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Einfach mal das Stadtbild ruinieren

Ein TikTok-Trend als Akt des Widerstands

Ausgerechnet der Kanzler, dem seit langem nachgesagt wird, der jungen Generation fern zu sein, hat jetzt ungewollt einen Trend auf TikTok ausgelöst. Auf seine Aussage, da wäre „immer im Stadtbild noch dieses Problem”; reagiert eine ganze Generation in den sozialen Medien. „Darf man so das Stadtbild ruinieren?” steht mit weißer Schrift auf einem Video, in dem eine Frau auf TikTok ihr schickes Outfit präsentiert. „Darf man so“ - das ist TikTok-Sprache. Ursprünglich wird die Formulierung in lockeren Outfit-Videos verwendet. Creator*innen, das sind Leute, die „Content“ machen, zum Beispiel Videos hochladen, zeigen ihre Looks und fragen spielerisch beispielsweise.: „Darf man so shoppen gehen?” Auf einem anderen Video sind drei Männer zu sehen, die in Zeitlupe über eine Straße laufen. Darüber die „Caption“ - also Überschrift: „Wir, auf dem Weg, das Stadtbild zu ruinieren”. Solche Videos fluten seit dem unsäglichen Ausspruch des Kanzlers zu Migrant*innen im Stadtbild die sozialen Medien. Was all diese Videos gemeinsam haben: sie sind von Menschen mit Migrationsgeschichte erstellt. Es sind einfache Beiträge, kurz und ironisch - typisch für TikTok. Doch was wie ein witziger Trend wirkt, ist eigentlich digitaler Protest. TikTok ist längst mehr als eine Plattform für Unterhaltungsvideos - es ist ein Ort, an dem Politisierung passiert, für junge Menschen die wichtigste Quelle zur Informationsbeschaffung. Hier verhandelt eine Generation gesellschaftliche Fragen nicht über Talkshows oder Wahlprogramme, sondern über kurze Videos, Humor und Ironie. Doch was genau macht diesen TikTok-Trend so besonders und warum trifft er einen Nerv?

Erstens wird TikTok zur Bühne für migrantische Menschen. Während in Bundestag und Medien häufig über sie gesprochen wird, haben sie auf Social Media die Möglichkeit, selbst zu sprechen. Durch ihre Videos zeigen sie: Wir sind hier. Wir sind sichtbar. Auf TikTok kann jede*r Videos aufnehmen und teilen. Das macht den Trend zu einem kollektiven Akt der Sichtbarkeit. So entsteht ein Gegengewicht zu Narrativen, die Vielfalt als Problem darstellen: Die Videos bilden schlicht ab, was längst Realität ist.

Zweitens: Diese Videos sind simpel, niedrigschwellig, 15 Sekunden lang. Und genau das macht sie so wirkungsvoll: Politik wird hier greifbar, visuell, teilbar. 

Drittens, und hier kommt das Entscheidende: Die Videos wirken anders als sonstiger Protest. Sie funktionieren über Humor und Ironie. Denn anders als bei sonstigen Protestformen wirken diese Clips erstaunlich unaufgeregt. Keine Wut, keine langen Erklärungen - stattdessen Gelassenheit, Witz und Selbstbewusstsein. Es ist, als würden die Creator*innen sagen: „Wir wissen, dass manche uns hier nicht haben wollen. Das ist nichts Neues, keine Überraschung. Aber wenn unsere bloße Existenz euch schon stört, dann zeigen wir sie erst recht.“ Gerade diese Haltung macht die Videos so kraftvoll; sie strahlen Stolz aus. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte drehen eine abwertende Aussage um und verwandeln sie in Selbstbehauptung. Ein Trend, besonders bei Menschen mit Migrationsgeschichte. Doch es ist mehr als ein Trend. Es ist die Antwort auf etwas, das viele Menschen verletzt hat. Denn die Aussage, auf die all das zurückgeht, war kein Scherz. Sie kam aus dem Mund des Bundeskanzlers und sie zeigt, wie Sprache Menschen ausschließen kann.

