Zwischenruf: (K)eine Weihnachtsgeschichte
Es geschah aber in jenen Tagen, und sie liegen noch nicht lange zurück, dass von den Augustiner-Chorfrauen im Kloster auf Schloss Goldenstein bei Salzburg nur noch drei übrigblieben, denn die andern waren gestorben. Und es mussten Rita, Regina und Bernadette, wie es die Regeln vorschreiben, sich einer anderen Gemeinschaft anschließen. Und sie wählten die Augustiner-Chorherren vom Stift Reichersberg mit ihrem Propst Markus Grasl und ahnten nicht, welch Ungemach sie erwartete. Denn siehe, der hartherzige Propst steckte die betagten, im langen Klosterleben aber auch gestählten Nonnen gegen ihren Willen und ihrer Habe beraubt in ein Pflegeheim. Da war Heulen und Zähneklappern, und den Dreien schwante, dass aus ihrem schriftlich vereinbarten Lebensabend im Kloster nichts werden sollte. Denn siehe, der Vertrag war trügerisch – Propst Grasl hatte die Dienerinnen Gottes über den Tisch gezogen.
Da aber begab es sich noch vor dem Herbst anno domini 2025, dass Rita (81), Regina (86) und Bernadette (88) aus dem Heim verschwanden. Denn sie waren nicht allein und hatten Freundinnen und Fluchthelfer, darunter Ehemalige der Mädchenschule auf Schloss Goldenstein, wo auch schon eine mit Namen Romy Schneider die Schulbank gedrückt hatte. Und die Getreuen brachten die Chorfrauen zurück ins Kloster, wo sie an die 70 Jahre in Armut, Keuschheit und Gehorsam gedient, sich um die Erziehung und Bildung zahlloser Mädchen gekümmert und ihre ältesten Mitschwestern bis zum Tode begleitet hatten.
Die Rückkehr an den vertrauten Ort aber brachte nicht nur Freude. Denn siehe, als die inzwischen ausgetauschten Schlösser vom Schlüsseldienst geöffnet waren, bot sich ein Bild der Verwüstung – aus den Schränken gerissene Kleider, Bücher, Erinnerungen, entwendete Briefe, Dokumente, Gelder, abmontierte Toiletten und Waschbecken, der Treppenlift weg. Manche Augenzeugen sind sich sicher, dass die Szenerie einem Blick in die Seele des Ordensoberen Grasl gleichkam. Er trug auch Sorge, dass die Bankkonten der Nonnen, kaum dass sie ins Heim abgeschoben waren, gesperrt wurden, darunter das angesparte Schuldirektorinnengehalt von Regina und das der früheren Lehrerin Bernadette.
Doch es begab sich, dass alle Welt erfuhr vom argen Treiben im Salzburger Land, denn es kamen Berichterstatter von weit, selbst aus dem Land der aufgehenden Sonne und dem Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, und auch ein Dokumentarfilmer machte sich ans Werk. Rita, Regina und Bernadette aber müssen nun mangels Treppenlift zweimal täglich 62 Stufen runtersteigen, um in der Kapelle zu beten, und dann wieder rauf. Dies habt zum Zeichen, und Friede auf Erden allen Menschen guten Willens und aller Pflegestufen.
Von Olaf Kless