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Von da an musste er für die Terroristen der Boko Haram LKW fahren. Waffen, Menschen, häufig wusste er nicht, was er transportierte. (Foto: Gemini)

Die Chance

Chance kommt aus dem Französischen und bedeutet ursprünglich „Glücksfall“. 

Adisa kam vor acht Jahren in die Beratungsstelle der Flüchtlingsinitiative STAY!. Er ist ziemlich nervös, unsicher, jedoch sehr höflich. Er legt uns einen Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor. Sein Asylantrag ist abgelehnt worden. Er möchte mit unserer Hilfe eine Klage gegen die Entscheidung einreichen.

Adisa ist 27 Jahre alt und war LKW-Fahrer in Nigeria. Dort hat ihn die Boko Haram zwangsrekrutiert. Die Boko Haram, von denen man immer in der Tagesschau hört. Eine islamistische Terrorgruppe, die für die Einführung der Scharia in ganz Nigeria kämpft. Von da an musste er für die Terroristen LKW fahren. Waffen, Menschen, häufig wusste er nicht, was er transportierte. Als er uns davon erzählt, von der Angst, dem Druck der auf ihm lastete, bilden sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Adisa will für diese Menschen, deren Überzeugung er nicht teilt, nicht mehr arbeiten. Er wünscht sich sein normales Leben zurück, er hat Angst, seine Familie in Gefahr zu bringen. Er flieht, taucht unter. Er weiß, wenn sie ihn finden, werden sie ihn töten. Er hat zu viel gesehen, zu viel gehört.

Mit Hilfe von Freunden schafft er es, Nigeria zu verlassen, über Land und mit dem Boot übers Mittelmeer bis nach Europa. Bei seiner Frau und seinen Kindern hat er sich nicht mehr richtig verabschieden können. Die Angst ist zu groß, dass die Kämpfer der Boko Haram in dabei aufgreifen. Voller Hoffnung, Schutz zu bekommen und seine Frau und seine Kinder in diese Sicherheit nachholen zu können, erreicht er Deutschland. Seine Einreise ist nach unserem Gesetz illegal. Er hatte kein Visum. Wie hätte er dieses auch bekommen können? Visumverfahren können Jahre dauern. Menschen, die fliehen müssen, haben aber keine Zeit für bürokratische Vorgänge. Wir schreiben die Klage an das Verwaltungsgericht für ihn, begleiten ihn bei seiner Verhandlung. Adisa ist so nervös und panisch, dass ihm der Richter eine Pause gewährt. Er beschreibt den Horror bei der Boko Haram, seine Angst zu sterben. Das Gespräch mit dem Richter wirkt positiv. Der Richter zeigt Verständnis, er solle sich keine Sorgen machen. Er verlässt voller Hoffnung das Gericht. 

Zehn Monate später steht Adisa wieder in unserem Büro. Das Gericht hat seine Klage abgelehnt. Er ist völlig am Boden zerstört. Ob wir ihm helfen können. Was er jetzt tun solle? Wir erklären ihm seine rechtliche Situation und was jetzt bei der Ausländerbehörde passieren wird. Er ist ab jetzt nur noch geduldet, muss Deutschland verlassen, soll seinen Pass besorgen. Manchmal können wir ihn zur Ausländerbehörde begleiten. Er ist bei jeder Vorsprache dort ein psychisches Wrack. Der Ton ist rau und der Druck wird bei jedem Besuch erhöht. Irgendwann bricht er unter diesem Druck zusammen. Er wird stationär in die Psychiatrie aufgenommen, da er als suizidal gilt. Drei Monate bleibt er dort und ist auch danach ambulant in Behandlung. Immer wieder legt er der Ausländerbehörde Arbeitsverträge vor und wir beantragen die Arbeitserlaubnis dafür. Die Behörde lehnt jedoch immer wieder ab. Nach jedem Besuch bei uns machen wir uns Sorgen um ihn. Er wirkt krank, jedes Mal. Wie viel Druck und steigende Hoffnungslosigkeit kann ein Mensch aushalten? Wir hören lange nichts mehr von ihm.

Dann gibt es ein neues Gesetz, dass geduldeten Menschen unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit gibt, einen Aufenthalt für 18 Monate zu bekommen. In dieser Zeit muss ein Job gefunden werden, ein Integrationskurs absolviert und die deutsche Sprache erlernt werden. Adisa findet schnell einen Job als Staplerfahrer. Deutsch hat er schon lange vorher gelernt. Wir beantragen den Aufenthalt für ihn und er wird bewilligt. Er erhält einen unbefristeten Arbeitsvertrag und findet eine kleine Wohnung. 

Er besucht uns mit seiner neuen Aufenthaltskarte in unserem Büro. Ein neuer Mensch steht vor uns. Er lacht viel und scherzt mit uns. 

Adisa möchte jetzt, da er genug Geld verdient, seine Frau und seine zwei Kinder nach Deutschland holen. Er wirkt glücklich und zuversichtlich und wir verabreden uns gemeinsam zu feiern, wenn er und seine Familie endlich wieder zusammen leben können. Er weiß, es ist die Chance seines Lebens. Ein Glücksfall. 

Nicole Tauscher und Oliver Ongaro

Nicole Tauscher arbeitet als Sozialarbeiterin bei der unabhängigen Flüchtlingsinitiative STAY! e.V., die mit Hilfe von fiftyfifty gegründet worden ist. STAY! ist dringend auf Spenden angewiesen.
Spendenkonto: STAY! e.V. IBAN; DE51 4306 0967 4008 4085 00 // BIC: GENODEM1GLS