früher an Heiligabend freundlicher, besonders zu Obdachlosen.
Weihnachten auf der Straße ist nicht wie Zuhause
Früher war alles groß an Weihnachten. Meine Cousinen und ich haben mit meiner Oma jedes Jahr ein Spiel gespielt, das war unsere kleine Tradition und auch immer besonders. Diese Erinnerungen sind schön und gerade deshalb macht es heute manchmal traurig, dass sie nur noch Erinnerungen sind. Mit den Jahren schwinden die Menschen um einen herum, und dann verliert das Fest etwas von seiner Bedeutung. Wenn in dieser Zeit noch Dinge passieren, die einen persönlich treffen, wird die eigentlich schöne Jahreszeit schwer zu ertragen. Trotzdem glaube ich, dass Weihnachten schön sein kann, wenn man zusammenhält, wenn man Familie hat oder einfach Menschen, mit denen man sich verbunden fühlt. Das ist für mich das Wichtigste. Zusammenhalt und Nähe.
Auf der Straße ist alles anders. So eben auch Weihnachten. Auch wenn es viele Hilfsangebote gibt, gehe ich selten hin, weil mich das nur noch trauriger macht. Es ist eben nicht, wie wenn man ein Zuhause hat. Ich habe das Gefühl, die Menschen waren früher an Heiligabend freundlicher, besonders zu Obdachlosen. Dieses Miteinander, das Gefühl, dass man füreinander da ist, das ist ein bisschen verloren gegangen. Und gerade in diesen Zeiten wäre das so wichtig.
Wenn ich bald eine Wohnung bekomme, will ich auf jeden Fall wieder feiern. Dann steht auch ein Tannenbaum da, das habe ich mir fest vorgenommen.
Bonni, 41 Jahre
Als ich noch obdachlos war, war Weihnachten schwer
Ich halte nichts davon, einmal im Jahr auf heilig zu machen. Weihnachten ist für mich ein Fest, das viele falsch verstehen. Da verkaufen Leute Waffen, verdienen ihr Geld mit Leid, und an Weihnachten stellen sie sich hin, tun so, als wären sie heilig. Das passt für mich nicht zusammen.
Ich bin dankbar, dass ich überhaupt noch hier bin, nach all dem, was ich hinter mir habe. Ich habe viel falsch gemacht im Leben, aber ich lebe noch. Dafür danke ich Gott. Mein Glaube ist etwas zwischen mir und ihm. Ich brauche keine Kirche, um an Gott zu glauben. Wenn ich bete, bitte ich um Verzeihung.
Seit sieben Jahren habe ich jetzt eine Wohnung von fiftyfifty über Housing First. Das ist für mich ein großes Glück. Früher, als ich noch obdachlos, war Weihnachten eine schwierige Zeit. Ich habe gehofft, dass ich genug mit den Zeitungen verdiene, um mir etwas zu essen zu kaufen. Viele Menschen sind das ganze Jahr über schlecht zu anderen und tun dann an Weihnachten so, als wären sie gute Christen. Das ist Heuchelei.
Zu Geschenken kann ich nur sagen, wenn man etwas schenkt, sollte es von Herzen kommen. Man braucht keine Berge von Geschenken. Ein oder zwei Dinge, die mit Liebe ausgesucht sind, das reicht schon. Ich erinnere mich, wie wichtig mir als Kind der Teller mit Süßigkeiten war. Das war was Besonderes.
Die Leute vergessen oft, warum es Weihnachten überhaupt gibt. Der Weihnachtsmann ist nicht nur ein Mann mit Bart und Geschenken. Für mich geht Weihnachten um Gott, um Glauben und um das Gute im Menschen.
Helmut, 69 Jahre
Helmut: Ich bin Buddhist. Im Buddhismus sagt man: Egal, was passiert, es hat einen Sinn.
In der Notunterkunft dennoch nicht traurig
Ich bin seit vielen Jahren Buddhist. Deshalb feiere ich Weihnachten vielleicht ein bisschen anders als die meisten Menschen. Viele denken an Geschenke, an Kaufen und Umtauschen. Erst wird geschenkt, dann wird getauscht. Für mich geht es da oft um die falschen Dinge. Weihnachten ist eigentlich ein christliches Fest, und trotzdem finde ich, dass es für alle etwas Schönes haben kann, wenn man es schafft, mit den Menschen zusammen zu sein, die einem wichtig sind.
Ich brauche keinen Baum und keine großen Rituale. Mir reicht es, mit meinem Sohn zusammen zu sein. Dieses Jahr wird auch seine Freundin dabei sein, und das freut mich sehr. Zu meinem Sohn habe ich viel Kontakt, das ist mir wichtig, gerade an Weihnachten.
Als Kind war Weihnachten für mich etwas Schönes. Meine Eltern haben geschmückt, es war warm, festlich. Später, als ich in Notunterkünften war, war das natürlich anders. Ich habe aber nie zugelassen, dass mich das traurig macht. Im Buddhismus sagt man: Egal, was passiert, es hat einen Sinn. Wenn du in einer schwierigen Situation bist, darfst du dich nicht hineinsteigern, sonst fällst du nur tiefer. Das hat mir geholfen.
Für mich persönlich ist Weihnachten nichts Besonderes. Aber wenn man eine Familie hat, finde ich, sollte man die Zeit nutzen, um zusammen zu sein. Besinnlich, mit oder ohne Geschenke, mit oder ohne Baum. Das Zusammensein zählt.
Helmut, 59 Jahre
Miriam: Die Straße macht es nicht immer leicht, an Weihnachten Kontakte zu halten.
Weihnachten in der neuen Wohnung
Weihnachten bedeutet für mich heute nicht mehr viel. Als Kind war das natürlich etwas Besonderes, mit Bescherung und allem Drum und Dran, aber nach dem Tod meines Vaters ist das alles in die Brüche gegangen. Danach habe ich jahrelang kein Weihnachten mehr gefeiert.
Dank fiftyfifty und Housing First habe ich endlich wieder eine eigene Wohnung. Sogar im selben Haus wie mein Freund. Im Laufe der Jahre haben sich dadurch ein paar kleine Traditionen entwickelt. Heiligabend ist zwar nicht festgelegt, aber meistens verbringen wir ihn trotzdem zusammen. Am ersten Weihnachtstag gibt es Schnitzel und im Raum steht ein kleiner Tannenbaum, den ich damals bei meinem Ein-Euro-Job selbst geschnitzt habe. Außerdem telefoniere ich kurz mit meiner Familie. Sehen kann ich sie nicht, weil alle in verschiedenen Städten leben.
Der zweite Weihnachtstag ist für mich etwas Besonderes. Da treffe ich Freunde wieder, die ich manchmal sehr lange nicht gesehen habe. Die Straße macht es eben nicht immer leicht, Kontakte zu halten. Letztendlich bedeutet Weihnachten für mich kaum noch etwas anderes, als dass Menschen zusammenkommen und ich spüre, dass ich nicht allein bin.
Miriam, 49 Jahre