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Hypnos, Gott des Schlafes und Bruder des Thanatos, des Todes.

Die Macht der Nacht - Mysterium Traum

Die Wachen haben alle eine einzige gemeinsame Welt, im Schlaf wendet sich jeder der eigenen zu“ (Heraklit). Während am Tag die Ordnung der Vernunft herrscht, regiert in der Nacht die Anarchie des Traums. Der Traum begleitet Literatur, Kunst und Philosophie seit der Antike bis in unsere Tage als produktiver Impuls, sich auf die Suche nach der geheimen Sprache der Seele zu begeben.

 

Der chinesische Dichter, Philosoph und Meister des Zen-Buddhismus Dschuang Dschou notierte im 4. Jahrhundert v. Chr. seinen berühmten „Schmetterlingstraum“: „Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“ Rund 2.000 Jahre später meldet sein französischer Philosophenkollege René Descartes ähnliche Zweifel an: “Wenn man in Betracht zieht, dass die gleichen Gedanken, die wir im Wachzustand haben, uns auch im Schlafe kommen können, ohne dass darum ein einziger davon wahr zu sein braucht, so ziehe ich vor, mich auf den Standpunkt zu stellen, dass alle Dinge, die mir jemals in den Sinn kamen, um nichts wirklicher sind als die Illusionen meiner Träume.“ Wo sind wir eigentlich, wenn wir schlafen? Wer oder was träumt da in uns? Wo liegt die Grenze zwischen Traum und Realität? Noch für Adorno war das ein Rätsel. In seinen Minima Moralia schreibt er: „Zwischen 'es träumte mir' und 'ich träumte' liegen Weltalter. So wenig Geister den Traum senden, so wenig ist es das Ich, das träumt.“

 

Traum, Literatur und Kunst gehören uranfänglich zusammen. In der griechischen Mythologie ist eine eigene Göttersippe für Schlaf und Traum zuständig: „Wenn Nyx, die Göttin der Nacht, die Welt in Dunkelheit hüllt, führt ihr Sohn Hypnos, der Gott des Schlafes und Zwillingsbruder des Todesgottes Thanatos, die Menschen in sein Reich. Dort warten bereits seine Kinder, die Oneiroi, Gottheiten des Traumes. Allen voran Morpheus, ein Verwandlungskünstler, der in immer neuen Gestalten durch die Träume irrlichtert, sowie Phobetor, der Albträume bringt.“ In der Antike galt der Traum als Vorbote der Zukunft, als göttliche Offenbarung mit prophetischer Kraft. Ein Beispiel ist Penelopes Gänsetraum in Homers Odyssee, der ihr die Rückkehr ihres Gatten Odysseus nach seiner Teilnahme am Trojanischen Krieg und anschließender zehnjähriger Irrfahrt vorhersagt. Nachdem Penelope ihren Traum erzählt hat, stellt sie noch einige kritische, bis heute immer wieder zitierte Überlegungen zur Doppelnatur von Träumen an: „Nicht alle Träume verkünden der Menschen künftiges Schicksal. Denn es sind, wie man sagt, zwei Pforten der Träume: Eine von Elfenbein, die andre von Horne gebaut. Welche nun aus der Pforte von Elfenbeine herausgehen, diese täuschen den Geist durch lügenhafte Verkündung; andere, die aus der Pforte von glattem Horne hervorgehen, deuten Wirklichkeit an, wenn sie den Menschen erscheinen.“

 

Im Traum meldet sich eine numinose Macht zu Wort. Die Traumzeichen sind dunkel und in höchstem Maß auslegungsbedürftig. Die Frage, ob Träume „etwas bedeuten“, ist so gesehen eher nebensächlich, denn nicht die Träume entscheiden über das Schicksal des Menschen, sondern ihre Auslegung. Traumdeuter waren deshalb seit jeher gefragte Leute. Träume richtig zu deuten, konnte eine Frage von Leben und Tod sein. Erinnern wir uns beispielsweise an die beiden Träume des Pharao im Alten Testament. Josefs Deutung verhindert eine Hungersnot in Ägypten. Der Pharao dankt seinem Sklaven mit den Worten: „Weil Gott dich all das hat wissen lassen, ist niemand so klug und weise wie du. Du selbst sollst mein Stellvertreter sein, und mein ganzes Volk soll deine Anordnungen befolgen. Nur ich als der König stehe noch über dir. Hiermit ernenne ich dich zu meinem Stellvertreter in Ägypten.“

 

Mittelalterliche Theologen hielten Träume für Teufelswerk und verboten früh schon das berufsmäßige Ausüben der Traumdeuterei. Der Prophet Jeremias wettert im Alten Testament: „Ich höre es wohl, was die Propheten predigen und falsch weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die falsch weissagen und ihres Herzens Trügerei weissagen und wollen, dass mein Volk meines Namens vergesse über ihren Träumen, die einer dem anderen erzählt.“ Der für die mittelalterliche Auffassung so maßgebliche Papst Gregor der Große war der festen Überzeugung, dass himmlische Eingebungen lediglich auserwählten Menschen vorbehalten wären. Nur einer privilegierten Elite, Königen und Herrschern, traute die Kirche zu, „wahre“ von „falschen“ Träumen unterscheiden zu können.