Das Problem ist nicht das Stadtbild

„Da ist noch immer dieses Problem im Stadtbild“ ist eine Formulierung, die aus mehreren Gründen gefährlich ist. Sie reduziert Menschen mit Migrationsgeschichte auf ihre sichtbare Andersartigkeit und suggeriert, dass ihre bloße Präsenz im öffentlichen Raum ein Problem darstellt. Dahinter steht die Idee, es gäbe ein „richtiges" oder „normales" Stadtbild - homogen, einheitlich, unveränderlich. Die Generation Z versteht diese Rhetorik sofort. Sie wächst mit Diskursen über Zugehörigkeit auf, erlebt im Alltag, wie schnell aus „du passt nicht ins Bild" ein „du gehörst nicht dazu" wird. Die Ironie in den Videos ist deshalb keine Bagatellisierung, sie ist ein bewusster Umgang mit einer Sprache, die ausgrenzen will. Wenn eine Creatorin ironisch schreibt, dass sie auf dem Weg ist, das Stadtbild zu ruinieren, antwortet sie mit Sichtbarkeit auf genau die Politik, die sie am liebsten unsichtbar machen möchte.

Diese Vorstellung von einem „richtigen" Stadtbild ist nicht neu. Städte, die nur bestimmten Menschen Sichtbarkeit zugestehen, sind selten das Ergebnis demokratischer Entwicklung. Überall dort, wo Uniformität zum Ideal erklärt wird, steht oft autoritäres Denken dahinter. Demokratische, lebendige Städte hingegen sind vielfältig, manchmal chaotisch. Sie sind der sichtbare Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft. Ein Stadtbild, das nach Homogenität strebt, lehnt genau diese demokratische Vielfalt ab. Wenn Menschen als „Problem im Stadtbild" bezeichnet werden, ist das kein neutraler Sprachgebrauch. Hier ein Zitat unserer ehemaligen Bundeskanzlerin: „Achten Sie auf die Sprache. Die Sprache ist die Vorstufe zum Handeln. Wenn die Sprache in die falsche Richtung geht, gehen auch die Taten schnell in die falsche Richtung." Wer Menschen sprachlich zu einem ästhetischen Problem erklärt, delegitimiert ihre Existenz im öffentlichen Raum. Und das ist per Definition Populismus. Merz reiht sich mit seiner Aussage perfekt in die rechten Erzählungen ein. In diesem Bild werden migrantisch gelesene Menschen als gefährlich und minderwertig gezeichnet. Laut einer Analyse von Correctiv erwähnen 91 Prozent der Zeitungsberichte über Gewaltkriminalität die ausländische Herkunft der Täter*innen, obwohl nur knapp ein Drittel der Gewalttaten von migrantischen Menschen begangen werden. Das ist eine massive Verzerrung der Realität. Die Strategie, die Merz damit verfolgt, ist durchschaubar: Es ist der Versuch, mit rechter Politik AfD-Wähler*innen zurückzugewinnen. Doch genau das ist ein gefährlicher Trugschluss. Rechte Politik zu machen, um den Rechtsruck zu stoppen, funktioniert nicht. Sie legitimiert und verstärkt ihn. Wer die Narrative der Rechten übernimmt, macht sie salonfähig und verschiebt den Diskurs nach rechts.

Humor als Widerstand

Durch simple Trends zeigen junge Menschen, wie es wirklich ist. Eine Creatorin mit Hijab postet: „Auf dem Weg, das Stadtbild zu ruinieren. Mit vier Abschlüssen und einem systemrelevanten Beruf." Der Satz, der Menschen mit Migrationsgeschichte abwerten sollte, wird umgedreht - zur Selbstermächtigung, zum Symbol. Humor wird zur Waffe, Sichtbarkeit zum Protest - als Akt des Widerstands. Die Creator*innen sagen: Unsere Körper, unsere Kleidung, unsere Präsenz sind nicht das Problem. Das Problem ist die Sprache, die uns zum Problem macht. 

Während ältere Generationen Politik oft abstrakt verhandeln, macht die Gen Z sie persönlich, visuell, alltagsnah. Ein Outfit wird zur politischen Aussage. Ein TikTok zur Gegenerzählung. Und genau das ist die Stärke dieser Generation: Sie wartet nicht darauf, dass man ihr zuhört, sie spricht einfach. „Darf man so das Stadtbild ruinieren?" Die Antwort unter den Videos ist eindeutig: Ja, darf man. Und man sollte. Denn das Stadtbild gehört allen, die darin leben. Auf einem weiteren Video sind Fotos migrantischer Personen zu sehen. Darüber steht: „Wir sind Stadtbild, nicht Feindbild". Genauso ist es.

Noemi Pohl