Söder hat ein Mondgesicht
Von Claus von Wagner*
Vielen Dank für das politische Asyl (bei den Mitternachtsspitzen in Köln). Ich bin Münchner. Ich halt’s in meiner Heimatstadt nicht mehr aus. Wir haben ja zwei große Ereignisse, wo wir kollektiv den Verstand abschalten: Oktoberfest und die IAA - Internationale Automobil-Ausstellung. Die läuft auf unserer Prachtstraße, Ludwigstraße … alles zugebaut mit diesen gigantischen Messeständen voller Autos. Ich geb’ zu, ich mag diese subversive Idee, dass man die größte Automobilmesse der Welt nutzt, um eine Hauptverkehrsader mal für den Autoverkehr sperren zu können. Für eine ganze Woche. Und damit die Leute es nicht merken, dafür Autos auf die Straße stellen. Aber diese ausgestellte Doppelmoral, die ist schwer auszuhalten. Weil in diesen Pavillons heißt es überall: „Die Zukunft ist das Elektro-Auto.“ Während sie hinterrücks gerade versuchen, das Verbrenner-Aus zu verschieben. Weil man die Elektromobilität ja verschlafen hat. Flankiert wird das ganze von der Union, Friedrich Merz. Und Markus Söder hat gesagt: Das Verbrenner-Aus nicht nur verschieben, sondern komplett kippen. Was angesichts der Klimakrise … wobei: Was erwartet man von einem Mann wie Markus Söder, der bei der wichtigsten Landtagswahl in seinem Leben damals ein Bayrisches Raumfahrtprogramm vorgeschlagen hat mit seinem Gesicht als Logo. Ich weiß, der Mann hat ein Mondgesicht, aber was genau sollte uns dieses Logo sagen? Dieser Kopf hat Erfahrung mit Vakuum? Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen dem Ego von Markus Söder und der NASA? Die NASA hat wenigstens ein Kontrollzentrum.
Entschuldigung, ich will gar nicht auf Personen herumhauen. Es will mir bloß nicht in den Kopf, warum wir in der Klimakrise nicht mutiger voranschreiten. Ich verstehe nicht, dass wir als Menschheit es nicht schaffen, zu sagen: Komm, das ist eine Riesenherausforderung, lasst uns mal was Großes probieren - ein völlig anderes Wirtschaftssystem. Oder wir verstaatlichen jetzt die Ölfirmen. Uder wir verbieten SUVs. Ein Kumpel von mir der mag das Argument gar nicht; der ist besessen von SUVs. Die seien nicht der Hauptverursacher für die Klimakrise - und es stimmt ja auch. Die sind nicht der Hauptverursacher. Aber wenn bei mir in der Straße ein BMW X7 parkt und es parken normalgroße Autos dahinter, dann sieht der X7 aus, als hätte er Junge bekommen. Das ist doch nicht normal. Ich bin nicht besessen von SUVs. Es könnte höchstens sein, dass ich Momente meiner Freizeit verwende, mir zu überlegen, wie man SUVs sabotieren kann, ohne dass das als Sachbeschädigung gilt. Das ist Gegenwehr, das ist Notwehr, das ist alles im Rahmen der Gesetze. Also ich hab jetzt nicht Jura studiert, aber mein Vater ist Jurist und Jura ist erblich. Sachbeschädigung im Sinne des Paragraphen 303 StGB ist es ja nur, wenn eine fremde Sache in ihrer Substanz quasi angegriffen wird, indem sie zerstört, beschädigt wird. Das ist ganz wichtig: Substanz muss angegriffen sein. Und jetzt ist es so: Beim Luftrauslassen ist ja nicht die Substanz verletzt worden. Ein Reifen verliert ja durch das Luftrauslassen keine Substanz. Das können Sie sich ganz einfach merken. Friedrich Merz gewinnt ja auch nicht an Substanz, wenn er in einer Talkshow die Backen aufbläst.
Claus von Wagner ist Kabarettist, Satiriker und Moderator. Er studierte Kommunikationswissenschaft, Neuere Geschichte sowie Medienrecht. Bereits während seiner Studienzeit begann er mit ersten Auftritten auf Kleinkunstbühnen. Seit 2004 tourt er regelmäßig mit Soloprogrammen, in denen er gesellschaftliche und politische Themen mit feinem Humor und analytischem Scharfsinn verknüpft. Gemeinsam mit Max Uthoff ist von Wagner seit 2014 Gastgeber der ZDF-Satiresendung Die Anstalt. Er gilt als einer der profiliertesten Vertreter des politischen Kabaretts in Deutschland. Derzeit ist von Wagner mit dem Programm Projekt Equilibrium unterwegs, in dem er die Fragilität gesellschaftlicher und politischer Balance reflektiert. Claus von Wagner lebt mit seiner Familie in München.
*Transkript aus: www.ardmediathek.de