Am Beginn der Neuzeit steht ein Albtraum, geträumt von Albrecht Dürer in der Nacht vom 7. Juni 1525: "Im schlaff hab ich dis gesicht gesehen wy fill großer wassern vom himell fillen. Und das erst traf das erdreich ungefer 4 meill fon mir mit einer solchen grausamkeit mit einem übergrossen rauschn und zersprützn und ertrenckett das ganz lant. Aber do ich am morgn auff stund molet ich hy oben wy ichs gesehen hett. Got wende alle ding zu besten.“ Niemals zuvor hatte ein Maler seinen höchst eigenen Traum in Kunst verwandelt. Dürer selbst enthält sich jeglicher Deutung. Mit seinem Aquarell Die Vision etablierte er den Traum als festes Motiv in der Kunstgeschichte der Folgezeit.

Das Wort „Traum“ geht auf die indogermanische Wurzel „d'hreug“ zurück, was so viel wie „täuschen, irreführen“ bedeutet. Der Traum ein Trugbild? Keineswegs, meinen viele Dichter und Künstler. Erst der Traum gewähre den Zugang zum wahren Kern der Dinge. Shakespeare etwa reflektiert in seinem Sonett Nr. 43 über das Paradox, dass er im Schlaf mit geschlossenen Augen seine Geliebte besser sieht als bei Tageslicht: „Klar seh' ich erst, wenn sich mein Auge schließt, / Das auf des Tages Bilder gern verzichtet, / Doch wenn in Träumen es dein Bild genießt, / Dann ist es hell in Finsternis gerichtet.“ In der Romantik werden die Grenzen zwischen Traum und Dichtung endgültig eingerissen. Jean Paul, bereits zu Lebzeiten „Meister der Traumwelt“ genannt, postulierte, das Dichten folge keinem Regelwerk, sondern sei dem Traum abgeschaut und abgehört. der Traum sei der „ächte Dichter“. Der Traum als poetisches Modell wird in der Romantik dann auf bravouröse Weise verwirklicht. In den Texten von Novalis, Tieck, Brentano und Kleist ist der Traum allgegenwärtig, als Inhalt, Programm und erzählerische Technik. Friedrich Nietzsche betont in seiner Geburt der Tragödie (1872), der Traum sei geradezu „Voraussetzung aller bildender Kunst, ja auch einer wichtigen Hälfte der Poesie“. Die positive Neubewertung des Träumens ebnete der Anerkennung seiner ästhetischen Qualitäten von der Romantik bis in die Moderne den Weg. Offensichtlich im wahren Sinne des Wortes ist die Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Traum bei den Traumgemälden der Surrealisten: Dalí, Magritte, Max Ernst, Mirò, Paul Klee und andere vermitteln in ihren Gemälden den Traum als eine Erfahrung auf halbem Weg zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

 Albrecht Dürers “Traumgesicht” mit der Beschreibung, welche Gefühle es in ihm ausgelöst hat. Aquarell, 1525.

Galt der Traum in früheren Zeiten bald als Prophetie, als göttliche Botschaft, bald als Lügengespinst oder diabolische Vorspiegelung, so vollzog sich 1899 mit dem Erscheinen der Traumdeutung von Sigmund Freud quasi eine kopernikanische Wende, was das Verständnis zur Funktion von Träumen anbetrifft, Für Freud hatten Träume stets eine Bedeutung. In seinem Werk, das zu den meistgelesenen und einflussreichsten Büchern des 20. Jh. zählt, betrachtet Freud den Traum als den „Wächter oder Hüter“ des Schlafes, in dem sich verdrängte Wünsche manifestierten, die durch die Trauminhalte in entstellter Form als erfüllt dargestellt würden. Der Traum ist Freud zufolge der Königsweg zum Unbewussten. Im Kern sei er Wunscherfüllung, wie er konstatiert: „Er ist ein vollgültiges psychisches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung.“ In der intellektuellen Welt seiner Zeit löste Freuds Jahrhundertwerk quasi einen Tsunami aus. Wortmächtige Bewunderer wie Thomas Mann, Hermann Hesse, Franz Kafka, Alfred Döblin oder Arnold Zweig priesen ihn als „Ritter mit erzenem Blick“, der sich „furchtlos in die finstersten Seelenabgründe hinabgewagt“ habe, wie Thomas Mann urteilte. Bei vielen Zeitgenossen waren Freuds Thesen jedoch nicht weniger umstritten als heute. Besonders in der Kritik stand Freuds Fokus auf verdrängte sexuelle Bedürfnisse als Ursache von Traumsujets. Bestimmte Träume, so meinte er, hätten für alle eine eindeutige Bedeutung: Schirme, Messer, Kerzen oder Krawatten stünden immer für den Penis; Dosen, Höhlen oder Schiffe verschleierten, dass es im Traum gerade um weibliche Genitalien gehe. Zimmer stünden meist für „Frauenzimmer“ und wer im Traum Treppen steigt, träume in Wirklichkeit von Sex.

