Margaret Thatcher - Idol und Hassfigur der Briten
Sie spaltet die Briten bis heute. Für die einen ist die erste weibliche Premierministerin des Vereinigten Königreichs Idol als effiziente Überzeugungspolitikerin, die den wirtschaftlichen Niedergang ihres Landes entschlossen umkehrte, für die anderen bleibt sie eine Hassfigur als Vertreterin eines „herzlosen Neoliberalismus“.
„There is no such thing as society”, war sie überzeugt. So etwas wie Gesellschaft gebe es nicht, nur Individuen, die für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, es mit harter Arbeit, Sparsamkeit, Wettbewerb, Disziplin und Aufstiegswillen eigenverantwortlich gestalten und den Sozialstaat damit weitgehend überflüssig machen. Mitleid mit Schwächeren war ihre Sache nicht. Auf Dauer setze sich das Glück des Tüchtigen gegen die Gnade einer privilegierten Geburt durch. Als Beleg dafür konnte sie auf ihren eigenen märchenhaften Aufstieg verweisen. Am 13. Oktober 1925 als Tochter eines Kolonialwarenhändlers zur Welt gekommen, wurde die „Krämerstochter“, wie man sie im elitären, von Männern dominierten politischen London abfällig bezeichnete, 1979 zur ersten weiblichen Regierungschefin ihres Landes gewählt. Das Amt tritt sie mit einem „Gefühl des Auserwähltseins“ an, wie sie in ihren Memoiren schreibt.
Als Thatcher die Regierungsgeschäfte übernahm, galt die einst mächtige Industrie- und Handelsnation Großbritannien als „kranker Mann Europas“ und befand sich in einer tiefen Wirtschaftskrise. Von der vorangegangenen Labour-Regierung erbte Thatcher 1,5 Millionen Arbeitslose, 29 Prozent Inflation, marode Staatsbetriebe, hohe Sozialausgaben und mächtige Gewerkschaften, die mit Massenstreiks immer wieder das öffentliche Leben lahmlegten. Thatcher trat mit radikalen neoliberalen Konzepten an, die kränkelnde Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen, den Sozialismus zu bekämpfen und mit „radikalem Konservatismus eine totale politische Wende“ durchzusetzen. Ihr Reformprogramm glich einer Schocktherapie. Sie setzte auf die Selbstheilungskräfte des Marktes und krempelt die Wirtschaft mit einer weitgehenden Privatisierungspolitik um. Sie streicht rigoros Subventionen, reduziert Sozialleistungen, verkauft die staatlichen Sozialwohnungen, bekämpft mit geballter Staatsmacht die mächtigen Gewerkschaften, die sie als maßgeblichen Auslöser der wirtschaftlichen Probleme betrachtet, beschränkt das Streikrecht und privatisiert die großen Industrien und Verkehrsunternehmen. Eine Politik, die je nach Standpunkt, als konsequent oder rücksichtslos empfunden wird. Thatchers Markenzeichen: sie ließ sich auch von starken Widerständen nicht von ihrem Kurs abbringen. Der Erfolg scheint ihr recht zu geben. Nach anfänglichen Rückschlägen - das Streichen von Subventionen führte zum Sterben ganzer Industriezweige und einem vorübergehend drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit – begann 1981 eine wirtschaftliche Erholung und der Lebensstandard breiter Schichten stieg, so dass man ab Mitte der 1980er Jahre von einem „britischen Wirtschaftswunder“ spricht. Thatchers teilweise rüder Politikstil, ihre Wirtschaftsliberalität sowie ihr hartes Vorgehen im Falklandkrieg 1982, als sie die Falkland-Inseln erfolgreich gegen eine argentinische Invasion verteidigte, brachten ihr den Titel „Eiserne Lady“ ein, eine Bezeichnung, die sie als Ehrentitel empfand.
Nach 15 Jahren als Parteiführerin und elf Jahren als Premierministerin erklärte Thatcher am 23. November 1990 ihren Rücktritt. 1992 wurde sie von Königin Elisabeth II. zur „Baroness Thatcher“ geadelt und erhielt damit einen Sitz im britischen Oberhaus. Dort blieb sie aktiv, bis sie sich in den 2000er Jahren aus der Politik zurückzog. Als sie 2013 verstarb, wurde sie international als eine der bedeutendsten politischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gewürdigt und mit einer Trauerfeier in Anwesenheit der Königin geehrt. Die Tories stellen die umstrittene Politikerin heute auf eine Stufe mit den Größten ihrer Partei. Winston Churchill habe Großbritannien vor dem Faschismus gerettet, Margaret Thatcher vor dem Sozialismus.
Hans Peter Heinrich