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Für Obdachlose ist der Schlaf nicht selbstverständlich, ein Luxus.

Wovon Obdachlose träumen - Auf den Straßen im Land der Träume

Für Obdachlose ist der Schlaf nicht selbstverständlich, ein Luxus.

Wenn die Stadt schläft, beginnt für die meisten Menschen die Zeit in einer anderen Welt. Die Augen fallen zu, der Körper entspannt sich, und irgendwo zwischen Bewusstsein und Unbewusstem öffnet sich ein Raum, in dem alles möglich scheint. Manche fliegen, andere treffen längst verlorene Menschen wieder, erleben Abenteuer oder verarbeiten den Tag. Träume sind so selbstverständlich wie das Atmen – ein nächtliches Geschenk, das uns allen gehört. Doch was, wenn die Nacht kein Ort der Ruhe ist sondern der Anspannung? Wenn Schlaf zum Luxus wird, den man sich nicht leisten kann? Wovon träumen dann Menschen ohne Zuhause?

„Du bist so witzig, also ich lache dich jetzt nicht aus, aber: Wir träumen nicht. Wir müssen aufpassen.", antwortet Rudi (Name geändert) ohne zu zögern und spricht damit aus, was viele auf der Straße erleben. Seine Worte sind scharf, fast vorwurfsvoll. Doch sie ergeben Sinn: Rudi pendelt zwischen Hamburg und Düsseldorf, ist seit 2013 obdachlos. Er schläft unter Brücken, wo der Lärm nie aufhört, wo man ständig aufwacht. Erst im REM-Schlaf, der Rapid-Eye-Movement-Phase, träumt der Mensch intensiv. Dafür muss das Gehirn mehrere Schlafzyklen durchlaufen - etwas, das auf der Straße kaum möglich ist. Träume entstehen, wenn das Gehirn Erlebtes verarbeitet, Erinnerungen und Emotionen sortiert. „Der Schlaf ist nie so tief, dass man träumt", berichtet Rudi. Sein Leben draußen war und ist brutal: fünf gebrochene Rippen, „wegen fünf Euro“, gestohlene Schuhe, geklauter Rucksack, kein Schlafsack mehr. „Wir sind immer wachsam.“ Schäfchen zählen hilft da nicht, lacht er.

Das Gehirn registriert Gefahr und blockiert den Tiefschlaf - ein evolutionärer Schutzmechanismus. Unter Brücken, in Parks, überall dort, wo man „aus dem Schlaf getreten und geschlagen" wird, so Rudi, kann der Körper die regenerativen Tiefschlafphasen gar nicht erst erreichen. „Wenn ich mal träume, dann sind es meistens Alpträume“, sagt Rudi - verursacht durch andere Menschen. Die Nacht auf der Straße ist hart, brutal, einsam, unsicher. Wer sich nicht sicher fühlt, kann nicht träumen.

Rudi ist seit seinem 13. Lebensjahr alkohol- und drogenabhängig. Erst Bier, dann Cannabis, Speed, Koks. „Ich trinke, um meine Kindheit und alles, was ich erlebt habe, zu vergessen. Und das kostet Kraft.“ Alkohol mag zunächst müde machen, doch er fragmentiert den Schlaf, unterdrückt den REM-Schlaf und damit die Träume. „Aufgrund meiner Kindheit meide ich Menschen, ich bin Einzelgänger und habe eine Phobie gegen Menschen“, sagt Rudi leise. Mittlerweile kann er darüber sprechen. Früher war die Scham zu groß. Theoretisch könnte Rudi in Notunterkünften schlafen, doch wegen seiner Sozialphobie kommt das nicht infrage. Viele Unterkünfte sind überfüllt, in den meisten Großstädten gibt es zu wenige. „Dort schläft man mit zwanzig Leuten in einem Raum. Du hast da keine Ruhe." Also bleibt Rudi in der Altstadt. Daran ist er mittlerweile gut gewöhnt. Aber träumen? Nein. „Auf der Straße träumt man nicht. Zumindest nicht nachts.“ Beim Tagträumen arbeitet das Gehirn anders: Es schweift ab, verknüpft Erinnerungen, entwirft Zukunftsbilder – ein kreativer Prozess der Verarbeitung. Rudi träumt tagsüber von Geld für eine Europareise. Kein Haus, keine Wohnung – „scheiß drauf, krieg ich eh nicht gebacken", lacht er. Aber die Freiheit, durch fremde Länder zu reisen, das ist sein großer Traum. 

 Sarah und Taifun sind ein Paar. Sie schlafen in einer Notunterkunft – besser als unter Brücken, aber schlechter als in einem eigenen Zuhause. Foto: Noemi Pohl

Beim Träumen setzt sich das Gehirn mit unterbewussten Ängsten, aber auch, und das kennt auch Marcello, mit Wünschen auseinander. Er kommt aus Rumänien, ist seit über 14 Jahren obdachlos und kommt meistens bei Familie oder Freunden unter - schläft nur selten auf der Straße. Tagsüber verkauft er fiftyfifty vor einem Rewe. Marcello ist im Sternzeichen ein Fisch. „Fische träumen sehr viel“, erzählt er grinsend. Marcello träumt nachts von seiner Familie in Rumänien, die er nie sieht, weil kein Geld für die Reise da ist. Wenn er nicht auf der Straße schläft, träumt er gute Träume, nachts und auch tagsüber. Der Traum, irgendwann zurückzukehren, seine Familie in den Arm zu schließen, ist immer da. Ob das realistisch ist, weiß er nicht. Vorher wünscht er sich Glück und eine Arbeit. Wer nicht direkt auf der Straße schläft, wer ein Dach über dem Kopf hat, auch wenn es nur die Couch eines Freundes ist, schläft tiefer. Und träumt leichter. 