 Caspar David Friedrich, Der Träumer, Öl auf Leinwand, etwa 1835.

Wie die Fiktion, so bildet der Traum die Wirklichkeit nicht ab, sondern er inszeniert sie. Die poetische Repräsentationsweise des Traums fasst Peter André Alt in seinem Standardwerk über Literatur und Traum, dem auch dieser Beitrag viel verdankt, in folgende Worte: Es sind die narrativen Formen, die dem Vermögen des Traums, die Grenzen der Realität zu sprengen, am stärksten entsprechen...Wie der Traum führen sie ihre Helden in die Bezirke der Dämmerung, des Schattens und Scheins, wo die Pfade der Vernunft im Unwegsamen enden. Hier tut sich ein ‚Augiasstall‘ der Triebe auf, in dem sich verbotene Gestalten tummeln, aber zugleich eine heitere Landschaft der Engel und Lichtwesen.“ Wie eng die Sprache der Literatur und die Bildersprache bzw. Dramaturgie des Traums miteinander verwoben sind hat Robert Walser in seinem Essay Das Theater, ein Traum beschrieben: „Oh, wie der Traum göttlich schauspielert! Er gibt vom Entsetzlichen das unanfechtbar reine Bild wie vom Süßen, Beklemmenden, Wehmutvollen oder Erinnerungsbangen. Zu den Empfindungen, Personen und Tönen malt er sofort Schauplätze, zu dem süßen Geplauder einer edlen Frau deren Gesicht, zu den Schlangen die seltsamen Kräuter, worunter sie grauenhaft hervorkriechen, zu dem Geschrei von Ertrinkenden die schwermutvolle abendliche Fluß- und Uferlandschaft, zum Lächeln den Mund, der es ausdrückt. So wirkt auch das Theater mit seinen Gestalten, Worten, Lauten, Geräuschen und Farben. Das ist das Traumhafte, das wahre Unwahre, das Ergreifende und zu guter Letzt das Schöne.“

 „Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer“. Grafik von Francisco de Goya, 1799.

Die Traumbegeisterung der Romantik hat gleichsam den Grundstein gelegt für alle modernen Perspektiven auf den Traum. Es ist der Traum, die Macht der Nacht, woraus die Stoffe der Literatur sind, so die Überzeugung vieler Literaten, wie z. B. auch die des Dramatikers Heiner Müller: „Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, dass er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen.“ Vielleicht hat Heiner Müller aus diesem Grund schon als Jugendlicher seine Träume notiert und ein umfangreiches Konvolut mit Traumnotizen hinterlassen; vieles davon verarbeitete er in seinen Bühnenwerken. Ob in den Tagebüchern Thomas Manns, Ernst Jüngers oder Walter Benjamins: Viele Dichter und Denker notierten sich die nächtlichen Abenteuer, die Panik, die Todesangst, das Absurde, den Ekel ebenso wie die allzu kurzen geträumten Glückseligkeiten. Lebenslang trieben auch Adorno seine Träume um. Über mehr als 30 Jahre hinweg bis zu seinem Tod im Jahr 1969 protokollierte er minutiös hunderte seiner Träume, meist unmittelbar nach dem Erwachen. Der nüchterne Philosoph und Analytiker genoss es offensichtlich geradezu, sich Aufzeichnungen zu gönnen, die der Logik und der Stringenz reflektierender Darstellung ausdrücklich nicht verpflichtet waren.

 

 „Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen“. Salvador Dali, 1944.

