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„Ein Nein zur Migration ist ein Ja zum Rassismus“: Ursula Krechel © Heike Steinweg

Wir brauchen Einwanderung und wollen sie nicht - Ursula Krechel

Ein eindringlicher Essay der Georg-Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel

Auffallend viele Straßenkehrer und Lumpensammler im Paris des 19. Jahrhunderts waren Deutsche, vertrieben von Not, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit in Hessen, Baden oder woher sie sonst stammten. Mit weiteren Landsleuten, die sich als Kanalarbeiter, Tagelöhner oder Dienstmädchen durchschlugen, bildeten sie eine prekäre Community, um nicht zu sagen Parallelgesellschaft. Ihre Französischkenntnisse waren miserabel, ihre Wohnquartiere ebenfalls, und viele ihrer Kinder arbeiteten in den Schwefelholzfabriken. All das ruft 1858 den Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh auf den Plan. Er leistet Seelsorge, gründet eine Schule, macht publizistisch in Deutschland auf die Lage der armen Auswanderer aufmerksam. „Es ist ein bunter Haufen“, schreibt er über seine Schüler, „der da des Morgens (…) zu unserem Hügel hinaufgestiegen kommt, es sind Kinder (…) aus Baden, Württemberg, Bayern, Hessen, Preußen, aus deutsch Elsass und Lothringen, aber doch meist alle mit blondem Haar, so dass man doch gleich sieht, es ist eine deutsche Kinderschar.“

So weit eine der zahlreichen Episoden, die uns in Ursula Krechels Essay Vom Herzasthma des Exils begegnen und die sich vom üblichen politik- und mediengesteuerten Reden über Migration und Flucht schon dadurch wohltuend abheben, dass sie die Betroffenen genauer in den Blick nehmen. Gleichzeitig weitet sich dieser Blick über Epochen und Länder und macht offensichtlich, was viele immer noch nicht wahrhaben wollen: dass Migration keine Ausnahme ist, sondern der welthistorische Normalfall. Krechel erinnert an Goethes Novellensammlung Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, erschienen 1795, noch inmitten der Ereignisse, von denen sie handelt: der Besetzung des linksrheinischen Deutschlands durch die französische Revolutionsarmee mit all ihren Folgen. Sie erzählt vom französischen Flüchtling Adelbert von Chamisso und seinen Mühen, ganz in Deutschland und dessen Sprache anzukommen, weshalb er sich den Naturwissenschaften zuwendet, an jahrelangen Forschungsreisen teilnimmt und einen brillanten Weltumsegelungsbericht veröffentlicht.

Krechel schreibt über Marxens Flucht nach London, aus der ein bitteres lebenslängliches Exil wird. Über das 1933 gegründete armenische Fotostudio Rex in Marseille, dessen Zehntausende von hoffnungsvoll in Szene gesetzten Porträtfotos armenischer Flüchtlinge dank eines Sammlers überlebt haben. Über die dramatische Irrfahrt des Charterschiffes St. Louis 1939 mit deutschen Juden an Bord, das nicht in Kuba, nicht in der Dominikanischen Republik und nicht in Kanada anlegen durfte, von der Reederei nach Hamburg zurückbeordert wurde, wo den verzweifelten Passagieren im letzten Moment Asyl in Belgien, den Niederlanden und Frankreich zugesprochen wurde – Länder, die bekanntlich bald von der Wehrmacht überrollt wurden.

Wer würde da nicht an die heute gängigen „Pushbacks“ an Europas Außengrenzen denken? Auch Krechel tut es und spricht von einem „permanenten Rechtsbruch, der durch die EU-Kommission weitgehend sanktionsfrei gestellt wird.“ Ihr Buch, hervorgegangen aus zwei Vorträgen, schmückt sich nicht mit geschichtlichem Wissen als Selbstzweck, sondern mobilisiert es für eine kritische und empathische Sicht auf die derzeitige Migrations- und Asylpolitik. Es fragt beispielsweise, wie es den damaligen Verfolgten des Naziregimes unter der heutigen Dublin-III-Verordnung ergangen wäre. „Was hätte das sichere Drittland sein können, das sie registrieren sollte? Und wie wäre gegenwärtig ein ‚regulärer‘ Fluchtweg nach Deutschland, ohne ein sicheres Drittland zu berühren?“

Und so knöpft sich Ursula Krechel denn auch den Ungeist und die gleichzeitige Dysfunktionalität der herrschenden Flüchtlingspolitik mit ihrer „Verweigerung des winzigsten Zipfels von Selbstbestimmung“ vor, zerpflückt die Website des Ministeriums des Innern oder das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, und spätestens wenn sie die einschlägigen bürokratischen Wortschöpfungen aufmarschieren lässt, erfasst einen das Grauen: Duldung, Kettenduldung, Vollziehen aufenthaltsbeendender Maßnahmen, Zustrombegrenzungsgesetz, Rückführungsoffensive, Ausreisegewahrsam und so weiter. Glücklicherweise hat es die Autorin nicht versäumt, auch an ein positives Beispiel zu erinnern: die großzügige und erfolgreiche Aufnahme von 38.000 vietnamesischen Bootsflüchtlingen. „Es geht doch!, möchte man von heute aus rückschauend sagen“, so Krechel.

Sie, die erst Anfang des Jahres ihren neuen, viel bewunderten Roman Sehr geehrte Frau Ministerin vorgelegt hat, wird nach vielen Auszeichnungen – auch der Düsseldorfer Literaturpreis ist darunter – am 1. November in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis entgegennehmen. Der Namensgeber, noch so ein Flüchtling, wäre sicher einverstanden.

Olaf Cless

Ursula Krechel: Vom Herzasthma des Exils, Klett-Cotta 2025, 171 Seiten, 18 Euro