Zwischen Rudis Brücke und Marcellos Freundescouch liegt die Notunterkunft. Hier schlafen Sarah und Taifun. Die beiden sind ein Pärchen, haben sogar zwei Kinder, die sie seit über einem Jahr nicht gesehen haben. Nachdem sie ihre Wohnung verloren haben, haben sie ein paar Nächte im Hotel geschlafen, danach direkt in der Unterkunft. „Wir haben wirklich großes Glück, dass wir direkt nach ein paar Nächten ein Pärchenzimmer bekommen haben. So haben wir wenigstens etwas unsere Ruhe“, sagt Sarah und schaut Taifun an, der nickend zustimmt. „Ich nehme momentan Anti-Depressiva, die auch gleichzeitig als Schlaftabletten wirken", erzählt Sarah mit ruhiger Stimme. „Ohne die könnte ich mir einfach keinen Schlaf vorstellen, weil ich mit sehr vielen Ängsten zu kämpfen habe." Eine Tagesklinik hat ihr geholfen, endlich Medikamente zu bekommen. 14 Jahre lang hat sie gekifft, seit drei Monaten ist sie clean. „Und das hilft mir auch so ein bisschen, hier so durchzuhalten, weil das auch hier emotional sehr schwierig ist." Taifun schläft leichter, er beschreibt sich als „Arbeitsmensch“ - ein paar Stunden Schlaf reichen ihm. Aber beide wissen: Man schläft schlechter, immer mit einem Ohr wach, weil man nicht weiß, ob jemand vielleicht ins Zimmer kommt. „Es wird oft von Diebstählen erzählt“, so Taifun, dessen Körper in der Notunterkunft immer im Leichtschlaf steckenbleibt, nie durchläuft er die regenerativen Tiefschlafphasen. Ob er sich sicherer fühlt als Rudi? „Fifty-fifty. Die Betreuer sind unten, aber was oben passiert, kriegt keiner mit.", sagt Taifun. Bis jetzt ist nichts passiert, aber die Unsicherheit bleibt. In einer Notunterkunft schläft man anders als auf der Straße – besser als unter Brücken, aber schlechter als in einem eigenen Zuhause. Doch Sarah träumt wieder. Seit sie mit dem Kiffen aufgehört hat, „definitiv“. Cannabis unterdrückt ebenfalls den REM-Schlaf – beim Entzug kehren die Träume mit voller Wucht zurück. „Meistens träume ich dann von unserer Hochzeit, die bald ansteht. Wir wollen demnächst heiraten, wollen unsere Liebe und dass wir das hier alles zusammen durchstehen besiegeln." Sarah träumt davon, zu Taifuns Eltern in die Türkei zu fliegen, um sich zu erholen von der Klinik. Es sind „nur“ Träume, und doch scheinen sie so realistisch: Sarah träumt nachts vom Beruf, sieht sich im Büro arbeiten, in ihrem Outfit, wie sie da sitzt und irgendwas am Computer tippt. Sie träumt davon, ihre Kinder wieder in die Arme zu schließen, deren Haare zu riechen und die Wärme zu spüren. Aber auf jede Nacht folgt der Tag und auf jeden Traum die Realität. „Wenn ich aufwache, bedrückt mich das oft", sagt Sarah. Denn, zumindest noch, sind es nur Träume. 
Und Träumen ist wichtig, beim Träumen ist der Kopf kreativ. Träume schenken Zuversicht und verändern den Blick auf die Realität „Der Mensch verarbeitet das, was er am Tag erlebt hat", sagt Sarah über ihre Träume. Sie träumt viel von der negativen Vergangenheit, aber ein großer Teil ihrer Träume malt die Zukunft schon in positiven Bildern. Auch Taifun träumt von der Zukunft. „Wenn man zu viel in der Vergangenheit rumwühlt, bringt das gar nichts. Man muss nach vorne blicken, sonst dreht man sich im Kreis", meint er. Beide freuen sich auf ihr eigenes Bett.

Es ist paradox: Obdachlose träumen nicht – und doch träumen sie ununterbrochen. Rudi träumt nicht im Schlaf, weil der Schlaf zu oberflächlich ist, zu gefährlich, zu fragmentiert. Aber er träumt am Tag - von Freiheit, von Reisen. Marcello träumt von Familie, von Rumänien. Sarah und Taifun träumen von ihren Kindern, von einer Wohnung, von Stabilität. Die Straße lehrt Wachsamkeit, nicht Träumerei. Und doch bleibt die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Ruhe, nach einem Schlaf, der tief genug ist, um zu träumen. Vielleicht ist das der Traum, der allen bleibt.

Noemi Pohl