Seit ihren Anfängen verknüpfen Literatur und Kunst den Traum mit dem Tod. Wie schon erwähnt, galt ja bereits in der griechischen Antike der Schlafgott Hypnos als Bruder des Todesgottes Thanatos. Novalis beispielsweise äußert in seinen Hymnen an die Nacht eine Form von Todessehnsucht im Wunsch, eins mit der Natur zu werden. Einmal in den „Wohnsitz der Nacht hinübergeschaut“, möchte man nicht mehr zurückkehren in das Treiben der Welt: „Nun weiß ich, wenn der letzte Morgen sein wird – wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht – wenn der Schlummer ewig und nur ein unerschöpflicher Traum sein wird. Himmlische Müdigkeit fühl ich in mir. Wer oben stand auf dem Grenzgebirge der Welt und hinübersah in der Nacht Wohnsitz – wahrlich, der kehrt nicht in das Treiben der Welt zurück, in das Land, wo das Licht in ewiger Unruh hauset. Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens, ein erstorbenes Fühlen, ein blassgraues, schwaches Leben.“

Ähnlich träumte Sylvia Plath eigenen Angaben zufolge mehrfach den „Traum aller Träume“ von einem See, in dem die Träume der Menschheit zusammenfließen und aus dem man nicht mehr in das „Treiben der Welt“ zurückkehren muss. In ihrer Erzählsammlung Die Bibel der Träume heißt es: „In diesem Traum gibt es einen großen, halb durchsichtigen See, der sich weit überallhin ausdehnt, zu groß, um seine Ufer sehen zu können. Ich hänge darüber und sehe hinunter. Auf dem Grund des Sees – der so tief ist, daß ich sich bewegende und hebende schwarzen Massen nur vermuten kann. Diejenigen, die es schon gab, bevor die Menschen begannen, in Höhlen zu leben und Fleisch über dem Feuer zu braten, und das Rad und das Alphabet erfanden. Träumt man zu lange von ihnen und sieht zu genau hin, werden einem Füße und Hände welk. Die Sonne schrumpft auf die Größe einer Orange. Kein Raum für dich, aber ein Raum, so weich gepolstert wie der erste Raum deiner Erinnerung, wo du träumen und schweben kannst, schweben und träumen, bis du schließlich wieder unter die großen Urwesen zurückgekehrt bist und das Träumen überflüssig ist.“

 Zeichnung eines von Geburt an Blinden, veröffentlicht 2003 in der Fachzeitschrift Cognitive Brain Research

Nachts schleicht er sich in den Schlaf, mal stärker, mal schwächer, aber immer wieder, ein Leben lang. Zuweilen gewährt uns der Traum dann auch Dinge, die uns in der Realität versagt bleiben. Clemens Brentano hat dazu in sein Märchen Gockel, Hinkel und Gackeleia ein Gedicht eingefügt, in dem es heißt: „Wenn der lahme Weber träumt, er webe,/ Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,/ Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,/ Daß das Herz des Widerhalls zerspringe, /Träumt das blinde Huhn, es zähl' die Kerne,/ Und der drei je zählte kaum, die Sterne,/Träumt das starre Erz, gar linde tau' es, / ,Und das Eisenherz, ein Kind vertrau' es.“ Es sind lauter „Mängelwesen“, die im Traum ihre Beeinträchtigungen überwinden können: Der lahme Weber webt, die stumme Nachtigall singt, das blinde Huhn sieht. In verblüffender Weise kann die moderne Traumforschung Brentanos Aussagen bestätigen. Seit ca. 20 Jahren gehen Forscher in Schlaflaboren der Frage nach, was eigentlich Menschen träumen, die von Geburt an nicht hören, nicht laufen oder nicht sehen können. Die Ergebnisse sind ebenso überraschend wie wunderbar: In ihren Träumen können viele Taubstumme sprechen, Gelähmte tanzen und blinde Menschen sehen. So berichtete eine von Geburt an gehörlose Probandin, sie habe von einem Chor geträumt, in dem sie aus Leibeskräften mitsang. Eine von Geburt an gelähmte junge Frau träumte davon, getanzt zu haben, wie sie in Ballettschuhen an einer Stange Pirouetten ausführte und war überaus glücklich über die neu gewonnene Fähigkeit. Ein Forschungsteam um den portugiesischen Biophysiker Helder Bértolo veröffentlichte im Jahr 2003 in der Fachzeitschrift Cognitive Brain Research ein Bild, das durch die Weltpresse ging: Ein Junge und ein Mädchen laufen an einer Palme vorbei in Richtung eines Segelschiffs. Die Sonne scheint auf sie herab, man sieht Wolken am Himmel und Vögel, die vorbeiziehen. Und dieses Bild wurde gezeichnet von einem seit Geburt Blinden! Für die Forschung ein Rätsel. Der Traum bleibt ein Mysterium.

Von Hans Peter Heinrich

Siehe auch einen weiteren Artikel dieser Ausgabe: Wie träumen Obdachlose?